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Genèse

Genèse

[…] Dabei könnte man argumentieren, dass es sich bei dieser Struktur um eine sehr klassische handelt: Sie funktioniert nach dem poetischen Schema eines Sechszeilers mit der Struktur ababcc. Zwei verbundene Haupthandlungen, die auf einander Bezug nehmen und sich teils auch berühren, gehen am Schluss zu einer dritten über, die an der Oberfläche keinen direkten Bezug (Reim) mehr zum Anfang erkennen lässt, diesen aber (wenn es funktioniert) kommentiert und poetisch zu einem Ende führt.

[…] Von der ersten Szene an entwickelt der Film eine mitreissende rhythmische Energie, die nicht nur durch den grosszügigen und toll ausgewählten Musikeinsatz bedingt ist.

[…] Es ist der schönste Moment des Filmes, als er alle Hoffnung, die die Liebe verspricht, wie auch deren Zufälligkeit in einer einzigen Einstellung zu fassen vermag – wobei sich beides natürlich wieder als Illusion entpuppt.

Genèse ist ein Film über die Geburt der Liebe in der Jugend und darüber, was diese mit uns zu machen imstande ist, sowie über eine Welt, die dafür gar nicht oder nur schlecht eingerichtet ist. «Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden», wusste schon Kant, und es ist in diesem Film bittersüss anzuschauen, wie zutreffend diese Aussage selbst in Bezug auf das ist, was im Allgemeinen als das Höchste gesehen wird, zu dem der Mensch in seiner Verkrümmtheit fähig ist. Wenn also die Struktur des Films etwas aus dem Lot geraten scheint, ist das eigentlich nur konsequent. Philippe Lesage erzählt in der ersten Hälfte seines zweiten Spielfilms nach Les démons alternierend von zwei Halbgeschwistern im französischen Kanada, die unter in der Liebe mehr Leid als Trost finden und trotzdem nicht anders können, als in einem dritten Teil, der etwas zu lang ist, um blosser Epilog oder Coda zu sein, eine Art Utopie im Zustand des kindlichen Verliebtseins zu entdecken. Die ungewohnte Struktur wurde bei seiner Uraufführung in Locarno von etlichen Kritikern als unausgewogen oder gar beliebig empfunden – insbesondere auch, weil sich jener letzte Teil narrativ wie tonal schwierig mit dem vorangegangenen vereinbaren zu lassen schien. Dabei könnte man argumentieren, dass es sich bei dieser Struktur um eine sehr klassische handelt: Sie funktioniert nach dem poetischen Schema eines Sechszeilers mit der Struktur ababcc. Zwei verbundene Haupthandlungen, die auf einander Bezug nehmen und sich teils auch berühren, gehen am Schluss zu einer dritten über, die an der Oberfläche keinen direkten Bezug (Reim) mehr zum Anfang erkennen lässt, diesen aber (wenn es funktioniert) kommentiert und poetisch zu einem Ende führt.

Es funktioniert nun vielleicht nicht ganz alles in Genèse (wie auch die Liebe nie wirklich richtig „funktioniert“), aber die Art und Weise, wie Lesage seinen Figuren zugeneigt ist, sich mit ihnen mitfreut und mit ihnen leidet, ohne zu verklären oder zu verkitschen, ist schon etwas Besonderes. Von der ersten Szene an entwickelt der Film eine mitreissende rhythmische Energie, die nicht nur durch den grosszügigen und toll ausgewählten Musikeinsatz bedingt ist. In dieser ersten Szene also steht der von Théodore Pellerin gespielte Guillaume im Zentrum des Klassenzimmers auf dem Schulpult und stimmt einen quebecischen Trinkkanon an (Pour boire il faut vendre... le chapeau de ma blonde), während ihn seine Klassenkameraden enthusiastisch begleiten. Guillaume ist eine Art Klassenclown, wobei seine Rolle in dieser (rein männlichen) Internatsgemeinschaft um einiges komplexer ist, als es diese ersten Eindrücke vermuten lassen. Er hält zwar den Angriffen des grenzwertig zynischen Geschichtslehrers Perrier stand, indem er diesen in Witz und verbaler Grausamkeit noch überbietet und ad absurdum führt, steht aber emotional auf solch unsicheren Füssen, dass seine possenhaften Manierismen im Verlauf des Filmes irgendwann ins Tragische kippen müssen. In der Inszenierung von Guillaumes Geschichte findet eine Progression statt, die diesen vom Bild- und Raummittelpunkt nach und nach an dessen Ränder befördert, ihn aber in einem letzten bemerkenswerten Moment, in der mitreissendsten Szene des Films, noch einmal ins Zentrum stellt, wenn er vor versammelter Klasse und unter Applaus sein Coming-out vollzieht. Die Liebe zum besten Freund und verschiedene Missverständnisse – objektiv betrachtet banal; für die Psyche und für die eigene Stellung in der Gemeinschaft fatal – stutzen dem lebhaften Teenager mit grossem Potenzial erst mal die Flügel. Man kann Lesage vielleicht eine gewisse Konstruiertheit dieses Spannungsbogens vorwerfen, sollte aber nicht übersehen, wie respektvoll er sich den Nöten seiner Teenager gegenüber verhält. In einer unter vielen bemerkenswerten Plansequenzen etwa, in der sich Guillaume an einer Party verloren durch eine Gruppe von heterosexuellen Tanzpaaren bewegt, ohne dass jemand da wäre, mit dem er diesen Moment teilen könnte, um dann schliesslich den Raum auf der gegenüberliegenden Seite traurig wieder zu verlassen. 

