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Days of Madness | Damian Nenadic

[…] Der Film und das gesamte Projekt sind eine Gratwanderung. Nicht nur zwischen Wahn und Wirklichkeit zweier Personen, die ein Grossteil ihres Leben unter starkem Einfluss von Psychopharmaka gelebt haben. Sondern auch zwischen Nähe und Distanz der Macher zu den Protagonisten.

[…] Sie wollen nichts Geringeres, als durch einen kleinen Einblick in die Leben von Maja und Mladen auf ein grösseres Ganzes verweisen; Sie wollen auf die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Krankheiten aufmerksam machen.

Verrückt nah

Jeder Dokumentarfilm stellt sich auf eine eigene Weise der Realität. Bei Days of Madness ist diese Realität – wie es auch schon der Filmtitel verrät – jedoch ein Ausnahmezustand. Die Abkehr von der Norm stellen die beiden Hauptfiguren Maja und Mladen dar. Sie führen uns, fast wie in einem Videotagebuch, in ihre verrückte Welt – die beiden filmen sich mit kleinen Handkameras selbst. Der Regisseur Damian Nenadić arbeitete über einen Zeitraum von drei Jahren mit den zwei psychisch Erkrankten eng zusammen. Was als experimenteller Zusatz zu einem Dokumentarfilm über Selbsthilfegruppen gemeint war, sollte schnell zu einer intensiven Zusammenarbeit mit zwei höchst komplexen Persönlichkeiten werden. Wir setzen zu einem Zeitpunkt in die Leben der beiden Figuren ein, da sie beide (noch) regelmässig Tabletten zu sich nehmen. Sie zeigen uns ihre Wutanfälle und Heulkrämpfe. Man schaut ihnen dabei zu, wie sie Pillen nach Nebenwirkungen sortieren und sie wenig später mit viel schwarzem Humor hinunterschlucken. Berührungsängste des Betrachters sind schnell überwunden, da sich beide sehr selbstverständlich, bereitwillig bis eifrig selbst inszenieren. Dies lässt jedoch auch vermuten, dass da vielleicht noch mehr dahintersteckt?

Der Film und das gesamte Projekt sind eine Gratwanderung. Nicht nur zwischen Wahn und Wirklichkeit zweier Personen, die ein Grossteil ihres Leben unter starkem Einfluss von Psychopharmaka gelebt haben. Sondern auch zwischen Nähe und Distanz der Macher zu den Protagonisten. Dazu kommt, dass Damian als Regisseur, Sandra Bastašić als Cutterin und Oliver Sertić als Produzent mit ihrem gemeinsamen Werk ein Versprechen an ein Publikum abgeben. Sie wollen nichts Geringeres, als durch einen kleinen Einblick in die Leben von Maja und Mladen auf ein grösseres Ganzes verweisen; Sie wollen auf die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Krankheiten aufmerksam machen. Die drei Macher sind gleichermassen eingenommen von ihrem Filmprojekt, das sie nun insgesamt über fünf Jahre begleitete. Bei Dokumentarfilmen ist das Risiko des Scheiterns immer mit inbegriffen, umso überraschender ist der Erfolg, den dieses Projekt trotz allen Umständen zu verzeichnen hat. In dem Interview sprechen sie über ihren Film, erzählen, wie er entstanden ist und welche Schwierigkeiten und Erkenntnisse den langen Entstehungsprozess geprägt haben.


Interview mit Damian Nenadić, Sandra Bastašić und Oliver Sertić

«[...] Mich interessiert die partizipative Methode innerhalb des Dokumentarfilms. Mir geht es um eine Überschreitung der Grenze zwischen Subjekt und Objekt.»

