Manhunt

Was wie ein Roadmovie in den Weiten Kanadas beginnt, wird in «Manhunt» zur verstörenden Studie zweier junger Männer auf dem Weg in die Gewalt. Wayne Wapeemukwa fragt nicht nach einfachen Motiven, sondern nach einer Gesellschaft, in der Kränkung, Frauenhass und fragile Männlichkeitsbilder einen gefährlichen Resonanzraum finden.

Text: Sarah Stutte

Zwei junge Männer sitzen in einem Auto und fahren los. Sie wollen weg. Weg aus einem Leben, in dem offenbar nichts auf sie wartet, hinein in die Weiten Kanadas. Joey und Kit haben keine grossen Pläne, eher die diffuse Vorstellung, irgendwo anders noch einmal anfangen zu können. Zu Beginn könnte Wayne Wapeemukwas Manhunt deshalb beinahe ein Roadmovie sein. Doch je weiter die beiden fahren, desto deutlicher wird, dass sie etwas mitnehmen, dem sie nicht entkommen können: ihre Einsamkeit, ihre Wut und ein Bild von Männlichkeit, das ihnen Stärke verspricht und sie immer tiefer in eine Spirale der Gewalt zieht.

Der kanadische Regisseur greift für seinen zweiten Spielfilm einen realen Fall auf. Im Sommer 2019 töteten der 19-jährige Kam McLeod und der 18-jährige Bryer Schmegelsky während einer Fahrt durch den Norden British Columbias drei Menschen. Es folgte eine landesweite Fahndung über Tausende Kilometer, bis die beiden schliesslich tot in der Wildnis Manitobas gefunden wurden. Sie hatten sich selbst erschossen. Ein eindeutiges Motiv für ihre Taten wurde nie bekannt.

Wapeemukwa interessiert sich jedoch nicht für die Mechanismen des True Crime. Er rekonstruiert die Verbrechen nicht akribisch und liefert erst recht keine einfache psychologische Erklärung. Ihn beschäftigt vielmehr, wie aus jungen Männern Täter werden können. Und welche gesellschaftlichen Vorstellungen dazu beitragen, dass Einsamkeit und Frustration irgendwann in Hass umschlagen.

Damit ist Manhunt ein Film der Gegenwart. Computerspiele und digitale Parallelwelten bilden einen Resonanzraum für die Unzufriedenheit der beiden. Als Joey und Kit unterwegs die trampenden Zwillingsschwestern Becca und Dani mitnehmen, genügt bereits eine Niederlage gegen eines der Mädchen im gemeinsam gespielten Shooter, um Kits Selbstbild ins Wanken zu bringen. Die Gewalt beginnt, lange bevor ein Schuss fällt. Sie steckt in der Sprache, in Gesten, in Kränkungen und im Anspruch, anderen überlegen sein zu müssen. Die sogenannte Manosphere bietet für solche Gefühle einfache Erklärungen: Schuld sind die anderen, die Frauen, die Gesellschaft, eine Welt, die einem angeblich etwas vorenthält. Aus Verletzlichkeit wird Kränkung, aus Kränkung Wut.

Als die vier später an Bildern vermisster Mädchen und Frauen vorbeikommen, stellen Becca und Dani erschrocken fest, wie viele es sind. Kit geht einfach weiter, Joey reagiert nur mit einem knappen Ja – als überrasche ihn dieser Anblick kaum. Die Szene verweist auf die vielen verschwundenen Frauen und Mädchen in Kanada, legt aber zugleich eine erschreckende Gleichgültigkeit offen. Joey und Kit betrachten ein Problem von aussen, zu dessen Gewalt sie selbst längst gehören.

Wapeemukwa erzählte in einem privaten Gespräch in Locarno, dass er Manhunt ausdrücklich auch als feministischen Film verstanden wissen will. Gerade deshalb wollte er die Gewalt gegen Frauen nicht zeigen. Das ist eine bemerkenswerte Entscheidung für einen Film über einen realen Mehrfachmord. Manhunt ist voller Gewalt und gleichzeitig erstaunlich gewaltarm. Nur beim Schuss auf einen Mann wird sie unmittelbar sichtbar. Die Frauen dagegen werden nicht ein zweites Mal zu Opfern, indem der Film ihre Ermordung als Schauwert reproduziert.

