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Fausto

Fausto

[…] Es ist der ewige Wettstreit zwischen Vernunft und Gefühl, Wissenschaft und Aberglauben, Aufklärung und Romantik, der hier mittels sinnlich komponierter Aufnahmen von Nachthimmeln, Wäldern und schwach beleuchteter (Männer-)Körper erneut ausgetragen wird, wobei der Standpunkt des Filmes deutlich auf der zweiten Seite auszumachen ist.

[…] Fast alle der erzählten Geschichten deuten auf ihre Weise etwas Düsteres zu etwas Schönem um, als ob die scheinbaren Gegensätze hell/dunkel, gut/böse, schuldig/unschuldig in ihrer Deutung einzig von der Wahrnehmung abhängen.

[…] Es geht also, wenn man zum Kern dieses schönen, faszinierenden und durchaus auch irritierenden Filmes vordringen will, hauptsächlich um Fragen der Wahrnehmung und der technologischen Mittel, die diese beeinflussen.

Ein Strand an der Westküste von Mexiko namens „La escondida“: die Verborgene. Der Sand hier enthält so viel Eisen, dass Mobiltelefone und andere elektronische Geräte sich oft seltsam verhalten oder gar nicht mehr funktionieren. Und auch sonst geschehen hier immer wieder seltsame Dinge. Verführerische kleine blaue Lichter werden manchmal am Horizont gesehen, welche, so heisst es, die Leichtsinnigen aufs Wasser hinaus oder an noch schlimmere Orte locken wollen. Wie fast immer in diesem Film ist es Nacht; ein Mann, dessen nackter Oberkörper nur von einem schwach flackernden Feuer beleuchtet wird, erzählt die Geschichte eines Bekannten von ihm. Dieser sei geradezu süchtig nach Wissen gewesen, habe buchstäblich alles gelernt, was Bücher und Universitäten hergegeben hätten, und genau dieses Wissen habe begonnen ihn zu langweilen. Also sei er herumgereist, habe nach anderem, verborgenen Wissen gesucht, sich für okkulte Dinge zu interessieren begonnen, bis er einem schönen, teuflisch wirkenden Mann begegnet sei, der über alles Bescheid gewusst und ihm verheissen habe, ihm alles beizubringen. Viele Abenteuer hätten sie gemeinsam erlebt, bis der Fremde das Angebot gemacht habe, all sein Wissen zu teilen, wenn ihm der gelangweilte Wissensdurstige dafür einen Teil seiner selbst überlassen würde. Der Freund, der sich nicht mehr langweilen wollte, willigte ein und verkaufte dem Teufel seine Seele.

Auch die in Kanada geborene und zeitweise in Mexiko City lebende Regisseurin Andrea Bussmann fürchtete sich zu langweilen, als ein Strandurlaub bei „La escondida“ anstand, und begann, alle Informationen und Legenden, die zu diesem Ort herumgeisterten, zusammenzutragen, und beschloss, über den Strand und seine Geschichten einen Film zu machen. Herausgekommen ist, auf der oberflächlichsten aller Ebenen, eine sehr essayistische Adaption des fünften Aktes von Goethes Faust (zweiter Teil). Fausto besteht zum grössten Teil aus einer Ansammlung von nächtlichen Strandbewohnern, die unter spärlichem Licht scheinbar erlebte (in Wahrheit von der Regisseurin gescriptete) übernatürliche Geschichten in die Kamera raunen: örtliche Legenden, abgewandelte Bruchstücke aus dem Faust-Text und „wahre“ unheimliche Geschichten. In fast allen spielt der Gegensatz zwischen Licht und Dunkelheit eine zentrale Rolle, wobei letzterer in der Regel eine positive Funktion im Hinblick auf die Sichtbarmachung des Verborgenen zugesprochen wird. Es ist der ewige Wettstreit zwischen Vernunft und Gefühl, Wissenschaft und Aberglauben, Aufklärung und Romantik, der hier mittels sinnlich komponierter Aufnahmen von Nachthimmeln, Wäldern und schwach beleuchteter (Männer-)Körper erneut ausgetragen wird, wobei der Standpunkt des Filmes deutlich auf der zweiten Seite auszumachen ist. Es ist aber nicht der (vielleicht zu erwartende) Fall, dass man dem Film eine antiaufklärerische Haltung vorhalten könnte – im Gegenteil. Vielmehr sucht Fausto, das, was von den Aufklärung am Rande der Zivilisation übrigbleibt – wenn das Licht nachts nur noch aus flackerndem Feuer und unheimlichen Irrlichtern besteht und sich nicht wenige tagsüber vor diesem gar fürchten, da es Abwesenheiten oder Doppelungen der eigenen und fremden Schatten für alle sichtbar macht.

