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Die grüne Lüge

Unter Mitwirkung von Kathrin Hartmann, Autorin und Nachhaltigkeitsspezialistin, konzentriert sich Werner Boote auf das eigentliche Problem des Themas Nachhaltigkeit – wie Grosskonzerne sich dieses Thema aneignen und es zu ihrem Vorteil nutzen, indem sie nicht unabhängige Zertifizierungen erstellen, die echte Lügen verbergen. Die grüne Lüge ist ein wichtiger Film, der den Schaden und die Heuchelei von Riesenunternehmen wie Unilever, BP oder RWE zeigt und zum Vorschein bringt, wie hinter den „grünen“ Kampagnen ihr Kerngeschäft nach wie vor die Umwelt und die Arbeit von Kleinbauern und Fischern beschädigt.

Das Interesse dieser Dokumentation liegt nicht wirklich in ihrem informativen Wert und ihrer Anklage-Funktion, da die Untersuchungen nicht sehr vertieft sind. Wesentlicher ist die Botschaft, dass die Verschärfung der Kontrolle bei „grünen“ Zertifizierungen nicht eine befriedigende Alternative ist, sondern nur die Veränderung der konsumorientierten Haltung der Menschen anzustreben ist, welche lernen sollen, sich vor niedrigen Preisen und vor allem vor den Grosskonzernen – ob „grün“ oder nicht – zu hüten, und sich in einer kollektiven politischen Mobilisierung, die auf eine Demokratisierung der Wirtschaftsstrukturen abzielt, zu engagieren. Doch drückt der Film beim Thema alternative Systeme eine „romantische“ Vision aus, die die Öffentlichkeit über das Private und die Solidarität über den individuellen Gewinn idealisiert und übermässiges Vertrauen in die Demokratie als Lösung des Problems zeigt. Wäre es nun nicht an der Zeit, diesen alten antiökonomischen Antikapitalismus mit dem Vorschlag nicht kapitalistischer oder nicht rein finanzieller Wirtschaftssysteme zu aktualisieren, die auch private Gewinne als normalen Bestandteil integrieren, wenn auch so geregelt, dass Machtkonzentrationen vermieden werden?

Aber das eigentliche Problem von Die grüne Lüge liegt in der Form, die Werner Boote gewählt hat, indem er eine Diskussion zwischen sich selbst und Kathrin Hartmann als Vermittlungspersonen (ausgesprochen nicht glaubwürdig) skeptischer und militanter Positionen in Bezug auf die Kritik an der wahllosen Aneignung des Themas Nachhaltigkeit inszeniert. Die Absicht ist es, einen kritischen und komplexen Diskurs leicht „konsumierbar“, humorvoll und populär zu machen, wie man es von ermüdenden TV-Doku-Shows kennt; was einen abgelenkten, uninformierten, unterhaltungsorientierten Zuschauer voraussetzt, der die Überzeugungsarbeit dem rationalen Argument vorzieht. Ist dies nicht eine formale Entscheidung von Boote, die bereits einen Verlust des rationalen und demokratischen Davids angesichts der Macht des irrationalen und überzeugenden Goliaths bedeutet? Also eine Entscheidung im völligen Widerspruch zu den ultimativen Absichten des Films? Kann eine leichte, humorvolle Wahrheit die Lügen wirklich abbauen? Oder wird sie am Ende nur als eine – schwache – Stimme wahrgenommen werden unter den vielen – starken – Stimmen von denen, die wirklich die Macht haben? (GDS)

 

First published: September 11, 2018

Die grüne Lüge | Film | Werner Boote | AT 2018 | 93‘

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