Duisburger Filmwoche

Diese «Dynamik aus Passivität und Aktivität», zu der die Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einladen, betont Scholz auch in seiner Eröffnungsrede. Das Dokumentarische also nicht als Abbild und als gegeben zu nehmen, sondern als Aufforderung zu partizipativer Einmischung.

Text: Rahel Jung

Über auffällig grosse Pilze gebeugt, bekomme ich nicht mit, wie eine ältere Frau die anderen fragt, was wir denn da machen. (Auf der Suche nach in den Winkeln des Wortschatzes versteckten Adjektiven beschreiben wir den Park. Er ist zum Beispiel ganz schön laubtrunken.) Wir kommen vom Festival, von der Duisburger Filmwoche. Das findet im Kino am Dellplatz statt, sagt wer. Da sei sie auch mal gewesen, damals: also ziemlich lange her. Und sie war beinah die Einzige, die den Film über Geschlechtskrankheiten bis zum Schluss geschaut hat.

Unter diesem Schlagwort lässt sich überraschenderweise auf Protokult, dem Archiv aller je verfassten Filmgesprächsprotokolle, nichts finden. Aber es gibt im Filmforum ja auch einen Alltag mit Vorführungen unterm Jahr; das sollte man nicht vergessen, wenn man aus den Ecken und Enden des DACH-Raums im November für ein paar Tage nach Duisburg kommt. Auch auf der 49. Filmwoche ging es nicht um das Tabuthema Geschlechtskrankheiten. Generell ging es aber immer wieder darum, worum es nicht ging. Diesem angestrengten und immerwährenden Phänomen des Bemängelns von Nichterwähntem oder -gezeigtem, in dem der seltsame Wunsch nach einem völlig anderen Film oder Gespräch mitschwingt, möchte ich mich aber hier ausdrücklich nicht widmen, sondern vielmehr dem, was war und ist – dem Realen sozusagen.

HALT war das Motto der diesjährigen Ausgabe. Ein vielschichtiger Begriff, der bei der Eröffnung in verschiedenen Händen gedreht und gewendet wurde, um auszuloten, wem EinHALT geboten werden sollte und was ZusammenHALT spenden kann. HALTs Bedeutungsvielfalt freiheitsliebend verbildlicht, hat Festivalleiter Alexander Scholz zur Mottoverkündung das Schaukeln ins Spiel gebracht, genauer gesagt, das Festhalten dabei. Und dann gibt es diesen winzigen Augenblick, wenn man am höchsten Punkt schwebend stillzustehen scheint und ich wirklich immer lache. Der Schwerkraft enthoben, bevor man zurücksaust, sich noch fester hält und mehr Schwung holt. Diese «Dynamik aus Passivität und Aktivität», zu der die Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einladen, betont Scholz auch in seiner Eröffnungsrede. Das Dokumentarische also nicht als Abbild und als gegeben zu nehmen, sondern als Aufforderung zu partizipativer Einmischung.

©Simon Bierwald

Eine aktive Auseinandersetzung mit den «Widerhaken (…) in den Wirklichkeiten» (Scholz) ist, was die Filmwoche seit 1977 ausmacht. Ein Filmfestival, das Bild und Wort gleichberechtigt, bei dem Kino und Diskussionsaal nebeneinander-liegen. Eine einzige Programmschiene ermöglicht theoretisch allen, alles zu schauen und im direkten Anschluss zu diskutieren. Debatten darüber, wie damals diskutiert wurde und heute diskutiert werden könnte, scheinen genauso dazuzugehören wie ein jährlich obligatorisches Streitgespräch über das Dokumentarische an sich, dieses Mal anhand des Films Le Lac (Fabrice Aragno) entfacht und im Protokoll von Ronny Günl nachvollziehbar. Während diese meist knapp einstündigen Gesprächsformate doch einem recht klassisch-hierarchischen Dispositiv von erhöhtem Podium samt Tisch, Stuhl, Mikrofon und Wasserglas folgen – wobei eine Person aus der sechsköpfigen Auswahlkommission das Gespräch mit den Filmschaffenden moderiert und nach circa der Hälfte der auf Klappstühlen sitzende Saal mit einbezogen wird –, schnappt man die spannenden Gedanken meist hinterher irgendwo rund um den sechseckigen Dellplatz auf. Eigentlich jeden Abend verlaufen sie (sich) bis spät in die Nacht im berüchtigten Das cafe, wo laut einer Google-Rezension von Jay Nightwind auch die Getränke noch «stabil sprittig» sind. Dieses Raunen im Dazwischen und dessen geheimnisvolles Hervorheben waren wohl schon immer Teil, viele kennen viele und sind immer da. Generell werden Tradition und Geschichte auf der Filmwoche hochgehalten, nicht nur bei dem von Jugendlichen kuratierten Rahmenprogramm «Duisburger Klassik».