Noch erbarmungsloser verfährt der Plot – die Welt? – mit Guillaumes Halbschwester Charlotte (Noée Abita). Zu Beginn des Films in einer scheinbar glücklichen, zukunftsverheissenden Beziehung mit Maxime, äussert dieser eines Tages im rot schimmrigen Licht des Fotolabors etwas unbedacht den Gedanken, dass Jugendbeziehungen wie die ihre ja vielleicht nicht für die Ewigkeit gemacht seien und ob sie sich nicht vorstellen könne, diese ein wenig zu „öffnen“. Charlotte ist zwar irritiert und desillusioniert, beginnt dann wie zum Trotz aber ihrerseits, Affären mit anderen Männern anzuzetteln. Diese nehmen das Angebot allzu gerne an, allerdings nicht aus romantischen Gründen. Charlotte geniesst diese Freiheiten, lässt Maxime, der es sich mittlerweile anders überlegt hat, abblitzen und gerät immer an schlimmere Typen, was schliesslich zur unschönsten Szene des Films führt. Unschön einerseits, weil die Inszenierung einer Vergewaltigung im Film immer eine extreme Gratwanderung darstellt, die eigentlich unmöglich schadlos zu bewältigen ist. Andererseits auch, weil sie hier gleichzeitig sehr und gar nicht überraschend kommt; und weil heterosexuelle Männer jeden Alters und zu allen Zeiten einfach ganz im Allgemeinen ein Problem mit der Sexualität anderer, insbesondere jener von Frauen und Homosexuellen, zu haben scheinen.

Es bleibt der letzte Teil, der wunderschön beginnt. Der Kanon vom Anfang wird jetzt von einer grossen Gruppe ungefähr 13-Jähriger in einem Sommerlager gesungen (Pour boire il faut vendre... la robe / les souliers / les dessous de ma blonde). Die Kamera konzentriert sich hier nicht auf den Hauptsänger, sondern sucht sich scheinbar willkürlich unter den Jugendlichen von der linken und der rechten Seite je einen Jungen und ein Mädchen aus – fein abtastend, mit sanften Zooms und Schwenks. Es ist der schönste Moment des Filmes, als er alle Hoffnung, die die Liebe verspricht, wie auch deren Zufälligkeit in einer einzigen Einstellung zu fassen vermag – wobei sich beides natürlich wieder als Illusion entpuppt. Zufällig ist insofern nichts, als es sich bei dem Jungen um den etwas älteren Félix aus Les démons handelt, dessen Geschichte hier weitererzählt wird. Und die Hoffnung stirbt am Schluss zwar nicht ganz, doch die junge Liebe wird von den Strukturen des Camps und den allzu gut gemeinten Ratschlägen der einzigen erwachsenen Vertrauensperson im Camp sozusagen im Keim erstickt. So muss man vielleicht die Aussage, dass Genèse von der Geburt der Liebe handelt, insofern anpassen, als er die Wehen, das Blut, den Schmutz und schliesslich die unglaubliche Fragilität des neuen Wesens mit ins Bild nimmt; die Dinge also weder beschönigt noch schlechtmacht, und sich so zum Schluss zu einem Plädoyer für die Liebe und für die Jugend (bei „genèse“ handelt es sich immerhin auch fast um ein Homonym zu „jeunesse“) durchringt – trotz allem.

First published: August 17, 2018

Genèse | Film | Philippe Lesage | CAN 2018 | 130’ | Locarno Festival 2018, Cinéma Bellevaux Lausanne

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Screenings in April 2019 at Cinéma Bellevaux Lausanne

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