Damian: Ich bin zu Oliver gegangen und habe ihm gesagt, dass ich gerne einen Film machen würde, in dem Verrückte sich selbst filmen.
Oliver: Pass ein bisschen auf, was du sagst. Wir nennen sie «Verrückte»…
Damian: … sie nennen sich auch «verrückt», denn innerhalb der Selbsthilfegruppe dieser NGO, in der ich Maja und Mladen kennengelernt habe, ging es eben darum, psychische Krankheiten zu destigmatisieren. Es ging darum, ohne Scham darüber zu sprechen und kein Urteil zu fällen. Alle haben sich untereinander als «Verrückte» bezeichnet. Der Humor in der Selbsthilfegruppe gründet auf ihren Krankheiten. Sie scherzen und sagen Sachen wie: «Du bist total verrückt!» und «Wann bringst du dich wieder mal um?»
Mich interessiert die partizipative Methode innerhalb des Dokumentarfilms. Mir geht es um eine Überschreitung der Grenze zwischen Subjekt und Objekt. Beziehungsweise was passiert, wenn Protagonisten an der Gestaltung der Inhalte teilhaben.

«[...] Wir haben von Maja und Mladen nicht so viel Filmmaterial erwartet. Jedoch mit der Zeit haben sie immer mehr gefilmt und wir haben uns für diesen sehr viel intimeren Ansatz entschieden.»

Silvia: Wie bist du dein Filmprojekt angegangen? Kann man so ein Prozess planen?
Damian: Anfangs hatten wir die Idee, den Grossteil des Filmes aus Aufnahmen aus den Selbsthilfegruppen zu machen. Ich habe innerhalb dieser Treffen recherchiert und gefilmt. Wir haben von Maja und Mladen nicht so viel Filmmaterial erwartet. Jedoch mit der Zeit haben sie immer mehr gefilmt und wir haben uns für diesen sehr viel intimeren Ansatz entschieden. Ich habe mich auch dafür entschieden, da ich dadurch viel unmittelbareres Material bekommen habe, als wenn wir in diesen Momenten mit ihnen im Zimmer gewesen wären. Dazu noch mit einem Kameramann und einem Tonmann.
Sandra: Ja. Alles, was wir wollten, haben wir über ihre Geschichten bekommen. Die Aufnahmen waren Mikro-Momente, die uns aber diesen Makro-Moment gaben, den wir suchten.

«[...] Man fragt sich dann, ob das jetzt ein Lachen ist oder ob Maja wirklich verrückt ist, wenn sie so tanzt? Hat sie einfach nur Spass? Uns war die Ambivalenz dieser Szenen sehr wichtig.»

Silvia: Wie ist die Dramaturgie des Filmes entstanden?
Oliver: Selbstverständlich hatten wir am Anfang ein Skript, mit dem wir zu den Pitches gegangen sind. Man muss die gesamte Dramaturgie niedergeschrieben haben. Und wir hatten unser Skript. Jedoch ist es sehr schwer, eine Dramaturgie aus einem Gespräch zu erschaffen. Das Filmmaterial ist sehr erzählerisch, sie reden ständig. Das ist interessant, doch das ist noch kein Film. Wir hatten sehr viel mehr Filmmaterial, das wir um sie herum gefilmt haben, doch der Grossteil davon ist weggefallen, sodass siebzig bis achtzig Prozent der Aufnahmen von Maja und Mladen kommen. Auch wenn die Aufnahmen rough sind. Sie sind nicht perfekt und oftmals wackelt die Kamera. Das ist total unfilmisch und geht selbst auf die Nerven in manchen Momenten, doch es ist zu ihrem Stil geworden.
Sandra: Wir haben das tatsächlich zugelassen, und das Filmmaterial sagt, was wir machen. Wir haben uns dafür entschieden, denn oftmals ist der Zugang zu solchen Themen ein anderer. Es werden einem Leute gezeigt, die es schwer haben und weinen. Wir hatten stundenweise Filmmaterial, in dem sie sich beim Weinen gefilmt haben, und wir haben dann mit ihnen geweint. Aber das hat man alles schon gesehen. Wir haben begriffen, dass die Momente, in denen sie lachen, viel schöner sind. Man fragt sich dann, ob das jetzt ein Lachen ist, oder ob Maja wirklich verrückt ist, wenn sie so tanzt? Hat sie einfach nur Spass? Uns war die Ambivalenz dieser Szenen sehr wichtig.

