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Den siste våren

Den siste våren

[…] Der entscheidende Kniff von «Den siste våren» ist es wahrscheinlich, seine Erzählung als eine Geschichte von Schwesternschaft zu erzählen, die schwesterliche Verbindung als eine empathische Abkürzung einsetzend…

[…] Das Einzige, was übrig bleibt, ist der kreative Schrei ins Nichts hinaus: Veras Tagebuch, archaisch anmutende Performances in der Natur mit der Schwester, der Film «Den siste våren» selbst.

But it’s like we weren’t made for this world
(Though I wouldn’t really want to meet someone who was)
Of Montreal – The Past Is a Grotesque Animal 

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Dann kommt der Film doch noch, auf den man gewartet hat, ohne es zu wissen, der gerade in seiner unverhohlenen Hoffnungslosigkeit Hoffnung schöpfen lässt, nicht darauf, dass am Ende alles wieder gut wird, aber zumindest, dass man auf dem Weg dahin nicht ganz alleine ist. Eine der wertvollsten Eigenschaften des Kinos ist dessen Funktion als Empathiemaschine, also seine Fähigkeit, Verständnis für Figuren zu generieren, die dem eigenen Erleben fern sind. Filme dann, bei denen dieser Austausch in beide Richtungen verläuft, also Filme, die einen als Zuschauer und Menschen zu verstehen scheinen, sind so selten, dass ihre reine Existenz die ganze überhöhte und letztlich absurde Aufmerksamkeit um Finanzierungspolitiken, ephemere Preise, die ganzen wesentlichen und unwesentlichen Cocktaildebatten um die Bedeutung und die Zukunft des Kinos schon fast wieder rechtfertigen. Den siste våren (übers.: Der letzte Frühling) von Franciska Eliassen, zu sehen in der in Locarno oft übersehenen Wettbewerbsparte Cineasti del presente, ist ein solcher Film.

Es beginnt mit einem Stakkato aus Bildern, die man alle schon gesehen hat und die man in näherer Zukunft immer mehr sehen wird und die man trotzdem – sei es aus Gründen der Ignoranz, des Selbstschutzes oder der blossen kognitiven Überforderung – jeden Tag, jede Sekunde wieder aufs Neue verdrängt. Der live stattfindende, langsame Weltuntergang, ob er jetzt wissenschaftlich eingeordnet wird oder nicht, scheint mit der Denkstruktur neurotypischer Menschen nicht vereinbar zu sein. Die Abwehrreflexe, die er auslöst, richten sich meist nicht gegen seine Hauptverursacher, die bekannt sind, und schon gar nicht gegen einen selber und die Gewohnheiten, deren grösstes Problem es ja gerade ist, dass sie gewöhnlich sind. Dass zwischen der eigenen Lebensweise, dem eigenen Wahlverhalten und den Überschwemmungen, Waldbränden, Wetterextremen und – eine Abstraktionsstufe höher – den Kriegen und den dazugehörigen Fluchtbewegungen ein direkter Zusammenhang besteht, ist eine Tatsache, die sich kaum denken lässt, oder jedenfalls nicht schmerzfrei. Was einfacher geht, ist die Abscheu vor diesen Bildern, die nichts als die Normalität der nahen Zukunft darstellen, umzuleiten auf jene, die einen zwingen wollen, sich diesen Gedanken auszusetzen. Es gibt in der Gegenwart kaum eine Figur, deren äussere Erscheinung sowie deren (durchaus polemische) Aufrichtigkeit in der Übersetzung ihrer Sorgen zu Warnungen und Forderungen in einem grösseren Kontrast zum (meist männlichen) Hass stehen, der ihr darauf entgegenschlägt, als Greta Thunberg.

