El mundo al revés

[…] Diese Kombination aus zeitlicher Zweidimensionalität und räumlicher Dreidimensionalität ist vielleicht das spezifische ästhetische Merkmal von «El mundo al revés».

[…] Der soziale Determinismus findet in der spirituellen Dimension eine Erhebung, vielleicht sogar eine Erlösung.

Ich weiss nicht, ob die Welt in dem Film von Leon Schwitter und Agostina Di Luciano wirklich auf dem Kopf (al revés) steht, aber es ist zweifellos eine Welt, ja sogar ein Kosmos, wie ihn nur das Kino erschaffen kann. Der Film beginnt und endet in einer Höhle, einer urzeitlichen Welt, in der der Mond erscheint. Diese Verschmelzung von Himmel und Erde, von oberirdischer und unterirdischer Welt, umarmt und erhellt die Welt der Protagonisten, der peones, der Arbeiter im Norden Argentiniens. Eine Gemeinschaft mit indigenen Wurzeln wird hier aus einer kosmischen Perspektive betrachtet.

Dazu bedienen sich Schwitter und Di Luciano einer originellen Filmsprache, die die filmische Erzählung von einer spezifischen Handlung löst und so eine Atmosphäre der Schwebe schafft, in der wir auf die Kraft von Bild und Ton achten, auf emotionale Situationen. Genauer gesagt, wird das Fehlen einer narrativen Stringenz, also eine gewisse narrative flatness, durch Kadrierungen ausgeglichen, die systematisch eine ausgeprägte Tiefe einbeziehen. Diese Kombination aus zeitlicher Zweidimensionalität und räumlicher Dreidimensionalität ist vielleicht das spezifische ästhetische Merkmal von El mundo al revés – eine Art filmisches Dispositiv.

Dieses Stilmittel, das gleichzeitig Schwebezustand und Tiefe vermittelt, ermöglicht es den Regisseuren, gesellschaftliche Analyse und Poesie miteinander zu verbinden. Einerseits drückt die Atmosphäre der Schwebe die Unbeweglichkeit einer sozialen Klasse aus, deren Schicksal Ausbeutung und Diskriminierung ist; andererseits findet der soziale Determinismus in der spirituellen Dimension eine Erhebung, vielleicht sogar eine Erlösung. In dieser Perspektive erweist sich das berühmte Schlusslied Vengo a buscar mi caballo (Pablo del Cerro) als perfektes Echo und ultimativer Kommentar zum Film – vielleicht auch als Inspiration. Hier, in der Version von Argentino Luna, dem Erben des grössten Verfechters des modernen Lebens der indigenen Völker Argentiniens, Ataualpa Yupanqui, drückt sich genau die Verbindung aus zwischen der Klage über weltliche Leiden und der spirituellen Transzendenz in der Natur und im Universum.

In den wenigen Dialogen, in denen die Protagonisten über ihre Visionen sprechen, werden diese in den Untertiteln als «Fata Morgana» wiedergegeben: Bezieht sich El mundo al revés tatsächlich auf den magischen Realismus? Vielleicht sollten wir weiterdenken, da die Stärke dieses Films nicht nur darin liegt, eine Welt zu vermitteln, in der das Natürliche und das Übernatürliche nicht klar voneinander getrennt sind, sondern auch darin, dies zu tun, ohne eine «spezielle» Realität zu zeichnen. Der Film entführt uns in eine Realität, in der die Härte der sozialen Verhältnisse und die Poesie des Kosmos in einer «normalen» Kontinuität zueinander stehen. Aus diesem Blickwinkel spricht El mundo al revés, indem er schlicht von spiritistischer Medialität erzählt, vom Kino tout court, als Medium der Ununterscheidbarkeit zwischen Realität und Fiktion.

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El mundo al revès | Film | Leon Schwitter, Agostina Di Luciano | CH-ARG 2025 | 77’ | Visions du Réel Nyon 2025 | CH-Distribution: Sister

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First published: March 26, 2026