Silvia: In diesem Film steckt sehr viel schwarzer Humor, war das also auch ein strategischer Ansatz, um die Geschichte zu erzählen?
Damian: Ich glaube, der schwarze Humor kam aus ihnen selbst. Von diesen 240 Stunden Filmmaterial, die Sandra und ich bekommen haben, war ein Grossteil sehr schwer. Wir mussten über Zugänge und Strategien nachdenken und haben uns gefragt, ob wir wirklich einen Film machen wollen, der einen im Kino über eine Stunde lang mit seiner Schwere erschlägt. Dann haben wir diese schwarzen Momente entdeckt, die sie im Grunde von selbst aufgenommen haben. Das ist Humor, der dir hilft, den Inhalt besser zu verdauen, obwohl er immer noch diese Schwere und Trauer in sich trägt.
Silvia: Aber bestand dann nicht die Gefahr, dass man den gesamten Film als einen «verrückten Trip» wahrnimmt?
Sandra: Wir haben uns bemüht, eben nicht oberflächlich zu bleiben und die Leute nur zum Lachen zu bringen. Wobei ich glaube, dass sich unter dem Filmmaterial sehr viel mehr verbirgt.
Damian: Ich erinnere mich, dass wir in der finalen Phase der Filmmontage eben aus diesem Grund einige Szenen wieder rausgenommen haben. Hinter dem Material verbarg sich viel mehr, es ist enorm vielschichtig. Und es muss nicht mit dem Finger darauf verwiesen werden, dass das System der psychiatrischen Behandlung in Kroatien nicht funktioniert, es wird in den Szenen des Alltags sichtbar.

Silvia: Wie seid ihr die Situation umgangen, Maja und Mladen als Opfer darzustellen?
Oliver: Im Grunde ist es eine Entscheidung der Regie und Montage, den Film dramaturgisch in eine Richtung zu lenken. Der Film konnte in viele Richtungen gehen. Das ist kein Geheimnis, 240 Stunden Filmmaterial hätten auch in Richtung einer Viktimizierung laufen können. Aber dann hätte der Film ein anderes Publikum. Andererseits, das Publikum ist nicht dumm. Es kann Feinheiten, die im Film stecken, sehr wohl aufnehmen. Und jeder, der den Film sieht, sieht ihn mit anderen Augen, nimmt andere Sachen wahr, die mir nicht aufgefallen sind.
Sandra: Als wir mit dem Film begonnen haben, hatten wir eine Idee der Geschichte. Doch mit zunehmendem Filmmaterial kamen auch immer mehr Stränge dazu. Lange Zeit haben wir eine Transgender-Linie verfolgt, denn Majas Geschichte hatte diese Thematik. Doch dann haben wir gemerkt, dass wir uns mit was ganz anderem beschäftigen. Wieso, warum und weshalb es diese Thematik gab, war in dem Fall nicht wichtig. Das ist einfach Maja. Wir haben lange an den Strängen gearbeitet, am Ende war so vieles wichtig. Es ist wichtig, was in der psychiatrischen Behandlung passiert und was in der Pharmaindustrie. Es gab einfach zu viele relevante Themen. Wir mussten uns für die wichtigsten entschieden: Religion und Familie. Das waren die, die am meisten herausgestochen sind.


Silvia: Mladen filmt seine Eltern. Welchen Einfluss hattet ihr auf ihre Aufnahmen und wie war die Zusammenarbeit mit anderen, beispielsweise mit den Familien?
Oliver: Die Auswahl, wen sie filmen, haben sie selbst getroffen. Sie hatten die Kameras von uns und haben sie noch heute. Sie haben uns das Filmmaterial gebracht. Nach den ersten hundert Stunden mussten wir uns fragen: Wie machen wir jetzt einen Film daraus? Dann haben wir angefangen, ihnen Aufgaben zu geben. «Film dich, wenn du glücklich bist.» Wir wollten ein bisschen ein differenzierteres Bild von ihnen bekommen, denn das waren sie ja in der Tat.
Silvia: Wie hat das funktioniert, wenn ihr ihnen Aufgaben gegeben habt?
Damian: Wir haben ihnen den Auftrag gegeben: «Filme etwas, das dich glücklich macht.» Oder «Filme das, was du dir am meisten wünschst.» Bei Mladen war Religion sehr wichtig. Also haben wir ihm die Aufgabe gegeben, zu filmen, was für ihn Glaube und Gott ist. Dann konnte er nicht von dem Bild der Kirche abkommen und wir haben ihm eine neue Aufgabe gegeben. Er musste filmen, was für ihn Gott ist, ohne dabei ein einziges Heiligenbild aufzunehmen oder in eine Kirche zu gehen. Im Film sind das die letzten Aufnahmen, die Sandra chronologisch so übernommen hat. Er hat sinnbildlich einen Baum, eine Kuh, ein Vögelchen und die Sonne aufgenommen.
Sandra: Es hat sich herausgestellt, dass Mladen eine wunderbare Sensibilität hat, dass er über seine Bilder angefangen hat zu sprechen. Was wunderschön ist! Wir haben uns in diesem Fall entschieden, seine Bildfolge zu respektieren, auch wenn sie etwas merkwürdig ist. Doch wir wollten diese Stelle nicht ändern, denn in ihr steckt immer noch in gewisser Weise seine Wahrheit.
Oliver: Die filmischen Fortschritte von Mladen sieht man vielleicht nicht im Film, da es die Geschichte nicht zugelassen hat. Die besten Aufnahmen haben es nicht in den Film geschafft. Die Sachen, die er angebracht hat, sind wirklich super. Die Szene, in der er im Dunkeln vor dem Fernseher sitzt, ist toll. «Das bin ich» – so hat er das angebracht. Er hat das so aufgenommen und so entschieden.

