Elephants & Squirrels
[…] Weitere überraschende Entdeckungen legen offen, mit welchem Selbstverständnis Basel lange an teils nicht rechtmässig erworbenen Kulturgütern – faktischem Raubgut – festhielt.
[…] Letztlich wird deutlich, dass Dekolonialisierung einen Prozess bedeutet, der Zeit, Reflexion und Beharrlichkeit erfordert.
[…] Der Film macht nicht nur die Geschichte der Adivasi sichtbar, sondern zwingt ebenso zur Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle der Nachkommen europäischer Kolonialisierer und Kollaborateure.
Text: Silvia Posavec
Als Künstlerin sei es ihre Pflicht, Fragen zu stellen – und gelegentlich auch zu provozieren, sagt Deneth Piumakshi Veda Arachchige während einer Gesprächsrunde über ihre neueste Arbeit. «Provozieren – aber nicht im negativen Sinn, sondern auf friedliche Weise», fügt sie lachend hinzu. Die aus Sri Lanka stammende Künstlerin bewegt sich bewusst an der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus. Ihre Skulptur «Selbstporträt als Restitution – aus feministischer Sicht» (2020) zeigt eine lebensechte Nachbildung ihrer eigenen Person. Darin rekonstruiert sie jenen Moment, in dem ihr ein Museumsmitarbeiter des Museums der Kulturen Basel den Schädel eines Adivasi-Mannes in die Hände legt, ein Exponat, das vor über 130 Jahren von den Basler Naturforschern Paul Sarasin und Fritz Sarasin nach Basel gebracht wurde – zusammen mit weiteren Knochenteilen, rituellen Masken und konservierten Kleintieren.
An dieser Stelle kreuzen sich das Engagement der Künstlerin und die Interessen des Basler Filmemachers Gregor Brändli. Nach der Lektüre des Buches Tropenliebe (2015) des Historikers Bernhard C. Schär begann Brändli, sich vertieft mit den kolonialen Verflechtungen der Schweizer Naturforscher im ausgehenden 19. Jahrhundert auseinanderzusetzen. Die Recherche zu den Sarasin-Cousins, deren Objekte die ethnografischen, anthropologischen und naturkundlichen Sammlungen in Basel bis heute wesentlich prägen, verdichtete sich schliesslich zu einem Dokumentarfilm. In Elephants & Squirrels zeichnet er die Reisen der Künstlerin nach und begleitet ihre beharrlichen Bemühungen um die längst fällige Restitution menschlicher Überreste und sri-lankischer Kulturgüter aus Basel in ihr Heimatland.
Mit der Kamera begleitet Gregor Brändli die Künstlerin Deneth zu Diskussionsrunden, bei ihren Recherchen im Sammlungsdepot des Museums der Kulturen Basel und folgt ihr auch nach Sri Lanka. Der Regisseur, der ursprünglich aus der Fotografie kommt, versteht es, seinen ausgeprägten Sinn für Bildkomposition einzubringen, ohne dabei das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren. Formal setzt der Film auf eine nüchterne, unaufdringliche Bildsprache. Er verzichtet auf dramatisierende Zuspitzungen, künstliche Arrangements oder ästhetisierende Veredelung des Materials. Diese Zurückhaltung ist programmatisch: Die Kamera versteht sich nicht als kommentierende Instanz, sondern als begleitende Beobachterin.
Das differenzierte Sounddesign und der fein austarierte Soundschnitt von Thomas Rechberger und Daniel Hobi schlagen eine subtile akustische Brücke zwischen den wechselnden Schauplätzen und Stimmungen. Als Autor tritt Brändli in seinem ersten Langfilmprojekt bewusst zurück und überlässt der Künstlerin den erzählerischen Raum: Ihre Fragen treiben sowohl ihre künstlerische Forschung als auch die gemeinsame filmische Reise voran.
Vor allem in der ersten Hälfte des Films geht angesichts der verschiedenen Erzählebenen und wechselnden Schauplätze der klare rote Faden stellenweise verloren. Neben dem Bestreben, im Depot des Museums der Kulturen Basel weitere Exponate ausfindig zu machen, gewinnen insbesondere die Begegnungen der Künstlerin in Sri Lanka an Gewicht.
