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Hounds of Love

Hounds of Love

[…] Ob es sich dabei um erfundene Serienmörder handelt oder um sogenanntes true-crime ist dabei eigentlich zweitrangig, stellt die Behauptung der „wahren“ Geschichte in der Regel nicht viel mehr als eine vorgeschobene Rechtfertigung jenes Voyeurismus dar, den das Genre beim besten Willen nie ganz von sich weisen können wird.

[…] Das gezeigte Leid, insbesondere der vorgeblichen Protagonistin Vicki (Ashleigh Cummings), deren Entführung, Gefangenschaft und schliessliche Flucht den Hauptteil des Narrativs ausmachen, ist also gleichzeitig das real erfahrene Leid einer realen Person, gleichzeitig aber so modifiziert, dass der Film unterhaltsam und verstörend, sowie in seiner gepflegten Inszenierung auch noch geschmackvoll bleiben kann.

Wie einem Film beikommen, der formal im Grunde alles richtig macht und in seiner Raum- und Schauspielerinszenierung ganz offensichtlich das Werk eines äusserst talentierten jungen Regisseurs ist, der sich hier bereits mit seinem ersten Langspielfilm weit oben auf die (nicht gerade kurze) Liste interessanter australischer Filmemacher katapultiert, der aber durch seine ästhetische Position irgendwo zwischen Arthouse-Gesellschaftsdrama und Exploitation-Kino einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt? Es wurde bereits bemerkt, dass eine grundsätzliche Ablehnung von Serienmörderfilmen heuchlerisch wäre, wenn man in der Konsequenz nicht auch beispielsweise Psycho (1960) und Seven (1995) als in ihrem Kern voyeuristisch und menschenverachtend in die Schmuddelecke zu stellen bereit ist. Am Sujet alleine sollte es also kaum liegen, auch wenn man bedenkt, dass es sich beim Serienmörder schon seit drei Jahrzehnten um ein Phänomen hält, dessen popkulturelle Omnipräsenz in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Auftreten solcher Gestalten in der Geschichte steht, in seiner Häufung in Literatur und Kino aber einen gesellschaftlichen Nerv zu treffen scheint. Ob es sich dabei um erfundene Serienmörder handelt oder um sogenanntes true-crime ist dabei eigentlich zweitrangig, stellt die Behauptung der „wahren“ Geschichte in der Regel nicht viel mehr als eine vorgeschobene Rechtfertigung jenes Voyeurismus dar, den das Genre beim besten Willen nie ganz von sich weisen können wird. Dass es sich bei der Kinoerfahrung selbst natürlich um eine abgeschwächte Form des Voyeurismus handelt, und dass das Geniessen von Exploitation-Filmen gerade darin liegt, dass man sich diese Filme eigentlich nicht ansehen sollte, macht das Ganze nicht einfacher, liefert aber vielleicht einen Hinweis darauf, was die Problematik von einem Film wie Hounds of Love sein könnte.

Bereits dessen allererste Sequenz, die mit langsamen Kamerafahrten in Ultrazeitlupe junge Mädchenkörper beim Netballspielen zeigt, scheint in ihrer ästhetisierten Lüsternheit den diesem Genre besonders innewohnenden pervertierten Schaulust zu thematisieren, um den Blick dann aber als jenen des zentralen Mörderpärchens John und Evelyne White (Stephen Curry & Emma Booth) zu entlarven. Dass es sich bei diesen um einen narzisstischen Schwächling beziehungsweise um eine manipulierte und unterdrückte Hausfrau handelt, macht die Sache nicht unbedingt weniger zynisch, aber in seiner impliziten Gleichsetzung mit der Zuschauerposition doch um einiges interessanter als etwa noch beim vorletzten australischen Genrebeitrag Wolf Creek (2005), der seinerseits wiederum seinen Status als reine Exploitation gar nicht erst durch geschmackvolle Kamerafahrten oder suggestive Ellipsen zu kaschieren versuchte. Nicht weniger schizophren ist das Verhältnis des Films zu realen Ereignissen: einerseits distanziert sich der Regisseur etwa in Interviews explizit davon, solche thematisieren oder wiedergeben zu wollen; andererseits sind jedoch die Parallelen zum realen Mörderpaar David und Katherine Birnie, die 1986 mehrere junge Frauen entführten und ermordeten, unübersehbar, wenn im Detail auch verfremdet, beziehungsweise mit mehreren anderen Fällen aus der exzentrischen australischen Kriminalgeschichte verwoben. Das gezeigte Leid, insbesondere der vorgeblichen Protagonistin Vicki (Ashleigh Cummings), deren Entführung, Gefangenschaft und schliessliche Flucht den Hauptteil des Narrativs ausmachen, ist also gleichzeitig das real erfahrene Leid einer realen Person, gleichzeitig aber so modifiziert, dass der Film unterhaltsam und verstörend, sowie in seiner gepflegten Inszenierung auch noch geschmackvoll bleiben kann.

Insofern Hounds of Love trotz dieses moralischen Sumpfes, in den er sich mutmasslich freiwillig begibt, doch noch einen Daseinszweck hat – also dass es sich trotzdem durchaus lohnt, ihn sich anzuschauen – dann liegt dieser in seiner Porträtierung von John und Evelyn, deren destruktive Beziehungsdynamik er hier quasi metaphorisch in eine monströse Mordserie übersetzt und insbesondere bestimmte Formen (männlicher) psychologischer Gewalt in ihren verschiedenen Ausprägungen auslotet, dabei aber stets den Blick auf die Opfer richtet – womit hier nicht nur die entführte Vicki gemeint ist. So sind die spannendsten Figuren auch nicht der Haupttäter David und das Hauptopfer Vicki, sondern die weibliche Mittäterin Evelyn und Vickis Mutter Maggie (Susie Porter), die ihrerseits hauptsächlich über ihre Entscheidung, ihren emotional manipulativen, wenn auch nicht gewalttätigen Ehemann zu verlassen, charakterisiert wird. Insofern spiegelt sich die Schizophrenität des Films am offensichtlichsten in diesen Figuren und insbesondere in Evelyn, die so offensichtlich Täterin und Opfer zugleich ist, dass es nur eine Frage der Zeit scheint, bis deren innerer Konflikt zum narrativen Hauptkonflikt von Hounds of Love wird. Leider scheint dies aber dem Film selbst nicht so ganz bewusst zu sein, der sich hauptsächlich an der Entführung Vickis orientiert und Evelyn weder eine Vorgeschichte noch irgendwelche closure zugesteht. Indem der Film es einem also fast unmöglich macht, aus ihm schlau zu werden – also beispielsweise schon nur mal die Grundfrage zu beantworten, warum man ihn sich ansieht oder ansehen sollte – stellt er schliesslich vielleicht, ob nun beabsichtigt oder nicht, gar keine so schlechte Reflexion auf sein Genre an sich dar. Dessen Abgründe jedenfalls, gerade weil sie durch Youngs Inszenierung an ihrer Oberfläche derart poliert daherkommen, blicken hier intensiver in ihre Betrachter hinein als in anderen, moralisch eindeutigeren Filmen.

First published: November 13, 2017

Hounds of Love | Film | Ben Young | AUS 2016 | 108’ | FIFF 2017, Geneva International Film Festival 2017

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