«[...] Was wir von ihnen bekommen haben, war super. Man liest ihre Persönlichkeiten anhand der Art, wie sie filmen.»

Silvia: Es scheint fast so, als hättet ihr Maja und Mladen in einen kreativen Prozess gebracht während der Filmarbeiten.
Damian: Vor allem Mladen, denn er hat, im Unterschied zu Maja, die ausschliesslich sich filmt, auch die Welt um sich herum aufgenommen. Er ist auf Analogien eingegangen. Im gesamten Teil, den er in der Kirche gefilmt hat, geht es eigentlich um das System dahinter. Er filmt Geld, Kameras und Gebetsautomaten. Ich weiss nicht … Man wirft ein Geldstück ein und der Automat betet für einen? Ich habe das davor noch nie gesehen und habe mich gefragt: Oh Gott, was ist das?
Sandra: Was wir von ihnen bekommen haben, war super. Man liest ihre Persönlichkeiten anhand der Art, wie sie filmen. Es war toll, dass Maja so zittrig und manisch gefilmt hat, und Mladen hatte oft sehr ruhige Einstellungen. Wir haben uns Sorgen gemacht, ob es klar wird, von wem nun welches Filmmaterial stammt. Aber das war dann sehr schnell klar.
Damian: Die Kamera hat die Funktion übernommen, die Darsteller zu charakterisieren. Am Ende sind uns die filmischen Mängel zugutegekommen, denn sie wurden zu Stilfiguren des Filmes.

Silvia: Und welche Bedeutung hatte die Kamera in den Leben der beiden?
Damian: Das ist etwas, was uns überrascht hat. Bis zum Schluss, als wir uns eigentlich sicher waren, alle narrativen Lücken geschlossen zu haben, hat Mladen weiteres Filmmaterial gebracht. Und das waren Sachen, die nicht an Aufgaben gebunden waren. Sondern er meinte: «Ich war auf einer Demo und habe das für euch gefilmt.» Unsere Zusammenarbeit war der Moment, in dem sie nun endlich etwas zu tun hatten. Sie waren nach langer Zeit für etwas verantwortlich. Sie haben eine Verpflichtung uns gegenüber empfunden, als hätten sie einen Job gehabt. Ich glaube, darin liegt das Problem des Systems. Maja und Mladen beziehen minimal kleine Renten. Das System sagt ihnen: «Hier habt ihr 200 Euro und verschwindet nur!» Durch die Aufgabe haben sie verstanden: «Schau, ich kann etwas tun.» Was Sandra und ich ihnen gesagt haben, hat ihnen etwas bedeutet. Manche Dinge mussten sie auch wiederholen, da sie technisch nicht korrekt umgesetzt waren. Beispielsweise, wenn da etwa Musik im Hintergrund lief. Es war eine Interaktion, die sie bis dahin nicht in ihrem Leben hatten.


