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Fortuna

[…] Der von Bruno Ganz gespielte Bruder Jean ist der Einzige, der dem Mädchen so etwas wie ein Selbstbestimmungsrecht zugestehen will; nicht nur aus eigennützigen „religiösen Präferenzen“, wie er meint, sondern weil gewisse Dinge nicht im Bestimmungsrecht älterer Männer lägen, sondern anderswo.

[…] Man kann auch argumentieren, dass die an Bresson erinnernde Stilisierung in gewissem Einklang mit seinem Thema und seinem Setting steht: die Askese der religiösen Gemeinschaft, der Anspruch auf Selbstbestimmung gegenüber den Mächten einer unbarmherzigen Welt, das Recht, sich dem Lauf der Dinge zu verweigern.

Man könnte den Stil von Germinal Roaux’ zweitem Film als asketisch beschreiben, wenn einem nicht gleichzeitig sein unbedingter Wille zur Stilisierung ins Auge fallen würde. Es ist der Blick des professionellen Fotografen, der gar nicht anders kann, als seine Bildausschnitte nach allen Regeln des Metiers zu komponieren, im 4:3-Format, leicht asymmetrisch, mit schönen Kontrasten – nicht nur in Bezug auf das gediegen-strenge Schwarz-Weiss, sondern auch auf der Inhaltsebene: das kleine schwarze Mädchen alleine in der Berglandschaft, in einem Hospiz, geführt von alten weissen Männern, die über sein Schicksal entscheiden. Asketisch: ein Adjektiv, mit dem auch Robert Bressons Kino immer wieder beschrieben wird, von unaufdringlicher Spiritualität durchzogen, moralischen Dilemmata und dem steten Versuch, zu so etwas wie kinematografischer Transzendenz zu gelangen. Die Assoziation ist nicht ganz zufällig. Das Eingangsbibelzitat aus dem Johannesevangelium – «Le vent souffle où il veut» war schon der Untertitel von Un condamné à mort s’est echappé; das junge Mädchen, das einen Esel seinen einzigen Freund nennt, könnte Au hasard Balthazar entsprungen sein. Und ginge es auch ein wenig zu weit, Bruno Ganz’ etwas affektfrei akzentuierten Dialog mit Bressons berüchtigter Schauspielerführung in Verbindung zu bringen, lässt sich ohne Weiteres feststellen, dass Fortuna seine Dramatik tatsächlich nicht unbedingt aus den grossen emotionalen Momenten zieht, für die sich der Plot und das Setting eigentlich anbieten würden, sondern aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem kleinen Körper des Mädchens mit seinen einfachen, doch unerfüllbaren Wünschen und der unbekümmerten majestätischen Präsenz der Berglandschaft.

Fortuna ist 14 Jahre alt, hat auf der Flucht aus Äthiopien übers Meer ihre Eltern aus den Augen verloren und lebt jetzt in einem katholischen Hospiz unterhalb des Simplon-Passes, wo der ansässige Mönchsorden temporär eine gewisse Anzahl Flüchtender aufgenommen hat. Direkte menschliche Zuneigung erfährt Fortuna nur noch von Kabir, einem 26-jährigen Landsmann, der im gleichen Boot wie sie nach Europa kam. Er schwört Fortuna seine Liebe, hat jedoch Frau und Kinder in Italien. Der Zufall, der göttliche Wind oder auch einfach die menschliche Natur, die dazu tendiert, die Schwächsten in ihrer grössten Not auch noch auszunutzen, hat dazu geführt, dass Fortuna von Kabir ein Kind erwartet. Die Männer, in deren Händen Fortunas – ihr Name beinahe göttlicher Hohn – Schicksal zu liegen scheint, stellen sich dieser Situation unterschiedlich entgegen. Kabir schlägt sie und wirft ihr vor, seine Probleme mit den ihren nur noch vergrössern zu wollen. Der pragmatische Sozialarbeiter will sie zur Abtreibung drängen, weil mit 14 Jahren als verwaistes Flüchtlingskind Mutter zu werden nun wirklich nicht die ideale Ausgangslage ist, alleine im fremden Land ein neues Leben – überhaupt ein Leben – beginnen zu können. Der von Bruno Ganz gespielte Bruder Jean ist der Einzige, der dem Mädchen so etwas wie ein Selbstbestimmungsrecht zugestehen will; nicht nur aus eigennützigen „religiösen Präferenzen“, wie er meint, sondern weil gewisse Dinge nicht im Bestimmungsrecht älterer Männer lägen, sondern anderswo. Ob er Gott, das Schicksal oder den Willen des Mädchens meint, bleibt offen. Der Wind weht eben, wie er will.

Es ist immer so eine Sache mit Filmen, die menschliches Leid – vor allem wenn es noch ein zeitgenössisches, gerade an unzähligen Orten geschehendes ist – mit einer sehr bewusst komponierten filmischen Ästhetik kombinieren, die man nicht anders als schön bezeichnen kann. Das bekannteste gescheiterte Beispiel dieses Taktik ist immer noch Pontecorvos berüchtigte Kamerafahrt auf die Hände einer sterbenden KZ-Insassin in Kapò, und man muss Roaux zugestehen, dass er weder solch aufmerksamkeitsheischende Stilmittel verwendet noch seine Protagonistin für sein ästhetisches Vorhaben wirklich ausnutzt. Man kann auch argumentieren, dass die an Bresson erinnernde Stilisierung in gewissem Einklang mit seinem Thema und seinem Setting steht: die Askese der religiösen Gemeinschaft, der Anspruch auf Selbstbestimmung gegenüber den Mächten einer unbarmherzigen Welt, das Recht, sich dem Lauf der Dinge zu verweigern. So wird Fortunas Schicksal nicht stellvertretend für die Abscheulichkeiten der gegenwärtigen Kriegs- und Fluchtereignisse eingesetzt, sondern bleibt als berührender Einzelfall stets konkret. Wie Fortuna, deren Haltung sich mit Bartlebys «I would prefer not to» zusammenfassen liesse (nicht das Hospiz verlassen und zu einer Gastfamilie gehen, nicht mit den anderen zusammen essen, nicht abtreiben wollen), verweigert sich auch der Film dem künstlichen Drama. Und es ist nicht trotz dieser dramaturgischen Verweigerung, sondern gerade wegen ihr, dass sich seine Bilder nachhaltig ins Gedächtnis zu brennen vermögen, während der Affekt wie bei Bresson bis zum Ende und darüber hinaus verzögert wird. Dort schafft es Fortuna dann wirklich eine Wirkung zu entfalten, die die alltäglichen TV-Bilder sowie die unmittelbar betroffen machen wollenden Dokumentationen und Fiktionen doch ein gutes Stück hinter sich lässt.

First published: April 18, 2018

Fortuna | Film | Germinal Roaux | CH 2018 | 106’ | FIFDH Genève 2018 

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