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Good Time

Good Time

[…] Überhaupt, das Schauspiel in den Filmen dieser Brüder, deren inszenatorische Virtuosität von Bild und Ton alleine schon ausreichen würde, sich unauslöschlich ins Gedächtnis zu brennen.

[…] «Good Time» ist als Kinoerfahrung – und als solche unbedingt zu empfehlen – jene beste Art des Filmtrips: atemlos und intelligent, von animalischer Energie getrieben und empathisches psychologisches Porträt – und nicht zuletzt ein grossartiger Stadtfilm.

Fast vom ersten Bild an, obwohl da noch kaum Bewegung drin ist, entwickelt Good Time eine unglaubliche Energie, die erst mit dem letzten Bild des Filmes zwei Stunden später und dem Einsetzen des Abspanns wieder zum Erliegen kommt. Unterstützt vom treibenden Sound des Electro-Künstlers Oneohtrix Point Never, der den fast nur aus Nahaufnahmen bestehenden Bildern mehr Orientierung gibt als der grundsätzlich inkonsistente Raum, in dem sich die Handlung abspielt, wird man selbst als Zuschauer von der Manie des von Robert Pattinson gespielten Connie mitgerissen – so wie sämtliche Figuren des Films, die das Pech haben, sich irgendwann im Laufe einer langen Nacht auf dessen unkontrollierbarem Bewegungsvektor zu befinden. Denn jene Energie, die zwar auch von der Handlung und vor allem der Inszenierung ausgeht, hat ihre Quelle in unaufhaltbaren Getriebenheit dieser Figur, und sie ist zerstörerisch, orkanartig, wirbelt alles und alle auf und lässt nichts an seinem Platz.

Nun ist es nicht so, dass Connies Motivationen nicht nachvollziehbar wären, doch die Art und Weise, auf die sich seine unbedingte Liebe zu seinem geistig behinderten Bruder Nick äussert, hat schon von Beginn weg, als er diesen aus einer Therapiesitzung „befreit“, jenes destruktive Element. Connie hat das Talent, sich selbst immer wieder in die dümmsten Situationen hinein zu manövrieren, aus denen er sich stets mit seiner scheinbar angeborenen Strassenschläue zu befreien versucht. Dies gelingt ihm zwar oft, aber nicht oft genug, und auch nicht ohne dass alle anderen Beteiligten am Schluss schlechter dastehen als zu Beginn. Da ist der Bankraub, den er mit seinem Bruder zusammen verübt, der zwar auf chaotische Weise gelingt, den Bruder aber erstmal ins Gefängnis bringt. Dass er dort nicht lange bestehen wird, ist offensichtlich, schon am ersten Abend wird er krankenhausreif geprügelt. Aus jenem Krankenhaus versucht ihn Connie jetzt zu entführen, womit auch die eigentliche, in einer Nacht spielende Haupthandlung beginnt. Die Entführung gelingt, doch Connie erwischt den Falschen. Statt Nick liegt jetzt der noch kaputtere Kleinkriminelle Ray im anderen Zimmer in der Wohnung einer unbeteiligten Familie, bei der Connie mit seinem natürlichen Charme (insbesondere bei der 15-jährigen Tochter) Zuflucht gefunden hat. So geht es weiter, den ganzen Film über, bis am Schluss Connie als filmfigurgewordenes Entropieprinzip wieder alleine dasteht, mit sämtlichen anderen Figuren wieder im Machtbereich der verhassten Institutionen oder gar auf dem Friedhof. Nichtmal als distanzierter Zuschauer schafft man es, sich Connies verzweifeltem Charisma zu entziehen – einerseits vielleicht, weil die hyperrealistische Inszenierung der Safdie-Brüder so etwas wie Distanz gar nicht erst zulässt, andererseits aber auch, weil Pattinsons Darstellung von Connie eine der eindringlichsten ist, die das amerikanische Kino der letzten Jahre aufzuführen hat.

Überhaupt, das Schauspiel in den Filmen dieser Brüder, deren inszenatorische Virtuosität von Bild und Ton alleine schon ausreichen würde, sich unauslöschlich ins Gedächtnis zu brennen. Bis in die kleinste Nebenrolle ist der Film mit auffällig ausdrucksstarken Schauspielern besetzt, seien diese Laien oder unverwechselbare Charakterdarsteller wie Barkhad Abdi, dessen unfreiwillige LSD-Überdosis nicht mal das schlimmste Schicksal darstellt, wenn auch das drastischste, oder Benny Safdie selbst, der den geistig behinderten Nick fern aller Klischees oder Manierismen spielt, die die Darstellung solcher Figuren oft ausmachen. Überhaupt ist Good Time trotz seines eher gradlinigen Plots und seiner trotz allem liebenswerten kleinkriminellen Figuren so ziemlich das Gegenteil des zeitgenössischen Hollywoodkinos, zumindest von allem nach den 70ern. Alles ist irgendwie überhöht und authentisch zugleich – eine relativ einzigartige Ästhetik, die bereits das Heroin-Drama Heaven Knows What auszeichnete, das vorherige Werk der Brüder. Wer bei dieser Beschreibung wie auch ob dem Fakt, dass es sich bei den Regisseuren um Brüder handelt, an die Dardennes denkt, liegt zwar nicht völlig daneben, doch könnte Good Time vom absoluten Realismusanspruch der Belgier nicht weiter entfernt sein, für die der Einsatz etwa schon von Musik bereits einen zu grossen Eingriff in die reine Aussagekraft der Bilder und ihrer Figuren darstellt. So lebt das Kino der Safdies gerade von diesen Eingriffen, indem sie sowohl die Körperlichkeit als auch die Wahrnehmung ihrer Figuren über jene Mittel auf den Zuschauer zu übertragen vermögen.

Good Time ist als Kinoerfahrung – und als solche unbedingt zu empfehlen – jene beste Art des Filmtrips: atemlos und intelligent, von animalischer Energie getrieben und empathisches psychologisches Porträt – und nicht zuletzt ein grossartiger Stadtfilm. New York, im besonderen Queens und Long Island sahen schon lange nicht mehr so dreckig und farbenfroh aus – obwohl sich der grösste Teil der Handlung nachts abspielt. Wenn Connie und mit ihm der Film dann schliesslich zur Ruhe kommen, hat er zwar eine Spur der menschlichen Verwüstung hinter sich gelassen – gleichzeitig aber auch ein Gefühl im leicht erschöpften Zuschauer, das nicht zuletzt jenem Glücksgefühl gleicht, das sich manchmal nach intensiver sportlicher Betätigung einstellt, wenn man gerade seine eigene Bestzeit übertroffen hat – vielleicht weil man dabei auch über einige rote Ampeln gerannt ist oder ein paar Passanten angerempelt hat.

First published: September 22, 2017

Good Time | Film | Josh & Benny Safdie | USA 2017 | 100’

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