Silvia: Es gibt einen sehr kritischen Moment im Film, in dem klar wird, dass Maja über Selbstmord nachdenkt. Später legt sie tatsächlich Hand an. Wie seid ihr damit umgegangen?
Damian: Maja hat den Selbstmordversuch begangen, neun oder zehn Monate nachdem wir angefangen hatten zu arbeiten. Sie war von Anfang an irgendwie an einem Rand. Nach einer Zeit denkt man sich dann: Ok, das ist nicht so ernst.
Sandra: Es gab keine Entwicklung. Maja hat sich hauptsächlich beim Weinen gefilmt. Sie war an einem sehr dunklen Ort. Man denkt, dass das vielleicht einfach ihr normaler Zustand ist.
Damian: Als das dann passiert ist, hatte ich schreckliche Schuldgefühle. Ich hatte die Tatsache vernachlässigt, dass sie imstande ist, es zu machen. Es war mir nicht egal, es war wirklich schwer. Aber wir haben es geschafft, es in Humor umzuwandeln. Ich habe ihr gesagt: «Maja, das nächste Mal, wenn du dich umbringen willst, mach zuerst die Kamera an und dann nimm die Tabletten.»
Oliver: Schwarzer Humor ist die ganze Zeit da, auch in den rohen Aufnahmen. Aber wenn es um Suizid geht, reden und polemisieren sie sehr offen darüber.
Silvia: Ein Gespräch über den Selbstmordversuch findet vor der Kamera statt und hat es in den Film geschafft. Darin diskutiert Maja mit ihrer Freundin Morana, ob ihre Handlung mutig war. Wieso habt ihr diese Szene eingebaut?
Damian: Ja, das ist ein kritisches Thema. Maja hinterfragt in der Szene, in der sie sich ja in der psychiatrischen Anstalt Jankomir befindet, wieso sie diejenige ist, die ausserhalb der Gesellschaft steht, während draussen die gesamte Gesellschaft verrückt ist. Sie muss durch all diese Dinge gehen. Sie kann mit ihrer Situation nicht umgehen und reagiert darauf, indem sie sich umbringen will. Sie wird in ein Krankenhaus gesperrt, während draussen alle verrückt sind und geniessen. Maja stellt die Frage: «Wieso macht das System das mit mir?»
Sandra: Ich glaube, diese Szene wirft eben solche allgemeinen menschlichen Fragen auf. Sie sind selbst unabhängig von dem Film wichtig, und jeder normale Mensch sollte sie sich stellen. Es zeigt auch, wie ernsthaft sie über sich und das, was ihnen passiert, nachdenken. Diese Szene steht in meinen Augen für sich.

«[...] Sie wird in ein Krankenhaus gesperrt, während draussen alle verrückt sind und geniessen. Maja stellt die Frage: Wieso macht das System das mit mir?»

Silvia: Welches Publikum habt ihr euch vorgestellt, als ihr mit der Arbeit am Film angefangen habt?
Damian: Ich dachte, es würde ein sehr spezielles Publikum ansprechen, ehemalige Konsumenten von Psychopharmaka oder Menschen mit Problemen. Doch bei der regionalen Premiere beim Zagreb Dox Filmfestival habe ich begriffen, dass der Film ein weiteres Publikum erreichen kann. Selbst Leute, die mich nicht kannten, sind auf mich zugekommen, um mir von Bekannten erzählt, die sich mit solchen Problemen konfrontiert sehen. Wir haben ein Thema berührt, das viel allgemeiner und gegenwärtiger ist und über das nicht viel gesprochen wird.
Sandra: Wenn uns Leute nach dem Film ansprechen, dann wissen sie, dass sie sich in einem sicheren Umkreis befinden, dass da ein Grundverständnis zwischen uns herrscht. Jeder, der den Film sieht, erkennt darin zu einem gewissen Grad sich oder jemanden, den er kennt. Diesen sehr menschlichen Moment finde ich super.