Besonders eindringlich zeigt sich das bei den beiden Mädchen. Wir sehen nicht, wie sie sterben. Erst als die Kamera Distanz gewinnt und sich der Bildraum öffnet, begreifen wir, dass auch sie tot sind. Wapeemukwa liefert die entscheidenden Bilder nicht. Wir müssen sie selbst ergänzen.

Überhaupt ist Manhunt ein Film der Ellipsen. Immer wieder fehlen genau jene Momente, die ein konventioneller Thriller ausstellen würde. Das Publikum muss beobachten, kombinieren und die Lücken selbst schliessen. Darin spiegelt sich zugleich der reale Fall, bei dem die zentrale Frage unbeantwortet blieb: Warum? Wapeemukwa ersetzt diese Leerstelle nicht durch eine vermeintlich eindeutige Erklärung. Er legt vielmehr Spuren aus. Wie sie miteinander zusammenhängen, überlässt er dem Publikum.

Wapeemukwa macht es sich dabei nicht einfach, Joey und Kit von Anfang an als Monster zu markieren. Darin liegt vielleicht das Verstörendste seines Films. Sie sind unreif, lächerlich, bisweilen sogar zärtlich miteinander. Wir sehen zwei verlorene junge Männer, bevor wir Täter sehen. Das bedeutet nicht, dass ihre Taten zu entschuldigen sind. Im Gegenteil: Es verhindert die beruhigende Vorstellung, Täter seien Wesen, die mit der übrigen Gesellschaft nichts zu tun hätten.

Auch die Farbdramaturgie folgt dieser zunehmenden Verschiebung der Wahrnehmung. Lange erscheinen die Landschaften des kanadischen Nordens als Versprechen von Freiheit und Neuanfang. Im letzten Drittel legt sich dann rötliches Licht über die Landschaft, als wäre die Welt selbst von den Taten der beiden kontaminiert. Das Rot lässt sich als Farbe des Blutes und der Gewalt lesen, die der Film gerade nicht explizit zeigt. Gleichzeitig hat es etwas Fiebertraumartiges. Realität und Wahn beginnen sich zu überlagern. Je weiter Joey und Kit in die Wildnis vordringen, desto weniger scheinen sie noch unterscheiden zu können, ob sie sich in der Wirklichkeit oder in einer jener künstlichen Welten bewegen, deren Regeln sie aus Games kennen.

Besonders deutlich wird die Grenzauflösung an der Waffe, die Joey und Kit mithilfe eines 3D-Druckers herstellen. Im realen Fall von 2019 spielte eine solche Waffe keine Rolle. Wapeemukwa hat sie für Manhunt erfunden, wie er im Gespräch in Locarno erzählte – gerade um die Verbindung zwischen der digitalen Welt der beiden Jungen und der realen Gewalt zu verstärken. Die 3D-Waffe wird damit zu einem der zentralen Bilder des Films: Was zunächst nur aus Daten besteht, nimmt materielle Gestalt an und kann töten.

Auch der Schluss verweigert eine einfache Lesart. Die Menschen, die dort auftauchen so wie schon am Anfang des Films, könnte man zunächst für die Eltern eines der Jungen halten. Wapeemukwa wollte damit jedoch daran erinnern, dass sich damals auch Angehörige indigener Gemeinschaften an der realen Suche nach den beiden jungen Tätern beteiligten. Für den Regisseur, der selbst indigene Wurzeln hat, war diese Perspektive wichtig.

Der Schluss legt noch eine andere Bedeutung dieser vermeintlichen Leere frei. Die Wildnis, in die Joey und Kit fliehen, ist kein unbeschriebener Raum, in dem man einfach verschwinden und noch einmal von vorne beginnen kann. Diese Vorstellung trägt selbst einen kolonialen Gedanken in sich. Das Land hat längst Bewohner, Geschichten und Erinnerungen. Joey und Kit nehmen sie nur nicht wahr.

Man kann Manhunt deshalb nur möglichst viele junge Zuschauerinnen und Zuschauer wünschen. Nicht weil der Film ihnen fertige Antworten gibt, sondern weil er ihnen zutraut, selbst hinzusehen. Und Fragen auszuhalten, auf die es vielleicht keine einfachen Antworten gibt.

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Manhunt | Film | Wayne Wapeemukwa | CAN 2026 | 103’ | Locarno Film Festival 2026

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First published: August 21, 2026