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Les particules

Les particules

[…] Die enormen Kontraste zwischen der eigenen wahrgenommenen Bedeutungslosigkeit und der in nächster Nähe stattfindenden Forschungstätigkeit, die sich vom Urknall über das Higgs-Teilchen bis zur Antimaterie befasst, scheinen – zumindest in Harrisons Film – bei den Jugendlichen eine Art Endzeitstimmung zu kreieren.

[…] So ist «Les particules» auf seine eigene spezielle Weise eine Dokumentation der jugendlichen Psyche, die mit sich selbst und dem Übernatürlichen konfrontiert wird, dabei aber den Unterschied nicht ganz erkennen kann.

Les particules des franko-schweizerischen Regisseurs Blaise Harrison fühlt sich bis zum Schluss, wenn die Ereignisse längst eine dezidiert übernatürliche Färbung angenommen haben, wie ein Dokumentarfilm mit stark melancholischem Unterton an. Der Film ist aber weder eine Dokumentation noch eine reine Genreproduktion, sondern liegt in seiner affektiven Wirkung irgendwo dazwischen – wo immer das auch sein mag. Er zeigt eine Gruppe von Jugendlichen, die dem Leben etwas unmotiviert, wenn auch nicht ganz gleichgültig, gegenübertreten, als erwarteten sie, dass sowieso bald alles zu Ende ist. «Ça ne me passionne pas», sagt seine Hauptfigur einmal lakonisch. Die etwas gedrückte Stimmung und melancholische Grundtendenz rühren vielleicht von der geografischen Situierung der Handlung an der französisch-schweizerischen Grenze bei Genf her, wo sich in 50 bis 175 Meter Tiefe der riesige kreisförmige Tunnel des CERN befindet, in dem winzige Partikel mit enormer Geschwindigkeit miteinander zur Kollision gebracht werden, um den Ursprüngen des Universums auf die Schliche zu kommen. Die enormen Kontraste zwischen der eigenen wahrgenommenen Bedeutungslosigkeit und der in nächster Nähe stattfindenden Forschungstätigkeit, die sich vom Urknall über das Higgs-Teilchen bis zur Antimaterie befasst, scheinen – zumindest in Harrisons Film – bei den Jugendlichen eine Art Endzeitstimmung zu kreieren. Nichts wird als konstant wahrgenommen, weder die eigene Psyche auf der Schwelle zum Erwachsenwerden noch die zwischenmenschlichen Beziehungen, etwa zu abwesenden Eltern oder zu den Mitschülern. Und schon gar nicht ist dies die Realität selbst, die sich aus der Perspektive des Protagonisten Pierre-André (Thomas Daloz) – P.A. genannt – immer wie seltsamer zu verhalten beginnt.

Man sieht der zurückhaltenden Inszenierung deutlich an, dass Harrison bisher als Dokumentarfilmer gearbeitet hat. Sie hat den Effekt, dass das Übernatürliche, das sich erst fast unmerklich, dann immer deutlicher und folgenreicher in die Handlung einschleicht, einerseits glaubhafter ist, andererseits sich mehr auf die Atmosphäre als auf die Handlung des Films auswirkt. Die Tonalität, die fast gänzlich an die Psyche von P.A. gekoppelt ist, ändert sich zum Beispiel auch dann nicht gross, als dessen bester Freund nach einem psychedelischen Experiment im Wald plötzlich verschwindet. Andere seltsame Phänomene wie ein Hase, der mitten in seinem Lauf über ein Feld verschwindet oder sich in seine Einzelatome auflöst, oder seltsame Verformungen einer Wiese, die P.A. aus dem Bus heraus beobachtet, lösen in ihm weniger Besorgnis aus, als dass sie seine Distanz zur Realität einfach noch ein bisschen vergrössern. Wirklich intensiv wahrzunehmen, so, dass er in den jeweiligen Momenten tatsächlich da ist, scheint er nur wenige Dinge: das Musikmachen mit seiner Band, in der er Saxofon spielt, den Marihuana-Konsum mit seinen Freunden und die Begegnungen mit Roshine (Néa Lüders). Wie als zufällige Teilchenkollision erst schüchtern im Treppenhaus der Schule, dann auf dem gemeinsamen Nachhauseweg, schliesslich bei ihr zu Hause. Roshines Krankheit, die sie ständig müde macht und zu regelmässigen Medikamenteninjektionen zwingt, ist im Gegensatz zu jener von P.A. offiziell ärztlich attestiert. Früher bekam er mal ADHS-Medikamente, hat die aber schon lange abgesetzt. Jetzt geht er bloss noch mit seinen Freunden zum Drogendealer, der früher mal elektronische Musik machte, jetzt aber, mit Frau und Kind, endlich mal seriös werden musste, wie er sagt.

Das Wissenschaftliche, präsent durch die buchstäbliche Allgegenwart des Teilchenbeschleunigers im Film wie im Ort, den P.A.s Klasse in einer zentralen Szene auch besucht und erklärt bekommt, fügt sich in Les particules hervorragend mit dem beobachtend-poetischen Gestus zusammen, mit dem dieser die Jugendlichen betrachtet. Als P.A. und Roshine zu zweit auf ihrem Bett sitzen, unterhalten sie sich über die physikalische Unmöglichkeit wirklicher Berührungen, da zwischen den einzelnen Teilchen, die zum Beispiel ihre Hände ausmachen, immer noch eine letzte kleine Lücke bleibt. Bezeichnenderweise beschreibt P.A. die übernatürlichen Dinge, deren Zeuge er wird, als seltsame Dinge, die in seinem Gehirn passieren. Für das Individuum macht es keinen Unterschied, ob seine Wahrnehmung und die Veränderungen, denen diese ausgesetzt ist, der Realität entsprechen oder blosse Einbildung sind, weil es im Grunde keine wirklich objektive Perspektive gibt. Jedenfalls nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass alles, was wir sehen, hören, empfinden, aus winzig kleinen Teilchen besteht, deren wirkliche Natur der Mensch nicht einmal ansatzweise versteht. So ist Les particules auf seine eigene spezielle Weise eine Dokumentation der jugendlichen Psyche, die mit sich selbst und dem Übernatürlichen konfrontiert wird, dabei aber den Unterschied nicht ganz erkennen kann. Und wenn Les particules vieles ist – einfühlsam geschrieben, poetisch beobachtet, surreal-schön komponiert – etwas ist er entschieden nicht: hoffnungsvoll.

First published: July 22, 2019

Les particules | Film | Blaise Harrison | CH-FR 2019 | 98’ | NIFFF 2019

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