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Gräns

Gräns

[…] Die märchenhaften Motive, die Regisseur Ali Abbasi hier nutzt, sind zwar klassisch, angewendet auf die unüblichen Begebenheiten für einen Fantasyfilm verschmelzen sie in «Gräns» aber zu einem gelungenen Spiel mit Filmkonventionen.

[…] Wir empfinden das Gesehene als abstossend und reflektieren diese Empfindungen im gleichen Moment. Abbasi rollt damit auf eine überaus kreative Art eine altbekannte Parabel auf. Er lässt uns unsere eigenen Normen hinterfragen. Er möchte uns aufzeigen, wie wir Andersartige wahrnehmen.

In den Momenten, in denen die Zollwärterin Tina ihre Hände durch den modrigen Waldboden fahren lässt, kann sie aufatmen. In der Düsterheit zwischen den Bäumen und der Ruhe der Seen scheint die schüchterne Frau ihr Refugium gefunden zu haben. Und doch wirkt sie dabei auch unsicher. In der Einsamkeit der Natur und mit ihrer starken Verbindung zu Tieren scheint sie Antworten finden zu wollen.

Das wortkarge und gleichzeitig kraftvolle Schauspiel der Hauptdarstellerin Eva Melander dringt durch eine dicke Make-up-Schicht, die ihr Gesicht entstellt und fast tierähnlich erscheinen lässt. Von Anfang an ist klar: Tina ist anders. Nicht nur äusserlich. Die Flughafenangestellte kann nämlich Schuld, Scham, Lust und Angst bei Menschen riechen. Die Frage, warum sie so ist, kann aber auch sie noch nicht wirklich beantworten. Und so machen wir uns in Gräns (schwedisch für Grenze) mit der mysteriösen Protagonistin auf eine sonderliche Reise der Selbstfindung, auf der wir, analog zu den Passagieren am Flughafen, die täglich an Tina vorbeigehen, ständig über Grenzen gehen.

Die erste Grenze, die der Film uns überschreiten lässt, ist die des Genres. Als Tina nämlich eines Tages dem eigenbrötlerischen Vore begegnet, der ihr nicht nur äusserlich ähnlich ist, sondern auch unübliche Fähigkeiten zu besitzen scheint, wandelt sich das, was sich durch das Setting erst wie ein Drama des sozialen Realismus anfühlt, zur Fantastik. Vore, zu dem sich Tina unerklärlich stark hingezogen fühlt, kann sie über ihre andersartige Identität aufklären: Sie ist wie er ein Troll. Die märchenhaften Motive, die Regisseur Ali Abbasi hier nutzt, sind zwar klassisch, angewendet auf die unüblichen Begebenheiten für einen Fantasyfilm verschmelzen sie in Gräns aber zu einem gelungenen Spiel mit Filmkonventionen. Auf üppige Special Effects wird dabei verzichtet. Das Magische liegt hier meist im Subtilen.

Parallel zu der aufkeimenden Liebesgeschichte zwischen Tina und Vore erzählt ein zweiter Handlungsstrang von Tinas Arbeit, bei der ihr ausserordentlicher Spürsinn sehr nützlich ist. Bei einer Personenkontrolle kommt sie damit eines Tages einem Pädophilenring auf die Spur. Indem Abbasi solche Tabuthemen behandelt, reizt er nicht nur die Grenzen von Filmkonventionen aus, sondern bringt uns inhaltlich auch an die Grenzen des Ertragbaren.

Konventionen bricht auch die Liebesgeschichte zwischen Tina und Vore. Ihre Annäherung ist in jeder Hinsicht unüblich und fordert konstant unsere Sehgewohnheiten heraus – und das nicht nur, weil das Äussere der beiden stark von gängigen Schönheitsidealen abweicht. Der Regisseur scheut sich nicht davor, auch Ekel zu erregen, wenn er das Paar sich etwa genüsslich Maden in den Mund stecken lässt. Der Höhepunkt der bizarren Liebesgeschichte aber ist wohl eine Sexszene, in der sich auch die Geschlechternormen komplett auflösen. Da wir uns nicht nur unserer eigenen Aussenperspektive bewusst sind, sondern uns ebenso mit Tina identifizieren, passiert in diesen Momenten das, was an diesem Film wohl am eindrücklichsten ist: Wir empfinden das Gesehene als abstossend und reflektieren diese Empfindungen im gleichen Moment. Abbasi rollt damit auf eine überaus kreative Art eine altbekannte Parabel auf. Er lässt uns unsere eigenen Normen hinterfragen. Er möchte uns aufzeigen, wie wir Andersartige wahrnehmen.

Auch sonst sind die Fragen, die der Film stellt, altbekannt: Wie lernen wir uns durch die Liebe zu jemandem besser kennen? Wie viel Tier steckt im Menschen? Auch die Antworten darauf sind nicht neu. Dank des Genremix, der das Geschehene zur gleichen Zeit realistisch und surreal darstellt, durchzieht den Film aber auch ein Augenzwinkern. Er löst nicht nur Selbstreflexion aus, sondern ist auch selber selbstreflexiv. Und so hat die Aussenseitergeschichte trotz der Schwere schliesslich auch ihren ganz eigenen Humor.

Text: Ann Mayer

First published: March 13, 2019

Gräns (Border) | Film | Ali Abbasi | SUE-DK 2018 | 110’

Best Film «Un certain regard» at Festival de Cannes 2018
Best Film in World Fiction Award at Los Angeles Film Festival 2018
Best Film by an Emerging Director at Munich Film Festival 2018

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