Hamnet

Chloé Zhao webt in der Romanadaption ein dichtes, emotionales Geflecht aus Liebe, Verlust und Sehnsucht. Jede Bewegung, jeder Atemzug der Figuren ist spürbar, die Natur ein stiller Zeuge, die Trauer körperlich, die Leidenschaft unbändig – ein Film, der unter die Haut geht.

Text: Sarah Stutte

Ein Falke zieht am Himmel seine Kreise, hoch über den Baumwipfeln, frei und wachsam. Dann kehrt er zurück, landet auf dem Arm einer Frau, die ihn durchdringend ansieht. Ihre Augen sind aufmerksam, neugierig, ein wenig forschend – als könnte sie in allem lesen, was noch kommen wird. Um sie herum der Wald: Licht fällt durch die Äste, das Gras wiegt sich sanft im Wind. Es ist still, aber voller Leben. Der Falke rührt sich kaum, und doch liegt in seiner Präsenz eine Spannung, die alles zu durchdringen scheint.

Dieser Moment erzählt mehr, als Worte es könnten. Er beschreibt nicht nur die Freiheit des Vogels, sondern auch die Unabhängigkeit der Frau. Hamnet ist ein Werk von seltener Empathie. Und vielleicht das reifste, kraftvollste Werk, das Chloé Zhao bislang geschaffen hat. Basierend auf Maggie O’Farrells gleichnamigem Roman, ist der Film keine klassische Künstlerbiografie, sondern eine Geschichte, die sich anfühlt wie ein Gedicht: tastend, atmend, voller Zwischenräume – und getragen von Emotionen, die man nicht nur sieht, sondern körperlich spürt.

Der junge William Shakespeare (Paul Mescal) lebt im England des 16. Jahrhunderts in Stratford-upon-Avon. Sohn eines Handschuhmachers, rastlos, unzufrieden, gefangen zwischen Pflicht und Sehnsucht. Als Lateinlehrer und Nachhilfelehrer versucht er, die Schulden seines Vaters zu begleichen, während in ihm bereits der Drang nach Sprache, Bühne und einem anderen Leben arbeitet. Er ist ein Mann der Worte – noch bevor er weiss, was sie ihn kosten werden.

Agnes Hathaway (Jessie Buckley) – die Frau mit dem Falken – ist sein Gegenpol. Ein freier Geist, wild, mit einem unbeugsamen, kämpferischen Willen. Sie lebt im Einklang mit der Natur und findet in ihr Halt. Für manche ist sie eine Heilerin, für andere eine Hexe. Agnes liest Zeichen, spürt, was andere nicht spüren, hört zu, wo andere weghören. Zhao macht sie zum emotionalen Zentrum des Films – und zum Resonanzraum für alles, was sich nicht aussprechen lässt.

Die Liebesgeschichte zwischen William und Agnes ist roh und unmittelbar. Zwei Kräfte, die einander anziehen und zugleich nie ganz zur Ruhe kommen. Ihre Begegnung ist schnell, leidenschaftlich, körperlich. Sie heiraten, gründen eine Familie, bekommen drei Kinder: Eliza sowie die Zwillinge Judith und Hamnet. Schon früh liegt ein Schatten über diesem in sich geschlossenen Universum. Judith überlebt ihre Geburt nur knapp, Agnes, die ihre eigene Mutter früh verloren hat, lebt mit der ständigen Ahnung von Verlust.

Als William nach London geht, um seiner Kunst zu folgen – auf Agnes’ Drängen hin –, wächst die Distanz zwischen ihnen. Und dann trifft sie die Tragödie mit voller Wucht. Der Verlust des Sohnes zerreisst alles. Der Film zeigt Trauer nicht als Prozess, sondern als Zustand. Frauen und Männer trauern hier unterschiedlich. Agnes’ Schmerz ist eruptiv, körperlich, unkontrollierbar. Williams Trauer zieht sich nach innen, sucht Zuflucht in Arbeit und Sprache. Zwischen ihnen entsteht eine Stille, die kaum auszuhalten ist – die Leere zwischen zwei Menschen, die ein Kind verloren haben. Und doch liegt in dieser Unterschiedlichkeit ein stilles Verstehen: ohne Worte, ohne Auflösung.

Jessie Buckleys Performance ist überwältigend. Besonders die Geburtsszenen gehören zu den viszeralsten, wie man sie im Kino selten so kompromisslos erlebt. Buckley spielt nicht – sie durchlebt. Schmerz, Liebe, Wut und Sehnsucht schlagen sich direkt auf den Körper des Publikums nieder. Paul Mescal begegnet ihr mit leiser Zurückhaltung, und gerade diese Spannung verleiht der Beziehung Tiefe. Auch Jacobi Jupe als Hamnet berührt mit einer stillen, sensiblen Präsenz.

Chloé Zhao verbindet historische Fakten mit fiktionalen Elementen – wissend, dass vieles nicht belegt ist: weder dass Hamnet an der Beulenpest starb, noch dass Agnes eine Seherin war. Doch genau darin liegt die Stärke des Films. Maggie O’Farrell sagte einmal, sie habe gewollt, dass Leser:innen alles vergessen, was sie zu wissen glauben, und offen werden für eine neue Interpretation. Diese Offenheit übernimmt Zhao. Hamnet ist keine Rekonstruktion, sondern ein emotionaler Wahrheitsraum.

Erzählt wird dies mit grosser Geduld. Kameramann Łukasz Żal lässt Bilder atmen, Emotionen schleichen sich an. Żal wählt ungewöhnliche Perspektiven und einen Fokus, der sich immer wieder dem entzieht, was man erwartet. Gesichter sind angeschnitten, Blicke wandern aus dem Bild, der Schärfepunkt liegt oft auf Händen, Nacken, Atemzügen – oder auf der Natur selbst. Die Kamera ist selten beobachtend, fast nie distanziert. Sie ist nah, suchend, tastend. Max Richters Musik verstärkt diese Wirkung, ohne sie zu erzwingen.

Im letzten Akt, im Globe Theatre, wenn Agnes Hamlet (gespielt von Jacobi Jupes älterem Bruder Noah) sieht, kollidieren Leben und Kunst. Die letzte Szene trifft direkt ins Herz: ein Moment von solcher Intensität, dass er sich einbrennt. Kein lauter Höhepunkt, sondern eine stille Erschütterung, die bleibt. 

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Hamnet | Chloé Zhao | UK-IRL 2023 | 111’ | Venice Film Festival 2023, Toronto International Film Festival 2023 | CH-Distribution: Universal

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First published: January 20, 2026