Möglicherweise liegt es daran, dass die kognitiven Dissonanzen im Norden noch unangenehmer klingen als anderswo, oder vielleicht ist es auch Zufall. Oder die Landschaft bietet einfach zu wenig Ablenkung, die lokalen Nachrichten zu wenig Zerstreuung, und die Bilder von der Zerstörung der Erde erreichen einen weniger gefiltert. Der entscheidende Kniff von Den siste våren ist es wahrscheinlich, seine Erzählung als eine Geschichte von Schwesternschaft zu erzählen, die schwesterliche Verbindung als eine empathische Abkürzung einsetzend, sodass auch die Distanz, welche die Zuschauerin zum inneren Empfinden seiner rätselhaften Protagonistin überwinden muss, kürzer erscheint. Eira (Keira LaHart) ist «normal», Vera (Ruby Dagnall) ist es nicht, dafür hochintelligent, kreativ, empfindsam, verzweifelt. Der Film beginnt mit einem Vertrauensbruch, der keiner ist. Vera geht es nicht gut, und Eira beginnt das Tagebuch ihrer älteren Schwester zu lesen. Indiskrete Neugierde als Annäherungsversuch, der nicht unbedingt gesund sein muss, aber psychische Gesundheit war auch schon zeitgemässer. Wir erleben die letzten Momente von Veras Leuchten zusammen mit Eira; der schwesterliche Blick ist von Liebe erfüllt, und die Liebe färbt ab auf das Filmbild, infiziert unsere Wahrnehmung, aber das Leuchten wird unbestreitbar schwächer. Das Tagebuch erklärt, ohne zu erklären; aggressive Slogans und wirre Bilder widerspiegeln eine aggressive und wirre Welt, nicht ohne diese ins Poetische zu drehen, doch auch das Poetische vermag (fast) keinen Trost mehr zu stiften.

Am Ende geht es um Empfindsamkeit. Jene, die früh reagieren, sind nicht überempfindlich, sondern einfach schneller. Die Konsequenzen, die sie aus ihrer Empfindung ziehen, mögen jene irritieren, die noch nicht einmal gemerkt haben, was gerade passiert, und jene, die Greta Thunbergs Asperger-Syndrom gerne dazu benutzen, die unliebsame Aktivistin aus der Ferne zu diskreditieren (um die eigenen Haltungen und gewohnten Systeme nicht überdenken zu müssen), wären mit Sicherheit dieselben, die in Den siste våren nichts mehr als eine «zugegebenermassen» originelle oder intensive Studie der klinischen Psychose eines hochbegabten Teenagers sehen würden. Gute Schauspielerinnen, eindringliche Charakterisierungen, originelle Bilder, nachdenklich stimmend. Als ob Nachdenken noch etwas an der Situation ändern könnte.

Figurenentwicklung und Dramaturgie verheissen Stabilität, doch selbst im hohen Norden Norwegens wirkt solche mittlerweile unangebracht, und falls Franciska Eliassens erster Langspielfilm Fehler oder Ungereimtheiten enthält, dann gewiss nicht diesen. Die Verhaltensweisen und Lösungsansätze, die der Film vorstellt, ähneln in der Intensität jenen von Organisationen wie Extinction Rebellion, aber sie sind gänzlich nach innen gerichtet: Selbstabhärtung oder unfreiwillige Resilienz zum einen, Selbstzerstörung im anderen, Kreativität und (schwesterliche) Gemeinschaft als verbindendes Element. Das Schlagwort Ökofeminismus geistert herum, aber es trifft höchstens bis zu jenem Grad zu, an dem die einen sich entschliessen, dass sich der Kampf trotz allem immer noch lohnt. Vom nach aussen gerichteten Aktivismus hat sich Vera definitiv losgesagt, der Hedonismus wird versucht und als unfähig, die Leere auszufüllen, wieder aufgegeben. Das Einzige, was übrig bleibt, ist der kreative Schrei ins Nichts hinaus: Veras Tagebuch, archaisch anmutende Performances in der Natur mit der Schwester, der Film Den siste våren selbst. Eiras (und unsere?) Blockaden sind noch weniger brüchig als jene Veras, doch ihre vollkommen nachvollziehbare Neugier auf das Tagebuch ihrer Schwester macht sie zur Pandora, und alle, die diese Büchse einmal aufgemacht haben, wissen, dass sich deren Geister kaum mehr bändigen lassen. Das Überraschendste am Ende ist vielleicht, dass von diesen Geistern nicht wenige von unbeschreiblicher Schönheit sind.

First published: August 24, 2022

Den siste våren (Sister, What Grows When Land Is Sick?) | Film | Franciska Eliassen | NO 2022 | 80’ | Locarno Film Festival 2022

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