Forgotten Island

Ein wildes Spiel der Animationsstile erzählt von der Kraft der Erinnerung – und der Kunst des Loslassens.

Text: Sarah Stutte

Wie sieht eine Erinnerung aus? Vielleicht wie ein Manga-Bild, vielleicht wie ein knallbuntes 3D-Abenteuer. Und manchmal klingt sie nach den Achtzigern, obwohl die Geschichte in den Neunzigern spielt. In Forgotten Island machen Joel Crawford und Januel Mercado das Erinnern nicht nur zum Thema ihrer Geschichte, sondern zum ästhetischen Prinzip: Stile, Techniken und popkulturelle Epochen überlagern sich, als hätte jemand eine Kiste voller Fundstücke aus der Vergangenheit ausgeschüttet.

Für Jo könnte diese Kiste kaum voller sein. Seit Kindertagen sind sie und ihre beste Freundin Raissa unzertrennlich. Doch nach dem Schulabschluss steht eine Veränderung an, die Jo lieber verdrängen würde: Raissa wird für das Studium in die USA ziehen. Ausgerechnet am letzten gemeinsamen Abend geraten die Freundinnen durch ein Portal nach Nakali, auf jene geheimnisvolle Insel, von der Jos Grossmutter Lola Fatima immer erzählt hat. Am nächsten Morgen fehlen ihnen Teile der Erinnerungen an die vergangene Nacht. Polaroids und Notizzettel werden zu Wegweisern einer ziemlich wilden Spurensuche – und bald erfahren sie, dass ihre Rückkehr einen hohen Preis fordert: die Erinnerungen an ihre Freundschaft.

Das erinnert ein wenig an The Hangover, nur dass Forgotten Island die durchzechte Nacht in ein Familienabenteuer und die philippinische Mythologie verpflanzt. Auf Nakali begegnen Jo und Raissa Wesen wie einer Manananggal, die ihren Oberkörper vom Unterleib trennen kann, und dem Werhund Raww. Dass gerade eine Geschichte über zwei Freundinnen, denen eine Trennung bevorsteht, von Wesen bevölkert wird, die selbst getrennt, zusammengesetzt oder verwandelt werden können, ist eine der hübscheren Ideen des Films.

Noch konsequenter setzt Forgotten Island das Thema jedoch visuell um. Schon die 3D-Animation verweigert sich dem glatten Einheitslook vieler Studioproduktionen. Gesichter verformen sich, Perspektiven kippen, Bewegungen werden überzeichnet, zwischendurch brechen Manga- und Anime-Codes in die computergenerierte Welt ein. Erinnerungen wiederum können den Stil vollständig wechseln. «Dragon Ball Z», «Street Fighter II» und die Magical-Girl-Ästhetik von «Sailor Moon» standen Pate; selbst dem legendären Motorrad-Slide aus «Akira» erweist der Film seine Reverenz. Einige längere Rückblenden wurden tatsächlich klassisch in 2D gezeichnet – von den Snipple Animation Studios auf den Philippinen.

Die Wechsel sind weit mehr als ein nostalgisches Zitatraten. Denn Erinnerung ist subjektiv. Wer von der Vergangenheit erzählt, inszeniert immer auch sich selbst – hier mitunter als Heldin oder Held eines Animes. So findet der Film eine wunderbar einfache Entsprechung für diesen Gedanken: Es gibt nicht die eine Vergangenheit und folglich auch nicht den einen Stil, in dem sie erzählt werden muss.

Ähnlich funktioniert die Musik. Die Handlung trägt zwar deutlich den Stempel der Neunziger, doch Nathan Matthew Davids Score reicht mit analogen Synthesizern zurück in die Achtziger und verbindet Pop und Hip-Hop mit philippinischen Klangwelten. Dazu gesellen sich Songs wie Sir Mix-a-Lots «Baby Got Back» oder Montell Jordans «This Is How We Do It». Sobald Nakali betreten wird, erweitert sich die Klangwelt um traditionelle philippinische Instrumente, Chorstimmen und Tagalog. Vergangenheit wird hier nicht historisch akkurat sortiert, sondern so zusammengesetzt, wie Popkultur im Gedächtnis eben weiterlebt: durcheinander, über Generationen hinweg und mitunter lauter, bunter und schöner, als sie tatsächlich war.

Diese Lust an der Überfülle ist zugleich die Schwäche des Films. Nakali platzt vor Kreaturen, Verfolgungsjagden, visuellen Einfällen und Gags. Wo Forgotten Island seiner zentralen Freundschaft vertraut, entwickelt er erstaunlich viel Gefühl; wo alle paar Sekunden noch eine Pointe, eine Figur oder ein neuer visueller Reiz hinzukommen muss, droht diese emotionale Geschichte unter dem Spektakel zu verschwinden. Das Vergessen braucht manchmal auch Stille – und die gönnt sich dieser Film nur selten.

Dabei steckt hinter all dem Getöse eine bemerkenswert melancholische Frage: Was bleibt von einer Freundschaft, wenn die gemeinsamen Erinnerungen verschwinden? Sind Jo und Raissa noch dieselben Menschen, wenn sie nicht mehr wissen, was sie miteinander erlebt haben? Und bedeutet Erwachsenwerden vielleicht gerade, gemeinsame Geschichte nicht krampfhaft konservieren zu wollen?

Merkwürdig vage bleibt dagegen Lolas eigene Vergangenheit auf Nakali. Die Grossmutter war selbst auf der Insel, doch wie sie dorthin gelangte und vor allem wieder zurückkehrte, verrät der Film nicht. Wurde auch sie einst von Ratiba und ihrem Amulett dorthin gelockt? Musste auch sie eine Erinnerung zurücklassen? Vielleicht ist das eine dramaturgische Lücke. Vielleicht steckt darin aber auch die schönste unbeabsichtigte Pointe eines Films über das Vergessen: Wie sollte Lola erzählen, was sie auf Nakali verloren hat, wenn sie sich daran gar nicht mehr erinnern kann?

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Forgotten Island | Film | Joel Crawford, Januel Mercado | USA 2026 | 98’ | Fantoche Festival Baden 2026 | CH-Distribution: Universal Pictures International Switzerland

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First published: September 10, 2026