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Klondike

Klondike

[…] «Klondike» zerschmettert demonstrativ die Distanz zwischen dem geschichtlichen Ereignis russisch-ukrainischer Krieg und dem privaten Leid, das dieses auslöst.

[…] Krieg ist in «Klondike» keine atemlose Abfolge von Bombardement. Krieg ist ein Zustand. Eine Plage, die das, was sie nicht unmittelbar vernichtet, langsam zersetzt. Filmemacherin Maryna Er Gorbach lässt sie in jedes Bild des Films eindringen.

Screenings in November 2022 in Switzerland at Kino Rätia Thusis, Kino Xenix Zürich, Kino Cameo Winterthur, Stadtkino Basel

Noch ist kein Bild zu sehen, der Krieg aber ist schon da. Bevor die schwarze Leinwand den Blick auf das Panorama freigibt, spricht das Paar noch vom Neuanfang. Ein grosses Fenster («wie in Europa») will Irka (Oxana Cherkashyna) einbauen lassen. Die ersten Bilder des Films machen schnell deutlich, dass es dieses Fenster nie geben wird. Eine Mörsergranate sprengt die Perspektive in das einsame Haus des Paars. Durch den Kader der eingestürzten Wand blicken Irka und Tolik (Sergey Shadrin) auf die karge Graslandschaft des Donbass.

Klondike wird diesen Blick halten, in langen, statischen Bildern auf den Krieg blicken, der 2014 über die Region und 2022 über die gesamte Ukraine hereinbricht. Es sind Bilder, die nicht zwinkern, die gegen besseres Wissen zusehen, wie eine Zukunft vom Krieg erdrückt wird. Irka ist schwanger. Das bedeutet nicht nur, dass es für sie eine Zukunft geben muss, sondern auch, dass die Kriegserfahrung eine so weibliche wie tragische ist. Der Krieg selbst ist dabei so unerbittlich, wie er absurd ist. Beginnend als dümmliche und geradezu komische Zankerei zwischen Jungs, sprich: zwischen dem Ehemann mit Separatistenfreunden und dem patriotischen Bruder Yuryk (Oleg Scherbina). Der Jungspund aus der Hauptstadt nennt den Schwager einen Verräter. Das trifft es nicht ganz, doch nichts davon spielt bald mehr eine Rolle. Tolik und Yuryk führen den symbolischen Krieg zwischen dem Sofaausklopfen und dem Schrankwandrichten im Kleinen. Der grosse Krieg bringt sich derweil im Hintergrund mit Boden-Luft-Raketen in Stellung, um endgültig die Weltbühne zu betreten. Die Streithähne im Haus kann die Hochschwangere noch wahlweise mit heissem und kaltem Wasser trennen, auf dem geopolitischen Spielfeld eskaliert der Konflikt ungebremst. Als der Luftabwehrpanzer wieder in die Richtung rollt, aus der er gekommen ist, hat die auf ihm montierte Rakete bereits die Passagiermaschine des Malaysia-Airline-Flugs 17 getroffen und 298 Unschuldige aus dem Leben gerissen. Die dazugehörigen Nachrichtenbilder laufen nicht nur auf dem heimischen Fernseher, sie finden auf dem eigenen Grundstück statt.

Klondike zerschmettert demonstrativ die Distanz zwischen dem geschichtlichen Ereignis russisch-ukrainischer Krieg und dem privaten Leid, das dieses auslöst. Die Wrackteile aus dem Fernsehen zieren die Landschaft vor der Tür. Die Leiche eines noch immer in den Sitz geschnallten Passagiers ist neben dem Kuhstall eingeschlagen. «Nicht hinsehen», ermahnt Tolik seine Frau, als gäbe es noch ein Wegsehen. Irka weigert sich. Sie weigert sich, wegzusehen, weigert sich, ihr Zuhause aufzugeben, weigert sich, ihr Kind in der Fremde aufzuziehen, weigert sich, das Männerspiel, das sich Krieg nennt, mitzuspielen. Dass ihre mutige zugleich eine tragische Entscheidung ist, erzählt der Film nicht allein über die Trümmer von Artilleriefeuer, Raketen- und Bombenabwürfen.

Krieg ist in Klondike keine atemlose Abfolge von Bombardement. Krieg ist ein Zustand. Eine Plage, die das, was sie nicht unmittelbar vernichtet, langsam zersetzt. Filmemacherin Maryna Er Gorbach lässt sie in jedes Bild des Films eindringen. Der Horizont wird vom paritätischen Teilhaber der Landschaft zum winzigen Streifen zusammengestutzt. Die Sonnenstrahlen liegen nur noch als blasser Schimmer über der Landschaft. Der Sommer kann nicht mehr Sommer sein. Weder kann Tolik dieser Kraft den Rücken kehren, noch kann Irka sie aussperren. Die eingemachten Tomaten reichen nicht, das aus dem Brunnen geschöpfte Wasser stinkt, die über die Wandreste gespannte Plastikfolie bleibt das einzige neue Fenster, das es in diesem Haus geben wird.

Die Brutalität, mit der Klondike das Panorama auf den Krieg öffnet, durchdringt die ostentative Symbolik ebenso wie die nicht weniger erzwungene, wenngleich durch den russischen Krieg hochaktuell gewordene Zeitgenossenschaft, die beide an die absurde Grausamkeit der Situation angeheftet sind. Klondike wendet den Blick auch dann nicht ab, als das Messer eines Separatisten die hauchdünne Plastikschicht durchtrennt, die zwischen der in den Wehen liegenden Irka und den Krieg gespannt ist. Welche Zukunft es für die Ukrainerin und ihr Kind geben wird, bleibt offen. Dass beide – als Stellvertreter einer ganzen Generation ukrainischer Frauen – ihr aus Trümmern entgegenblicken, ist gewiss.

 

First published: April 02, 2022

Klondike | Film | Maryna Er Gorbach | UKR-TUR 2022 | 100’ | Festival International du Film de Fribourg (FIFF) 2022

Grand Prix and Critics’ Choice Award at FIFF 2022

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