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Los perros

Los perros

[…] Das hängt nicht nur damit zusammen, dass Pinochets Militärdiktatur erst etwas mehr als eine Generation in der Vergangenheit liegt, sondern auch damit, dass die entsprechenden gesellschaftlichen Eliten die selben geblieben sind, die fiktiven und nicht-fiktiven Narrative also immer noch selbst mitbestimmen. 

[…] Einmal fällt der Satz, dass Chiles Hauptproblem nicht die vielen tatsächlichen Verbrecher waren, sondern deren zahlreiche passive Komplizen, die sie haben gewähren lassen. Dazu gehören, wie sich herausstellt, nicht nur Marianas Vater sondern auch sie selbst, geboren Jahre nachdem die schlimmsten Vergehen stattfanden.

[…] Das ist so interessant und verstörend zu beobachten, dass man seine Augen von der Protagonistin, ihrem Gesicht – und somit von «Los perros» selbst, der vollständig um dieses Gesicht herum konstruiert ist – kaum lösen kann.

Würde es sich bei Marcela Saids Los perros um eine asiatische Produktion handeln, wäre dieser fast mit Sicherheit ein Geisterfilm, in dem vergangene und ungesühnte Verbrechen die Gegenwart heimsuchen um die Schuldigen oder ihre Nachkommen mit zeitlicher Verzögerung (die in einem zyklischen Zeitverständnis eigentlich keine ist) doch noch zur Verantwortung ziehen. Los perros aber spielt im gegenwärtigen Chile, in dem Geistergeschichten keine bedeutende Tradition haben, das in seiner jüngeren Geschichte gelinde gesagt aber noch einiges an Unverarbeiteten und Ungesühntem aufzuweisen hat. Was anderswo also jetzt in verschiedenen Geisternarrativen thematisiert und aufgewühlt werden könnte, die eine aus dem Lot geratene, chaotische und schmerzhafte Affektlandschaft sichtbar machen und neu anordnen, äussert sich hier hauptsächlich in irritierenden psychologischen Verhaltensmustern, die zwar faszinierend zu betrachten sind, unter dem Strich aber nicht geeignet sind, neue Ordnung zu schaffen. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass Pinochets Militärdiktatur erst etwas mehr als eine Generation in der Vergangenheit liegt, sondern auch damit, dass die entsprechenden gesellschaftlichen Eliten die selben geblieben sind, die fiktiven und nicht-fiktiven Narrative also immer noch selbst mitbestimmen. 

Der Ort, in dem sich in Los perros alle jene widersprüchlichen Affekte vereinen und für kurze Zeit manifest werden können, ist das Gesicht seiner Protagonistin Mariana. Behütet aufgewachsen als Teil jener Elite, deren Rolle während der Militärdiktatur noch sehr lückenhaft aufgearbeitet ist, strahlt sie zu jeder Zeit eine schon fast gespenstisch-unheimliche Unbekümmertheit aus – egal ob ihr gerade der Nachbar droht, ihren Hund zu erschiessen, ob sie ihren Reitlehrer nach seiner mutmasslich menschenrechtsverletzenden Vergangenheit beim Militär ausfragt, oder ihren Vater mit dessen eigener Rolle während der Diktatur konfrontiert. Mariana, einprägsam gespielt von Antonia Zegers ist eine komplexe, weder sympathische noch unsympathische Figur, deren oberflächliche Vorlieben für Shopping und schnulzige Musik über ihre Abgründe hinwegtäuscht. Die Anziehung zwischen ihr und dem Reitlehrer Juan lässt nicht etwa nach, als sie erfährt, dass gegen diesen eine Untersuchung wegen humanitärer Verbrechen läuft, sondern intensiviert diese, reichert sie um ein wechselhaftes Spiel um Dominanz an, bei dem nie deutlich ist, wer gerade wem überlegen ist. Ausserhalb dieses Spiels sind die genauen Inhalte von Juans Vergehen für Mariana kaum von Interesse – sogar als er ihr gegenüber schliesslich den Verdacht der Polizei bestätigt. 

Einmal fällt der Satz, dass Chiles Hauptproblem nicht die vielen tatsächlichen Verbrecher waren, sondern deren zahlreiche passive Komplizen, die sie haben gewähren lassen. Dazu gehören, wie sich herausstellt, nicht nur Marianas Vater sondern auch sie selbst, geboren Jahre nachdem die schlimmsten Vergehen stattfanden. Obwohl sie über die Vergangenheit der verschiedenen Männer nachforscht, gar agressiv-passiv einen gegen Juan ermittelnden Polizisten verführt, dient ihr das erlangte Wissen zu keinem weiteren Zweck als zur Fütterung ihrer Faszinationen. Das ist so interessant und verstörend zu beobachten, dass man seine Augen von der Protagonistin, ihrem Gesicht – und somit von Los perros selbst, der vollständig um dieses Gesicht herum konstruiert ist – kaum lösen kann. Man könnte sie beinahe als monströs empfinden, wenn ihr Verhalten nicht irgendwie auch begründet wäre in der Art, wie fast alle Männer mit ihr umgehen. Die Kommunikation mit ihrem Ehemann ist mehr als unterkühlt, und als Mitinhaberin der Firma des Vaters wird sie kaum ernst genommen, wird nicht über wichtige Termine informiert, und das Dokument, das sie bitte unterschreiben soll, solle sie bitte gar nicht erst durchlesen. In keiner dieser Situationen kommt Mariana ihr Lächeln abhanden, dessen Natur zwischen warmer Anteilnahme, distanziertem Amüsement und kaltem Nihilismus nie wirklich auszumachen ist. 

Am meisten kann sie sich noch in der Gegenwart der zahlreichen Tiere öffnen, die ansonsten wohl hauptsächlich der Symbolik wegen den Film bevölkern: Ihr Hund, dessen Gegenwart in ihrem Bett sie jener ihres Mannes vorzieht, den sie aber trotz der Drohung des Nachbaren nicht am Herumstreunen hindern will; die Pferde, die das Machtspiel zwischen ihr und Juan gleichzeitig ermöglichen und symbolisieren, sowie schliesslich das titelgebende Gemälde, das eine junges Mädchen umgeben von einer sie bedrängenden oder umschwärmenden Hundemeute zeigt, die es mit derselben Distanziertheit begegnet wie Mariana ihrer vergifteten Umgebung. Mag dieser Symbolismus manchmal auch etwas offensichtlich wirken, so vermag er es zum Glück nicht, Los perros in seiner Wirkungskraft zu schmälern. Eine Wirkungskraft, die der Film bis zum Schluss aus Antonia Zegers Gesicht zieht, das in seiner Unnahbarkeit interessanter, komplexer und auch unheimlicher ist als so gut wie jedes herkömmliche Gespenst.

First published: November 28, 2017

Los perros | Film | Marcela Said | FR-CHL 2017 | 94’ | Filmar en América Latina Festival Genève 2017

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