Meanwhile in Namibia

[…] Ein modernes, urbanisiertes und transkulturelles Namibia wird so durch eine fiktive Darstellung von Ländlichkeit und Primitivismus ersetzt, ganz im Sinne einer perfekt neokolonialen Logik der Leugnung.

[…] Die Stärke von «Meanwhile in Namibia» liegt darin, den kulturellen und neokolonialen Paternalismus der «Guten» aus der humanitären Hilfe und dem bewussten Tourismus aufzudecken.

Schon mit dem Titel Meanwhile in Namibia will Jonas Spriestersbach der von der journalistischen Agenda diktierten Aufmerksamkeitspolitik entgegenwirken, welche Namibia als ruhiges afrikanisches Land und damit als attraktives Reiseziel darstellt. Diese Wahrnehmung wird uns vertraut vorkommen und findet ihre Bestätigung in der Ruhe, die der Film vermittelt. Es handelt sich jedoch um eine scheinbare Ruhe. Inmitten der Stille einer halb wüstenartigen Landschaft geht Spriestersbach den Spuren einer kolonialen Vergangenheit von ausserordentlicher Brutalität nach und macht dabei auf den Völkermord an den indigenen Völkern aufmerksam, den Deutschland nie anerkennen wollte. Der Kontrast zwischen dieser Vergangenheit und dem scheinbaren Frieden schafft eine entsetzliche Friedhofatmosphäre.

Unter der Last dieser schwerwiegenden Geschichte steht im Film jedoch nicht die Vergangenheit im Mittelpunkt, sondern die Gegenwart. Deutschland hat sich endlich dazu entschlossen, nur einige der Verfehlungen der Vergangenheit anzuerkennen, und statt eine echte Wiedergutmachung zu bieten, engagiert es sich heute in einem auf «Biodiversität» ausgerichteten Hilfsprogramm. Die Hilfen beschränken sich de facto nur auf das Marketing und die inhaltliche Gestaltung eines umfangreichen Netzwerks von Live Museums, die die verschiedenen Gemeinden auf eigene Kosten errichten müssen. Mit dem Ziel, die verschiedenen ethnischen Gruppen dazu zu bewegen, sich ihre Traditionen wieder anzueignen, läuft die Politik der Wiedergutmachung letztlich auf eine erzwungene folkloristische Inszenierung hinaus, die darauf abzielt, den Exotismus-Tourismus zu fördern. Ein modernes, urbanisiertes und transkulturelles Namibia wird so durch eine fiktive Darstellung von Ländlichkeit und Primitivismus ersetzt, ganz im Sinne einer perfekt neokolonialen Logik der Leugnung.

Die Montage des Films präsentiert durch eine rasche Abfolge eindringlicher Bilder eine dichte Auswahl an Widersprüchen und Absurditäten. Die schlichte Ästhetik von Meanwhile in Namibia erinnert daher an den zynischen Blick eines Ulrich Seidl. Im Gegensatz zum österreichischen Regisseur konzentriert sich Spriestersbach jedoch weniger auf die «Bösewichte», die anachronistisch koloniale Praktiken wie die Jagd auf Wildtiere wiederbeleben – die im Film ebenfalls zu sehen sind. Die Stärke von Meanwhile in Namibia liegt darin, den kulturellen und neokolonialen Paternalismus der «Guten» aus der humanitären Hilfe und dem bewussten Tourismus aufzudecken. Es sind die Heuchelei und die neuen Formen des wohltätigen Colonial Washing, die die Spezifität dieses Dokumentarfilms ausmachen.

Läuft Spriestersbach mit seiner thematischen Hartnäckigkeit paradoxerweise Gefahr, der europäischen Präsenz in Afrika weiterhin zu viel Bedeutung beizumessen? Und sündigt er in Meanwhile in Namibia durch eine einseitige Sichtweise auf die Realität des Landes? Der Blick des deutschen Regisseurs ist sicherlich spezifisch, doch scheint er mir durch die Informationen gerechtfertigt, welche im Film nüchtern wiedergegeben werden: Namibia rangiert weiterhin ganz oben auf der weltweiten Rangliste der sozialen Ungerechtigkeit, wobei die Ausbeutung der Ressourcen einer äusserst kleinen, nach wie vor überwiegend europäischen Minderheit zugutekommt. Die formale Entscheidung, den Dokumentarfilm in klar voneinander getrennte Episoden zu gliedern, schafft zudem einen nicht narrativen Rhythmus, der uns den nötigen Abstand verschafft, um unsere Wahrnehmung der uns zugänglichen Realität zu reflektieren und zu verarbeiten.

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Meanwhile in Namibia | Film | Jonas Spriestersbach | DE-NAM 2026 | 120’ | Visions du Réel Nyon 2026

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First published: May 08, 2026