Meine Frau weint
[…] Das hat etwas mit Respekt zu tun, mit Aufmerksamkeit, die sich nicht nur auf Menschen richtet.
Text: Anton Schroeder
Da ist das Wort. Da ist der Klang des Wortes. Da ist die Bedeutung. Das sind unterschiedliche Dinge, die etwas miteinander zu tun haben. Das sind unterschiedliche Dinge, oft gehen sie unter im alltäglichen Sprechen und Zuhören, Sprache ist dann Mittel zum Zweck, als Sprache selbst tritt sie nur manchmal in Erscheinung – jemand verspricht sich, spricht ein Wort anders aus als du es gewöhnt bist. Dann wunderst du dich, denkst: das ist ein Akzent vielleicht, das ist falsch ausgesprochen. Mit dem Körper ist das ähnlich für die meisten Menschen. Ist er kaputt, dann tut etwas weh. Du spürst den Körper dann, etwas ist falsch. Wenn ich weinen muss oder lachen, bricht der Körper durch, fällt dem Satz ins Wort.
«Radikale Trennung der Elemente», forderte Bertolt Brecht 1930 in einem Text zur Oper. Kein Gesamtkunstwerk, sondern die Eigenständigkeit von Text, Körper, Musik, Rollen. Viele Regisseur:innen haben diese Idee im Film umgesetzt oder umzusetzen versucht. Im gegenwärtigen narrativen Spielfilmbereich gibt es vielleicht keine Filmemacherin, die so poetisch, so zart mit der Idee umgeht wie Angela Schanelec. Auf wundersame Weise sind die Mittel hier getrennt und gleichzeitig vereint, wie im freien Tanz vielleicht oder beim musikalischen Improvisieren, wo jedes Instrument distinkt voneinander zu unterscheiden ist. Mal tritt ein Solist in den Vordergrund, aber man spielt zusammen.
Meine Frau weint ist keine Ausnahme in Schanelecs Werk, eher ist der Film Rückbesinnung und Weiterentwicklung zugleich. Rückbesinnung daher, weil der Film sich in seiner Erzählung um wenige Personen dreht, in Berlin spielt, weil die Figuren zaudern, um Sprache und Nähe ringen. Selten fallen die beiden zusammen und wenn doch, hat der Körper etwas damit zu tun. Die Trennung vom Klang und der Bedeutung der Sprache, dem Schauspielerkörper und der Rolle ist in Schanelecs neuem Film besonders augen- und ohrenscheinig. Die beiden Hauptfiguren, also Carla (Agathe Bonitzer), die Frau die weint, und Thomas, (Vladimir Vulević) aus dessen Sicht der Filmtitel spricht, werden gespielt von Personen, die im Akzent sprechen. Das heisst nicht, dass sie falsch sprechen. Vielmehr macht es aufmerksam auf die Sprache selbst und den Akt des Sprechens. Einen Satz zu formulieren, ist nicht einfach. Ihn auch zu meinen, sich verständlich zu machen, erst recht nicht.
Carla weint wegen eines Unfalls, vielleicht auch wegen der Nähe. Um sich auszudrücken, so gut es eben geht, braucht sie zwei lange Spaziergänge, was nicht wenig ist in einem Film dieser Regisseurin. Da sass ein anderer Mann mit ihr im Auto, zu dem Carla eine besondere Verbindung hatte, die mit Sprache nichts und dann vieles zu tun hat. Manche Sätze muss man wiederholen, so gewaltig ist ihr Gehalt. Er ist tot. Er ist tot, ja.
Während einem dieser Spaziergänge dringt die Sprache in Thomas’ Körper ein. «Mein Kopf platzt!», ruft er. In einer schönen wie schmerzhaften Einstellung sieht man zunächst seine Beine, die blaue Hose, daneben einen Baum. Es ist fast dunkel, etwas umständlich fällt und dreht sich Thomas gegen den Baum, er setzt sich. Die Hände am Kopf verharrt er am Boden und bewegt sich nicht mehr. An Sprechen ist nicht zu denken, an Denken auch nicht. Beim zweiten Spaziergang stellt er Fragen, die man eben stellt. Wo wart ihr, wie lange seid ihr gefahren, habt ihr geredet. Er ist tot, was soll man da antworten.
Wunderschön sind die Dialoge in Meine Frau weint, überlegt und poetisch, leicht und schwer. Und doch fragt man sich, wenn irgendwann Musik einsetzt und getanzt wird, ob das Sprachliche jemals wirklich zusammengeführt hat, ob es so zart verbinden kann wie der Tanz es in dieser Einstellung tut. Wie vieles im Film ist auch der Tanz genau komponiert, man bewegt sich zusammen, mal synchron und dann wieder nicht. Es ist angemessen viel Raum für den Einzelnen – im Tanz, in der statischen Kameraeinstellung.
Das Verhältnis von Nähe und Distanz, vom Abstossen und Anziehen, durchdringt den Film, ohne zum Kern zu werden, so etwas gibt es hier nicht. Nähe und Distanz muss man aushalten können, zu Menschen wie Dingen. Einmal spricht Carla mit einer Arbeitskollegin, es geht um Partner, Handball, Sex. Wie so oft in diesem Film und generell bei Schanelec sitzen die Figuren auf Fahrrädern. Auf einmal dringt Blasmusik ins Gespräch ein, nur mit Mühe kann man dem Dialog noch folgen. Die Kamera wendet sich der Kapelle zu, sie bleibt auf Distanz, beobachtet aus der Ferne. Die Musiker:innen sind nur als Pulk sichtbar. Wir sehen, wie der Regen einsetzt, die Gruppe löst sich auf. Unter den Bäumen ist es trocken. Kurz darauf verabschiedet sich Carla von ihrer Freundin, die beiden umarmen sich innig und nah. Der Film schneidet weg, da dauert die Umarmung noch an – wie lange, wissen wir nicht.
Ob ein Mensch gefilmt wird oder ein Ding, macht einen Unterschied. Oft vergisst man das, eine Hose wird eben getragen, sie verbleibt im Funktionalen. Wirklich benennen kann ich nicht, warum das bei Schanelec anders ist, warum das Orange einer Arbeiterweste in Meine Frau weint zwar das Orange dieser Weste ist, gleichzeitig aber auch die Farbe selbst, warum das Waschen einer Tasse und das Waschen von Obst sich hier so distinkt unterscheiden. Bei solchen Vorgängen nimmt sich der Film die Zeit, die es braucht. Das hat etwas mit Respekt zu tun, mit Aufmerksamkeit, die sich nicht nur auf Menschen richtet. Ein Kran ist nicht unwichtiger als eine Hand. Wie das Licht in einem bestimmten Moment durch ein bestimmtes Fenster fällt, ein Gesicht streift…
Schanelec hat in Interviews des Öfteren betont, nicht allzu viel zu ihren Filmen sagen zu können. Könnte man einen Film komplett sprachlich greifen, müsste man ihn nicht drehen. Das ist ein schöner Gedanke.
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Screenings at Stadtkino Basel and Filmpodium Zürich
Info
Meine Frau weint | Film | Angela Schanelec | DE 2026 | 92’ | Berlinale 2026
First published: August 27, 2026