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Exil

Exil

[…] Morina findet Bilder für Xhafers Entfremdung. Er bildet eine migrantische Realität ab, der selbst der integrierte Ingenieur nicht entkommen kann. Auch dass Morina auf Musik verzichtet, trägt zur zermürbenden Spannung bei.

[…] «Exil» ist ein dichtes Drama, das sich vieler Themen annimmt – Diskriminierung, Mobbing, soziale Ungerechtigkeit und multiethnische Partnerschaften –, sich aber keiner Sache absolut verschreibt ausser der Subjektivität der Wahrnehmung selbst.

Glänzende Haut, nass-klebrige Haare und durchgeschwitzte Hemdkragen. Die Kamera sitzt Xhafer (Mišel Matičević) geradezu in Nacken – wie auch die Angst selbst. Von dieser Warte aus folgen wir in Visar Morinas Spielfilm Exil einem Mann, der nicht mehr weiss, wie ihm geschieht – bei der Arbeit und zunehmend auch zu Hause bei seiner Familie fühlt er sich vor den Kopf gestossen. Wurde er absichtlich nicht über dem Raumwechsel der Bereichssitzung informiert, sabotiert sein Kollege Urs tatsächlich seine Arbeit und stellt ihn dann vor allen Mitarbeitenden bloss und war er es auch, der eine tote Ratte an seinen Gartenzaun gehängt hat? Xhafer denkt, es muss an seiner kosovarischen Herkunft liegen – er wird gemobbt, weil er ein Ausländer ist. Seiner deutschen Frau Nora (Sandra Hüller) fällt es schwer, das zu glauben. Sie ist mit drei Kindern und ihrer Doktorarbeit überfordert, nebenbei versucht sie, Xhafers Verhältnis zur Schwiegermutter zu verbessern. Auf die wiederholte Einladung zu ihrem 70. Geburtstag antwortet der jedoch nur salopp, sie schäme sich wohl nicht mehr dafür, dass ihre Tochter einen «Kanacken» geheiratet habe.

Was in Bildern konsequent umgesetzt wird mit einer Kamera, die oft von hinten beobachtet und die gestressten Körper entblösst, manifestiert sich endgültig in knappen, dafür aber wortgewandten und spitzen Dialogen zwischen den Protagonisten. Tiefe Gräben tun sich auf, gesprochene Sätze werden zu Mauern. Verletzungen vieler kleiner Alltagsdiskriminierungen kommen zum Vorschein, die Regisseur Visar Morina konsequent wiederholt und spürbar macht. So etwa, wenn seine Kollegen Kosovo einfach immer mit Kroatien verwechseln oder wenn er, um sich vorzustellen, seinen Nachnamen – Kryeziu – neuen Kollegen gegenüber extra langsam und deutlich ausspricht, worauf diese ihre (ehrliche) Verwunderung über den fremden Namen nicht zurückhalten können. Als er mit seinen Sorgen auf seinen Chef zugeht, wird er wiederholt vor allen blossgestellt. Xhafer schaut in dem Moment in die Runde seiner Kollegen und sieht anstatt Personen nur noch Körper, die sich aneinanderreihen.

Morina findet Bilder für Xhafers Entfremdung. Er bildet eine migrantische Realität ab, der selbst der integrierte Ingenieur nicht entkommen kann. Auch dass Morina auf Musik verzichtet, trägt zur zermürbenden Spannung bei. Er setzt ganz auf die rohen Geräuschkulissen des Alltags: einen brummenden Aufzug, unerträgliche Redepausen, gehetzte Schritte auf dumpfen Bürofluren, die von mechanischen, tockenden Rhythmuselementen verstärkt werden. Die perkussiven Stücke setzen mit dem aufkommenden Wahn ein. Mit wenigen Mitteln baut Morina Suspense auf, die sich über den gesamten Film hinweg konstant steigert. Was mit kleinen, nebensächlichen Irritationen anfängt, wird immer extremer und bestimmt bald Xhafers Alltag.

Der liebevolle Vater, der mit seinen Kindern einen so herzlichen Umgang pflegt, empfindet auch in seiner Familie einen steigenden Druck. Etwas zehrt an ihm. Und so kommt ihm plötzlich sogar der Anblick seines kleinen Sohnes, wie er an der Brust gestillt wird, unwirklich vor. Als der Kinderwagen der Familie vor der Haustüre in Brand gesetzt wird und die Polizei ihn nicht ernst nimmt, steigt Xhafers Stress ins Unermessliche. Er fühlt sich in der bürgerlichen Mitte nicht mehr wohl, weshalb er gelegentlich Zuflucht in den Armen der kosovarisch-stämmigen Putzfrau im Büro sucht. Hier gelingt es dem Regisseur, geschickt eine Nebengeschichte über die Putzfrau und ihren Sohn, der von dem Verhältnis erfährt, mit nur ganz wenigen Einstellungen einzubauen. Es wird klar, Xhafer ist nicht der Einzige, der zwischen Wut und Ohnmacht wandelt.

Die Erzählung aber konzentriert sich auf die Gefühlswelt des Hauptprotagonisten und wird mit der Zeit immer mehr zum Fiebertraum eines Entwurzelten, der letztlich von alten Dämonen eingeholt wird. Xhafers Sicht auf die Dinge ist vernebelt, seine Gegner sind ausgemacht, auch wenn er bald ahnt, dass er an der falschen Stelle nach Schuldigen sucht. Exil ist ein dichtes Drama, das sich vieler Themen annimmt – Diskriminierung, Mobbing, soziale Ungerechtigkeit und multiethnische Partnerschaften –, sich aber keiner Sache absolut verschreibt ausser der Subjektivität der Wahrnehmung selbst. So gliedern sich auch die immer stärker überzeichneten Szenen wunderbar in ein Ganzes ein, in dem die Realität gleichbedeutend mit der Wahrnehmung des Protagonisten ist. Heraus kommt ein zutiefst körperlicher Film, der sich jedoch gänzlich einem seelischen Zustand verschreibt. Drehbuch und Verfilmung sind aus einer Hand, Visar Morinas zweiter Spielfilm trägt somit eine klare Handschrift, die eine neue Perspektive ins Kino bringt.

 

First published: December 09, 2020

Exil | Film | Visar Morina | DE-BE-KOS 2020 | 121’ | Human Rights Film Festival Zurich 2020

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