Far West

[…] «Far West» ist ein Film, den man weniger konsumiert als vielmehr erlebt – eine körperliche, sinnliche, zuweilen unbequeme Erfahrung, die die fragile Existenz seiner Figuren ebenso spürbar macht wie die sozio-politischen Kräfte, die an den Rändern dieser Welt wirken.

Text: Ruth Baettig

Far West ist ein Film, der einem eigenen inneren Puls folgt. Pierre-François Sauter vertraut auf ein entschleunigtes, meditatives Tempo, das die beiden Protagonist:innen Angela und Jair durch ihren Alltag begleitet. Vor allem Angela bewegt sich mit einer langsamen, bedächtigen, bisweilen schwerfälligen Körperlichkeit – ob in der Küche, beim Holzsammeln oder entlang des kargen, vom Atlantik gezeichneten Vulkanstrandes. Alles scheint in diesem Film choreografiert: Kamerabild, Bewegungen, Farben, Gesten bis hin zu Tönen. Nichts ist dem Zufall überlassen in dieser essayistischen Annäherung an zwei Menschen und eine Landschaft im Wandel.

Aus meinem Sehen lässt sich der Film in vier lose strukturierte Teile gliedern. Im ersten Teil werden Angela und Jair als Paar eingeführt: zwei Menschen, deren Leben am Rand der Gesellschaft – und wie am Ende der Welt – stattfindet und von Prekarität geprägt ist. Im zweiten Teil verschiebt sich der Fokus klar zu Angela. Sie bleibt eine schwer fassbare Figur; ihre Kontakte zu anderen Menschen im Dorf – zärtliche Berührungen, wortlose Gespräche, unerklärte Fragen – verstärken diesen Eindruck. Im dritten Teil folgt der Film Angela auf ihren eigenen Wegen, losgelöst von Jair. Sie weist ihn zurück, als er sich ihr annähern möchte, und geht stattdessen allein ans Meer. In einem hellblauen Anzug badet sie im vulkanischen Wasser und sammelt Salz – eine stille, beinahe rituelle Handlung, die Autonomie markiert und zugleich Verletzlichkeit offenbart. Über Angela erfahren wir wenig, und genau darin liegt die Stärke des Films: Sie bleibt eine Figur voller Leerstellen, die sich nur über Beobachtung und Nuancen erschliesst. Der vierte Teil öffnet die Perspektive auf das Umfeld und die Nebenfiguren: die Touristen, die langsam, aber unaufhaltsam den Raum einnehmen. Gierig und lautstark jagen sie den Blauen Marlin, den «Geparden der Meere», bereit, ein Vermögen für das Spektakel zu zahlen und sich auf die Weltmeisterschaft im Big-Game-Fishing vorzubereiten. Kontrastiert wird dies mit Angela und Jair, die in ihrem kleinen Fischerdorf versuchen, mit dem Fang kleiner Fische ihr Auskommen zu sichern. Ihre Realität, roh und fragil, trifft auf die Dekadenz der Marlin-Jäger – ein Gegensatz, der im Film unaufdringlich, aber deutlich politisch mitschwingt.

Sauter erzählt fast ohne Worte. In streng komponierten, poetischen Standbildern zeigt er die Auswirkungen des internationalen Küstentourismus auf die Kapverden. Die Stärke des Films liegt genau darin: Er erklärt nichts, er deutet nichts aus. Er überlässt die Interpretation den Zuschauenden, die in der Stille und Präzision der Bilder ihre eigenen Bedeutungen finden. Far West ist ein Film, den man weniger konsumiert als vielmehr erlebt – eine körperliche, sinnliche, zuweilen unbequeme Erfahrung, die die fragile Existenz seiner Figuren ebenso spürbar macht wie die sozio-politischen Kräfte, die an den Rändern dieser Welt wirken.

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Far West | Film | Pierre-François Sauter | CH 2024 | 86’ | Visions du Réel Nyon 2024

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First published: December 02, 2025