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Glow

Glow

[…] Irène war eine Powerfrau und wusste genau was sie wollte: Freiheit. Das zu tun, was man will und sich von anderen nichts sagen lassen. Auch der Beruf der Prostitution lebte sie offen und sprach darüber. Freier, die ihre Dienste buchten, zahlten nicht für Sex, sondern für ihre Zeit.

[…] Der Schweizer Filmemacher Daniel Schmid machte mit ihr Filme, Mick Jagger schenkte ihr 50 Rosen, David Bowie zählte zu ihren Liebhabern und Franz Gertsch malte sie. Sie hätte mit ihren Verbindungen zur Aussenwelt durchstarten können, hat jedoch diese Treffen nie wahrgenommen.

Der neue Schweizer Dokumentarfilm Glow von Gabriel Baur macht momentan die Zürcher Kinos unsicher, so wie auch Irene Staub dies dazumal in den 70er Jahren gemacht hat. Doch Achtung, der Dokfilm ist nicht zu vergleichen mit der gleichnamigen und gerade beliebten amerikanischen Netflix Serie. Dieser Titel setzt sich nämlich aus dem Akronym „Gorgeous Ladies Of Wrestling“ zusammen und hat nichts mit der Zürcher Ikone zu tun. In beiden Formaten geht es jedoch um willensstarke Frauen und bei Glow von Gabriel Baur erhält man einen Einblick in das turbulente und glühende Leben von Irène, Irena oder auch „Lady Shiva“, die als Schauspielerin, Sängerin und Model tätig war und als berühmt-berüchtigte Prostituierte durch die Gässchen des Niederdorfs streifte.

Alte Freunde und Freundinnen erzählen aus ihrer Sicht Irènes Aufstieg und Niedergang, und wie sie schlussendlich verglühte. Mit 37 verunglückte Irène mit dem Motorrad tödlich in den Ferien in Thailand. Die Stimmen sind sich jedoch uneinig, was die Umstände ihres Todes angehen. Hat es an den Drogen gelegen oder ist sie, laut Freundin Ursula Rodel, ermordet worden? Ehemaliger Freund und Liebhaber Christoph Müller erwähnt im Interview, dass sie „auf Zucker“ war, was auf mehrere Drogen schliessen lässt. LSD-Tropfen auf Zuckerwürfel? Kokain? Heroin? Der Film spezifiziert nicht weiter und lässt den Zuschauer im Dunkeln. Die einzige Aussage hierzu erfahren wir von Christoph Müller gegen Ende des Films: «Wenn ich uf Sugar bin dänn lig ich 7 Kilometer i de Milky Strasse [obe] und han min Friede». Zitiert er Irène oder spricht er von sich? Es ist unklar.

Irène war eine Powerfrau und wusste genau, was sie wollte: Freiheit. Das zu tun, was man will und sich von anderen nichts sagen lassen. Auch der Beruf der Prostitution lebte sie offen und sprach darüber. Freier, die ihre Dienste buchten, zahlten nicht für Sex, sondern für ihre Zeit. Mit vielen hat sie einfach geredet, war Psychiaterin und hörte zu. Warum ging sie dann zu Grunde? War sie doch nicht ganz frei? Die langjährige Freundin Ursula Rodel spricht von einer tiefen Unsicherheit, die Irène nicht überwinden konnte und mit Drogen zu überspielen versuchte. Ursula begleitete Irène durch mehrere erfolgreiche Drogenentzüge, die jedoch, sobald in Zürich wieder angekommen, vergessen waren. Irène: «Ich wird nöd alt, ich läb jetzt». Sie war sich bewusst, dass ihr Lebensstil nicht ewig andauern kann.

Irène war beliebt und hatte ein Lebensfeuer in sich, das viele beeindruckte. Die Männer haben sich einerseits nach ihr auf der Strasse umgedreht und andererseits hat sie ihnen mit ihrem männlichen Kleidungsstil Angst eingejagt. Sie war nicht fassbar und gleichzeitig so einnehmend, dass viele berühmte Künstler und Künstlerinnen Interesse an ihr hatten und sie als ihre Muse bezeichneten. Der Schweizer Filmemacher Daniel Schmid machte mit ihr Filme, Mick Jagger schenkte ihr 50 Rosen, David Bowie zählte zu ihren Liebhabern und Franz Gertsch malte sie. Sie hätte mit ihren Verbindungen zur Aussenwelt durchstarten können, hat jedoch diese Treffen nie wahrgenommen.

Irène Staub ist sowohl Enigma, wie auch offenes Buch. Durch ihren offenen Umgang mit Sexualität und ihrer Berühmtheit, meinen wir zu wissen, was sie bewegt hat. Jedoch liefert uns der Film wie auch Irène selbst keine klaren Antworten. Des Weiteren lässt der Film ausser Acht, was ihre Rolle als Mutter und wie die Beziehung zu ihren Eltern war.

First published: December 22, 2017

Glow | Film | Gabriel Baur | CH 2017 | 99’ | Zurich Film Festival 2017

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