Für ein Panel frei nach dem Format betreutes Sichten mit dem Titel «Nachhall. Musik im Dokumentarfilm gestern und heute» haben Julia Zutavern und Fabian Tietke Ausschnitte von Filmbeispielen aus dem Festivalarchiv mitgebracht. Man ist sich einig, dass Musik immer eine Setzung sei, ein Mittel, um Interpretationsspielräume zu öffnen oder zu verschieben, und fragt nach einer musikalischen Wahrnehmung der Welt. So habe bei Aber das Wort Hund bellt ja nicht (Bernd Schoch, 2011) – einfach gesagt ein Film über Freejazz – ein Festivalbesucher der damaligen Filmwoche «zum ersten Mal ‹mit den Augen gehört›», wie es Wahrnehmungshierarchien infrage stellend im Protokoll heisst. Auf die Diskussionsaufzeichnungen, genauer auf daraus hervorgehende Gedanken, Reibungspunkte und Erkenntnisse, nehmen Tietke und Zutavern immer wieder Bezug. Bei Ich denke oft an Hawaii (Elfi Mikesch, 1978) hingegen dient Musik, wie Zutavern herausarbeitet, der Sehnsucht und dem dokumentarischen Verhandeln eines fiktionalen Lebensgefühls, während die Bild-Ton-Schere zwischen Kreisverkehrsmittelinseln und Opernmusik in Divina obsesión (Volko Kamensky, 1999) sich gegenseitig kommentiert und einen ironischen Zwischenraum eröffnet. Seit diesem Panel höre ich Eleni Karaindrou, die nicht nur für Filme von Theo Angelopoulos komponiert hat, sondern deren Musik auch in Ruth Beckermanns Those Who Go Those Who Stay (2013) erzählt.

El mundo al revés

Jetzt aber zu Filmen des diesjährigen Festivals selbst! Wie vor jeder Vorführung aber auch zuerst noch kurz gedanklich bei dem Festivaltrailer pausieren. Während die Filme nicht unter Berücksichtigung des Mottos ausgewählt werden, sondern erst im individuellen Interpretationsspielraum darauf bezogen werden dürfen oder auch nicht, setzt der Trailer klar eine eigene Deutung desselben. In diesem Jahr stammt er von Helena Wittmann. In meiner direkten Lesart ihrer Auslegung wird Halt in der scheinbaren Schwerelosigkeit gesucht und vom Menschen am Schiffsbauch gefunden.

El mundo al revés (Agostina Di Luciano, Leon Schwitter) hingegen sucht nach Überweltlichem, geht im ländlichen Argentinien dem Glauben an die Kraft von Geschichten nach und verliert sich in einer hybriden Form, die in Duisburg Machtverhältnisse hinterfragen lässt. Verschiedene Stränge zwischen Generationen und Tälern mit einem Alltag auf Dorffesten und Pferderücken sowie der spirituellen Anbetung einer Mauer als «Besetzungsbeschwörung» erzählen von einer fantasievollen Spiellust des Regieduos und dem vertrauensvollen Sich-darauf-Einlassen der Protagonist:innen, wie im Filmgespräch immer deutlicher wird. Der Film oszilliert in dem, was wirklich da ist, und formuliert in einem versuchten Anknüpfen an in Riten und Mythen verwurzeltem Wissen die Zukunftsfantasie einer egalitäreren Welt. Was genau es bedeutet, dass wir Geschichten brauchen, um unsere eigene Realität begreifen zu können, und ob das inmitten der Klassenunterschiede funktioniert, bleibt offen.

