First Days
[…] Die Erfahrung des Limbus ist laut Allamand & Karrer ebenso sensibel wie abstrakt, ebenso konkret wie nicht auf eine bestimmte Bedeutung ausgerichtet, nicht auf eine Erzählung reduziert.
[…] «First Days» ist eine emotionale Reise, in der das Jenseits bereits Diesseits ist. Das Ende ist Vollendung, Vollendung ist Fülle, Fülle ist embryonale Potenz.
Text: Giuseppe Di Salvatore
Post-mortem Visionen sind eine wertvolle Vorstellung, die der Idee eines echten Übergangs zwischen Leben und Tod, eines Übergangs als sensibler Moment, Sinn verleiht. Der Limbus, der sich dem initiatorischen Verlauf religiöser und moralistischer Fegefeuer entzieht, ist das Gebiet der Grenzen der Wahrnehmung, das Gebiet ihres metaphysischen Potenzials. Ein höchst filmisches Gebiet, da sich auch die Wahrnehmung des Kinos in einem hybriden Gebiet bewegt, dem zwischen Realität und Traum. Wenn das Kino seit jeher vom Limbus angezogen wird, dann deshalb, weil es in gewisser Weise von sich selbst angezogen wird.
In seiner Faszination für die Erkundung von diesem Gebiet, First Days ist mutig, da er wagt, sich in diesen Limbus ohne Instrumentalisierungen zu begeben, d.h. ohne das Thema als Gelegenheit zu nutzen, um sich mit weltlichen Beschäftigungen auseinanderzusetzen. Dieser Film hat keine Botschaften zu vermitteln, er führt nirgendwo hin, ausser in das Herz einer Hypothese. Um dies zu unterstreichen, fallen mir drei Filme ein, von denen sich dieser erste Spielfilm von Kim Allamand und Michael Karrer (letzterer eigentlich sein zweiter Film nach Füür brännt) unterscheidet. First Days hat nicht den Voyeurismus von Julian Schnabels The Diving Bell and the Butterfly (2007, nach dem gleichnamigen Buch von Jean-Dominique Bauby); er vermittelt dem Zuschauer nicht die Transzendenz eines völlig anderen, aussergewöhnlichen Moments, des «Bardos», wie in Samsara von Lois Patiño (2023); er ist kein «psychedelisches Melodram» nach der Definition, die Gaspar Noé selbst für seinen Film Enter the Void (2009) gegeben hat, weil die tatsächlich psychedelischen Aspekte sich nicht in die allzu menschlichen Begebenheiten einmischen, von denen uns der Tod erlösen soll.
Dieser letzte Punkt erscheint mir wichtig: In First Days erleben wir das Leben als Echo der Erinnerung im Sinne eines eigenständigen Eindrucks, ohne Anspruch, uns etwas über das vergangene Leben zu sagen, ohne eine Bedeutung, die auf die vergangene Welt zurückkommt. Die Erfahrung des Limbus ist laut Allamand & Karrer ebenso sensibel wie abstrakt, ebenso konkret wie nicht auf eine bestimmte Bedeutung ausgerichtet. Diese Kombination gelingt dank der formalen Entscheidung, uns die verschiedenen Elemente, aus denen sich der Film zusammensetzt, als besonders präsent zu zeigen. Das Bild: Die beeindruckende Kamera-Arbeit von Fabian Kimoto bevorzugt die geringe Schärfentiefe. Zwischen Close-ups und unscharfen Bildern oder flüssigen Verzerrungen ähnelt Kimotos Sichtweise auf den Film derjenigen eines Kleinkindes. Der Ton: Die Arbeit von Peter Bräker – hier auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Reife – «modelliert» Details und Landschaften durch einen Ton, der als Protagonist hervortritt. Und die Protagonistinnen: zwei Frauen, die trotz fehlender Dialoge und fast ausschliesslich teilweiser Aufnahmen ihrer Körper eine magnetische Präsenz ausstrahlen. Es überrascht nicht, dass es sich nicht um zwei Schauspielerinnen, sondern um zwei Tänzerinnen handelt, Nasheeka Nedsreal und Corti Jia-Yu, die jenseits der Welt der Worte sprechen können und so erneut das Ende mit dem Anfang des Lebens verbinden.
First Days ist eine emotionale Reise, in der das Jenseits bereits Diesseits ist. Das Ende ist Vollendung, Vollendung ist Fülle, Fülle ist embryonale Potenz. Das Geheimnis des Limbus ist also das der Zyklizität, das eines Übergangs, der sich nicht auf eine Erzählung reduzieren lässt. Die wenigen narrativen Elemente des Films, in denen etwas passiert, in denen man dem Faden einer angedeuteten Erzählung folgt, sind daher eher Einschübe, fast Hindernisse für die reine Erfahrung dieses Limbus als zyklischer Übergang. Mehr gibt es nicht zu sagen, ausser dass First Days Kino als Erforschung des Jenseits und des Diesseits des Wortes ist, ein Kino der Erfahrung, ein Kino, das heute mehr denn je wertvoll ist.
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Info
First Days | Film | Kim Allamand, Michael Karrer | CH 2026 | 70’ | International Film Festival Rotterdam 2026
First published: February 15, 2026