Nebst Goethes Faust kommen also auch Chamissos Peter Schlemihl sowie mutmasslich weitere Vertreter der deutschen Romantik zu ihrem Auftritt an diesem verwunschenen mexikanischen Strand, der seinen Namen von einer weiteren Legende bezieht, gemäss der ein von Piraten entführtes Mädchen vor diesen flüchtete und sich in den dichten Wäldern des Strandes versteckte. Die ursprüngliche „escondida“ also. Fast alle der erzählten Geschichten deuten auf ihre Weise etwas Düsteres zu etwas Schönem um, als ob die scheinbaren Gegensätze hell/dunkel, gut/böse, schuldig/unschuldig in ihrer Deutung einzig von der Wahrnehmung abhängen. Niemals, heisst es, solle man die Wasserschildkröten, die ihre Eier gerne in den vom Eisen schwarz gefärbten Sand legen und die mittlerweile fast ausgestorben sind, weil sich in ihren Panzern die Zukunft lesen lasse, direkt mit einer Lampe anleuchten, weil sie davon so irritiert seien, dass sie nur noch im Kreise schwimmen würden. Doch in Wahrheit, sagt die tiefe Männerstimme, die gebieterisch und doch irgendwie leicht die Tonspur per Voice-over beherrscht, tanzten die Schildkröten bloss. Oder da ist die Geschichte des Mannes, der die letzte Hexe des Strandes vor einem Spinnenbiss rettete und zum Dank einen Wunsch gewährt bekam. Er wollte in ein Insekt verwandelt werden, als das er das ganze Universum in einem Wassertropfen gespiegelt betrachten könne.

Es geht also, wenn man zum Kern dieses schönen, faszinierenden und durchaus auch irritierenden Filmes vordringen will, hauptsächlich um Fragen der Wahrnehmung und der technologischen Mittel, die diese beeinflussen. Die Spannweite reicht dabei von einfachsten Techniken – ein alter bärtiger Mann am Strand erklärt, wie man mittels einfacher Sehtechniken die „Moleküle des Universums“ wahrnehmen könne – bis zur Form des Films selbst. Alle Bilder von Fausto sind auf 16mm-Material gedreht, entwickelt, digitalisiert und schliesslich von einem Monitor abgefilmt worden. Das Ergebnis sind Aufnahmen, die wie nicht ganz von dieser Welt wirken, in denen die Dunkelheit nie ganz absolut ist und das spärliche Licht überall ein bisschen ausfranst. Nichts Fantastisches wird explizit sichtbar gemacht, weil das Fantastische etwas ist, woran man glauben muss, aber es ist genau dieser Glaube, der einem hier nahegelegt und leicht gemacht wird, vielleicht gerade weil das Fantastische hier nicht gezeigt, sondern erzählt wird.

Gleichzeitig macht Fausto auch auf die Gefahren aufmerksam, die von blindem (unaufgeklärtem) Glauben ausgehen. Als vor Hunderten von Jahren die ersten Europäer hier landeten und von den Einheimischen neugierig aber vorsichtig empfangen wurden, begannen die Eindringlinge sofort damit, die Strandbewohner undankbar und überheblich zu behandeln. Die Ureinwohner drohten, ihrer Illusionen beraubt, die Europäer wieder wegzujagen oder gar umzubringen. Ein schlauer Seefahrer, durch einen Almanach über bevorstehende astronomische Phänomene informiert, kündigte an, sein Gott werde zum Zeichen seiner Macht den Mond vom Nachthimmel stehlen. Nach einem vorgetäuschten Gebet und der pünktlich eingetroffenen Mondfinsternis liessen die Einheimischen schliesslich alles mit sich machen. So findet in dieser eigentümlichen Mischung aus (deutsch-)romantischen Gruselgeschichten, körnig-entrückten Bildern am Rande der Wahrnehmung und etlichen fabelhaften Tiergeschichten auch noch eine Art von Kolonialismuskritik statt, die man in dieser Form noch kaum irgendwo gesehen hat und die es gerade deshalb schafft, einen neuen Blickwinkel auf Phänomene zu werfen, die man bis dahin für schon genügend ausgeleuchtet befunden hatte.

First published: August 15, 2018

Fausto | Film | Andrea Bussmann | MEX-CAN 2018 | 70’ | Locarno Festival 2018, Cineasti del presente

Special Mention Cineasti del presente at Locarno Festival 2018

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