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Jessica Forever

Jessica Forever

Es ist eine Ersatzfamilie, die Jessica ihren „orphelins“ bietet. Ein Ort, an dem sie akzeptiert werden, wie sie sind. In einer dystopischen Zukunft hat es sich die mysteriöse Frau zur Aufgabe gemacht, ausgesetzte Waisen aufzunehmen und zu Kriegern auszubilden. Alle haben eine dunkle Vergangenheit hinter sich. Bezeichnen sich gar als Monster.

Entgegen der Brutalität, die diese Prämisse erwarten lässt, ist Jessica Forever aber kein actiongeladener Sci-Fi-Thriller, sondern ein langsam inszeniertes, aussergewöhnliches Genreexperiment voller Ruhe und Sanftheit. Ein gelungenes Spiel mit Erwartungen und Kontrasten. Mit hochstilisierten, simplistischen Tableauaufnahmen, die oft mit religiöser Symbolik aufgeladen sind, zeigt uns der Film nicht nur die zerbrechliche Seite der hart erscheinenden Jungs mit den grimmigen, von Sorgen gezeichneten Gesichtern. Er legt gar den Fokus darauf. So sehen wir die Krieger zwischen Trainings-und Kampfszenen bei kindlichen Dialogen über Lieblingscerealien, beim Tanzen, wie sie Katzenbabys streicheln, wie sie sich verlieben.

Vor dem Hintergrund des kargen Settings scheinen die Gefühle der Protagonisten umso deutlicher aufzulodern. Jessica Forever ist in einer kalten, feindseligen Welt angesiedelt, in der nur Zusammenhalt und Liebe unter den Aussenseitern Schutz und Wärme bieten kann. Immer wieder lassen sich die Krieger von ihrer Retterin tröstend in den Arm nehmen. Und auch untereinander zeigen die jungen Männer voller Selbstverständlichkeit ihre Zuneigung, wenn sie sich gegenseitig etwa vor dem täglichen Mittagsschlaf zudecken. Eine Zärtlichkeit unter Männern, die man bisher kaum auf Leinwänden gesehen hat.

Doch nicht nur mit tradierten Geschlechterrollen, sondern auch mit traditionellen Figuren aus Film und Literatur spielt Jessica Forever. Die Protagonistin erscheint wie eine moderne Madonna, eine Ritterin mit heilenden Händen. Die biblischen Assoziationen, die die Jünger, denen sie ihre Sünden vergibt, wecken, sind nicht zu übersehen. Umso spannender sind diese klassischen Tropen vor dem futuristischen Setting.

Mit der zwischen Musikvideo, Werbung und Videogame angesetzten Ästhetik greift das junge französische Filmemacher-Duo Caroline Poggi und Jonathan Vinel mit seinem ersten Langspielfilm gekonnt die Sehgewohnheiten der Generation Internet auf. Trifft mit der visuellen Umsetzung gelungen den Zeitgeist. So lassen wir uns gerne auf die ungewöhnlich erzählte Geschichte und die faszinierende Ästhetik ein. Lassen uns regelrecht in eine Trance versetzen. Schliesslich beweisen die jungen Filmemacher nicht nur Kreativität, sondern auch Feingefühl und liefern mit ihren ambivalenten Bildern, die vor jugendlicher Schönheit, Coolness und Verletzlichkeit nur so strotzen, ein wunderbar träumerisches Filmerlebnis.

 

Text: Ann Mayer

First published: May 26, 2019

Jessica Forever | Film | Caroline Poggi, Jonathan Vinel | FR 2018 | 97’

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Screenings in May 2019 at Cinéma Spoutnik Genève

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