Heinz Emigholz hingegen widmet sich filmisch dem ganz Konkreten. Und zwar auf der Filmwoche mit Ecce Mole – dem sechsunddreissigsten Teil der Serie Photographie und jenseits, in der er Bauwerke dokumentiert – gleich zwei Turiner Gebäuden des Architekten Alessandro Antonelli. Da aus einem Bild ja nichts hinausfallen könne, nehme er ernst, wie er gucke, sagt der Filmemacher im Gespräch. Und das bedeutet auch hier, wie aus anderen seiner Werke bekannt, in vielen Fällen schräg. Daher spalten sich sowohl primär die Mole (in der sich das italienische Filmmuseum befindet) als auch der Palazzo Fetta di polenta in seinem zur Seite geneigten Blick in unzählige statische Aufnahmen auf, um in ihrer Gesamtheit als Gebäude erfahr- und gar rekonstruierbar gemacht zu werden.

Palliativstation 

Wie umgehen mit dem Leben im Sterben so kurz vor dem Tod? Sterben ist ein Prozess, sind lebendige Momente, wie Palliativstation von Philipp Döring zeigt. Die gut vierstündige Institutionsbeobachtung begleitet elf unheilbare Patient:innen und deren Angehörige im Berliner Franziskus-Krankenhaus zwischen Verzweiflung, Schmerzen und Ängsten, aber ebenso Hoffnung und kleinen Freuden. Getragen von einem Oberarzt mit Zeit, Feingefühl und ehrlichem Interesse, schafft der Film Raum für Reflexion, wirft auf eigene Krankenhauserfahrung oder Sterbebegleitung zurück und kann uns wie dem Filmemacher selbst vielleicht auf handfeste Art und Weise ein Stück die Angst vor dem eigenen Tod nehmen.

Der Tag vor dem Abend (Max Koller) besteht aus der verdichteten Choreografie des Alltags der 93-jährigen Grossmutter des Filmemachers. Socken anziehen, Teppichfransen kämmen, Handtücher, Betttücher oder Geschirrtücher waschen, einen Keks essen. Und all das immer wieder hinter Mattglasscheiben, Vorhängen oder in Spiegeln. Es geht um Abläufe und ganz stark um das wie des Zeigens derselben, um das gemeinsame Bauen von Bildern. Mehr noch als ein Grosseltern-Film ist das ein Enkel-Film, der biografischen Kontext ausser Acht lässt, dafür aber eigene dokumentarische Experimentierversuche und Interessen ernst nimmt und beispielsweise einer Ameise bis in die Gefangenschaft im Spinnennetz folgt, während Eva Koller Mittagsschlaf hält.

Allein schon wenige Gedanken zu vier der zweiundzwanzig Filme, die auf der diesjährigen Duisburger Filmwoche liefen, erlauben einen Einblick in die Vielfalt dokumentarischer Formen und filmisch verhandelbar gemachter Themen, die das Festival Jahr für Jahr zum Schauen und Diskutieren, zum gemeinsamen Erfahren einlädt. Gerade der Raum zum Sprechen, zum lauten Denken über Film ist, was Duisburg ausmacht. Denn eben ganz im Sinne von Kleist kommt «die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden». Durch den Mut zum Austausch mit einem Gegenüber formen sich sprechend Ansichten und Erkenntnisse, lehren einen das Sehen mit Worten.

Info

Duisburger Filmwoche | Festival | Duisburg | 3-9/11/2026
More Info 

El mundo al revés | Film | Agostina Di Luciano, Leon Schwitter | CH-ARG 2025 | 77’ | Visions du Réel Nyon 2025 | CH-Distribution: Sister Distribution
More Info 

Ecce mole | Film | Heinz Emigholz | IT 2025 | 28’
More Info 

Palliativstation | Film | Philipp Döring | DE 2025 | Berlinale 2025 | 245’
More Info 

Der Tag vor dem Abend | Film | Max Koller | AT 2025 | 61’
More Info 

First published: November 17, 2025