Zur zentralen Schlüsselszene verdichten sich die Reise zur bis heute bestehenden Gemeinschaft der Adivasi und das Gespräch mit Uru Warige Wannila Aththo über die Möglichkeiten – oder vielmehr die Notwendigkeit – der Rückgabe der menschlichen Überreste seiner Vorfahren. Doch anstatt den Fokus primär auf die Kommunikation mit politischen und institutionellen Instanzen in Basel zu legen, lässt Gregor Brändli den Blick bewusst weiter schweifen – ganz im Sinne eines offenen, prozesshaften Forschungsprojekts. So treffen sie etwa auf einen sri-lankischen YouTuber, der in kurzen Clips vergessene Bräuche wieder sichtbar machen will. Sie sprechen mit einem jungen Ehepaar aus der Volksgruppe der Adivasi, das Einblicke in sein heutiges Leben und Denken gewährt, und besuchen beiläufig einen Antiquitätenhändler mit einer umfangreichen Maskensammlung.
Auf den ersten Blick scheinen diese Erzählstränge von der Hauptgeschichte gelöst. Doch gerade in ihrer Fragmenthaftigkeit illustrieren sie unterschwellig eine zentrale These des Films, die Gregor Brändli in seinem Regiestatement formuliert – in Anlehnung an die Forschungen der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. Ihrer Ansicht nach erschwert die Abwesenheit von Kulturgütern an ihren Herkunftsorten den Menschen, eine lebendige Beziehung zur eigenen Geschichte aufzubauen.
Vielleicht ist es der Sensibilität des Themas geschuldet, dass vergleichsweise wenige Szenen aus der Schweiz Eingang in den Dokumentarfilm von Gregor Brändli finden. Doch die Sequenzen, die er zeigt, genügen, um die Dimension dessen zu erahnen, was durch die Arbeit von Deneth in Basel angestossen wurde. Weitere überraschende Entdeckungen legen offen, mit welchem Selbstverständnis Basel lange an teils nicht rechtmässig erworbenen Kulturgütern – faktischem Raubgut – festhielt.
Dabei steht das Museum der Kulturen Basel stellvertretend für zahlreiche europäische Museen mit ethnografischen Sammlungen, in denen sich ähnlich konfliktbelastete Artefakte, Exponate und Darstellungen fremder Kulturen finden. Letztlich wird deutlich, dass Dekolonialisierung einen Prozess bedeutet, der Zeit, Reflexion und Beharrlichkeit erfordert: Es geht darum, einen womöglich schmerzhaften Blick auf die eigenen Gewissheiten zu werfen und aus dem Diskurs konsequent ein Handeln abzuleiten. Im Film wird dabei sichtbar, dass eine formalisierte Restitutionspraxis in Basel lange Zeit schlicht nicht existierte. Schritt für Schritt beginnt sich diese Praxis erst langsam zu gestalten, und man erlebt, wie mühsam und zögerlich Veränderungen umgesetzt werden. In diesem Prozess wird die Künstlerin selbst zur Schlüsselfigur: Mit ihren Sprachkenntnissen, ihrem unermüdlichen Einsatz und ihrer beharrlichen Forschung öffnet sie Dialoge, vermittelt zwischen Institutionen und Herkunftsgemeinschaften und setzt so Impulse, die das starre System allmählich in Bewegung bringen.
Elephants & Squirrels begleitet diesen Prozess und wird selbst zum filmischen Exponat einer Geschichte, die in den dunklen, von darwinistischen und kolonialistischen Vorstellungen geprägten, menschenverachtenden Denkweisen des 19. Jahrhunderts verwurzelt ist. Mit einer für Dokumentarfilme ungewöhnlich langen Laufzeit von 114 Minuten fordert er auch vom Publikum Geduld – doch diese Geduld zahlt sich aus: Der Film macht nicht nur die Geschichte der Adivasi sichtbar, sondern zwingt ebenso zur Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle der Nachkommen europäischer Kolonialisierer und Kollaborateure. Dabei ist Deneths und Brändlis Herangehensweise sehr präzise und reflektiert, niemals anprangernd oder schuldzuweisend. Und so endet der Film, wie er begonnen hat: mit Fragen, die provozieren – jedoch auf eine friedliche Art.
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Screenings at the FIFDH Genève and in Swiss cinema theatres
Info
Elephants & Squirrels | Film | Gregor Brändli | CH 2025 | 114’ | Solothurner Filmtage 2026, FIFDH Genève 2026 | CH-Distribution: Royal Film
First published: March 06, 2026