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Der Schweizer Kurzfilm | Kurzfilmtage Winterthur

[…] Nebst dem Publikumsgewinner «Facing Mecca» von Jan-Eric Mack, dessen Kurzfilm die Schweiz sowohl von der oft kleinkarierten oder ausländerfeindlichen, aber auch hilfsbereiten und paradiesischen Seite zeigt, stechen aus diesem Sammelsurium zwei Kurzfilme heraus, die in ihrer gemeinsamen Thematik der Selbstfindung und dessen Ausdruck mit einer gewissen Leichtigkeit überzeugen.

[…] Symmetrische Bildkompositionen verleihen dem Kurzfilm eine weitere stilisierte Normierung und Ordnung, welche in der vorletzten Schlusssequenz Eltern und Kind, obwohl auf etwas brutale Weise, jedoch ganz im Stil der sexuellen Vorliebe, zusammenführt.

Der Schweizer Kurzfilm. Eine Stichprobe

Der Schweizer Kurzfilm kommt an den Internationalen Kurzfilmtagen in Winterthur nicht zu kurz. Von einer Retrospektive über Fredi M. Murer und die 68-Jahre, einer Schweizer Wettbewerbsreihe bis zu den Züri Shorts bieten die Kurzfilmtage ein vielfältiges Programm an, welches nicht von einer speziellen Thematik durchzogen ist, sondern mehr ein kunterbuntes Sammelsurium zeigt, dass das Publikum berührt, erfreut, verwirrt und auch zum Denken anregt.

Nebst dem Publikumsgewinner Facing Mecca von Jan-Eric Mack, dessen Kurzfilm die Schweiz sowohl von der oft kleinkarierten oder ausländerfeindlichen, aber auch hilfsbereiten und paradiesischen Seite zeigt, stechen aus diesem Sammelsurium zwei Kurzfilme heraus, die in ihrer gemeinsamen Thematik der Selbstfindung und dessen Ausdruck mit einer gewissen Leichtigkeit überzeugen. Der animierte Kurzfilm Kuckuck (CH 2017) von Aline Höchli und Je fais tu me dis (CH 2017) von Marie de Maricourt porträtieren beide junge Frauen, welche mit einem Teil ihres Selbst konfrontiert sind, welches sie akzeptieren, gleichgültig gegenüber Meinungen von Menschen, die anders denken.

Kuckuck | Aline Höchli

Kuckuck visualisiert diese Thematik mit einer amüsanten, abstrakten Analogie, wo einer jungen Frau durch einen Vogeldreck ein Ei im Hirn wächst und durch die Wärme des Föhns eine Gans schlüpft. Nach einem Check beim Parasitologen ist die Diagnose klar: Patientin hat Vogel im Kopf und ist demnach gestört. Obwohl der Arzt ihr Nüsse (auf english nuts) als Heilmittel verschreibt, beschliesst sie für sich nicht nuts zu sein („Are you nuts?“ bedeutet „Bist du verrückt?“) und füttert die Nüsse ihrer Gans im Kopf. Somit steht fest, die Patientin ist gans ok so, wie sie ist. Die Krankheit, die sinnbildlich für all das steht, was nicht der Norm entspricht, wird als Eigenschaft akzeptiert und gutgeheissen. Der Zeichnungsstil brilliert mit Liebe zum Detail, was dem Kurzfilm weitere Komik verleiht und eine gewisse Leichtigkeit hineinbringt. So etwa die Wandaufschrift „Don’t let me be misunderstood“, die Zeitungsschlagzeile „Are you weird?“ im Bus auf dem Weg zum Doktor oder die Lesetafel für potenzielle Brillenträger auf der in senkrechter Pyramidenform steht: „Keiner hats gelesen“.

Je fais où tu me dis | Marie de Maricourt

In Je fais tu me dis macht sich eine junge behinderte Frau auf die Suche nach Sexpartnern, die ihren Sadomaso- und vor allem Spanking-Fetisch mit ihr ausleben wollen. Eine Vorliebe, über die, trotz des Aufkommens der Thematik durch Fifty Shades of Grey, oft noch hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Sarah ist sich ihrer Sache jedoch sicher, besucht Speed-Dating Events und bucht Escort-Services. Der Kurzfilm vereint somit liebevoll in seinem Ganzen alle Freaks und Randfiguren der Gesellschaft, seien es nun Behinderte mit spezifisch sexuellen Vorlieben oder Transmenschen und trotzt so der sozialen Norm, die durch die Eltern von Sarah und der düsteren, sterilen Bildatmosphäre visuell dargestellt wird. Symmetrische Bildkompositionen verleihen dem Kurzfilm eine weitere stilisierte Normierung und Ordnung, welche in der vorletzten Schlusssequenz Eltern und Kind, obwohl auf etwas brutale Weise, jedoch ganz im Stil der sexuellen Vorliebe, zusammenführt. Die Eltern kommen nach einem Ausflug zurück und finden ihre Tochter in voller Montur vor. Somit wird das sinnbildliche „Andere“, ins Zentrum gerückt und bekommt Platz, thematisiert zu werden.

First published: November 25, 2017

Internationale Kurzfilmtage Winterthur 2017 | Schweizer Wettbewerb

Kuckuck | Short | Aline Höchli | CH 2017 | 3'12" | Locarno Festival 2017, Fantoche Baden 2017

Award «Cinema e Gioventù» as Best Swiss Short Film – Pardi di domani at Locarno Festival 2017

Je fais où tu me dis | Short | Marie de Maricourt | CH 2017 | 17'22"

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