Silvia: Doch ihr spielt auch sehr mit dem Voyeurismus des Publikums. Seid ihr in moralische Konflikte geraten?
Damian: Ja. Wir hatten Situationen, in denen wir uns entschieden haben, Dinge nicht zu zeigen. Es stellte sich immer die Frage: Wie viel dürfen wir?
Sandra: Wir haben uns immer mit dieser Frage konfrontiert gesehen. Das Wichtigste war es, sie und ihre Intimsphäre zu respektieren: Sie als Persönlichkeiten. Das war auch die grösste Angst bei der ersten Testvorführung. Doch einer der ersten Kommentare, die wir zu hören bekamen, war, dass wir die Figuren im Film gewürdigt und respektiert hätten. Das war das schönste Kompliment.
Oliver: Für mich war die private Filmvorführung für Maja und Mladen wichtig. Ich hatte richtig Angst. Doch Mladen war total zufrieden, Maja hat zwei kleine Änderungen verlangt, die wir dann vorgenommen haben.


Silvia: Habt ihr einen Unterschied bemerkt bei den Reaktionen des Publikums in Kroatien und international?
Damian: Sie sind sehr ähnlich. Hier in Locarno wurde mir bestätigt, dass die Gleichgültigkeit gegenüber Menschen mit psychischen Störungen grundsätzlich die gleiche ist. Es liegt eine Ungerechtigkeit in dem System selbst, denn es geschehen dieselben Dinge. Menschen werden vollgepumpt mit Tabletten, während an ihrem seelischen Zustand nur wenig gearbeitet wird.
Oliver: Die Pharmaindustrie funktioniert überall gleich. Das sind nicht nur unsere Medikamente und unsere Probleme. Ich glaube jedoch, dass im Westen die Kontrollen strenger sind, und Medikamente werden weniger nach Gutdünken verschrieben.
Damian: Maja hat einmal was Tolles gesagt. Wir hatten immer Spass daran, uns gegenseitig mit der Bezeichnung «verrückt» aufzuziehen. Ich habe gesagt: «Du bist verrückt», sie hat geantwortet: «Nein, du bist verrückter als ich.» Einmal hat sie erwidert: «Eigentlich, war ich nie verrückt.»
Oliver: Maja redet ernsthaft davon, dass sie nie verrückt war. Sie sagt, sie sei ein Opfer des Systems, das es aber geschafft habe, zu entkommen.

[...] Ich habe gesagt: «Du bist verrückt», sie hat geantwortet: «Nein, du bist verrückter als ich.» Einmal hat sie erwidert: «Eigentlich, war ich nie verrückt.»

Silvia: Das heisst, es gibt ein Happy End und alles ist gut?
Sandra: Ich finde es toll, dass ein Film den beiden geholfen hat. Wir hätten nicht gedacht, dass das passiert. Wir wollten, dass alles gut wird, aber was am Ende rausgekommen ist, ist wow!
Oliver: Das ist das Wichtigste. Aber Maja ist auch weiterhin wütend auf das System. Sie sagt das auch offen. Als sie dann zur Premiere kam, bekam sie etwas Angst, was ich auch verstehen kann. Diese Industrie ist übermächtig, diese Menschen schützen sich gegenseitig. Auf der einen Seite steht die Pharmaindustrie, auf der anderen die Ärzte.

 

Silvia: Gab es denn Reaktionen von der Pharmaindustrie oder von Ärzten auf euren Film?
Oliver: Nein. Keiner hat sich gemeldet. Wir sind mit einem Anwalt alle Risiken im Film durchgegangen, um zu wissen, welche Probleme auftreten könnten. Wir wussten danach, mit welchen Szenen wir etwas riskieren.
Sandra: Aber wir haben nicht viele Namen erwähnt. Sie tauchen nur auf, wenn es nicht anders ging. Wir hatten sehr viel Material, in dem gewisse Personen in den Dreck gezogen werden. Aber wozu? Das ist eine andere Geschichte.
Damian: Vor- und Nachnamen sind nicht wichtig. Wichtiger sind die Folgen der rein medikamentösen Behandlung.

Silvia: Hattet ihr eine Genehmigung, in der psychiatrischen Anstalt Jankomir zu filmen?
Oliver: Es war uns wichtig, dass keine Privatpersonen gezeigt werden, die nicht ausdrücklich ihr Einverständnis gegeben haben, im Film vorzukommen. Auch das haben wir mit unserem Anwalt bereinigt.

Silvia: Damian, das war dein erster Dokumentarfilm. Hast du damit gerechnet, dass er so gross wird?
Damian: Nein, und das war nicht leicht für mich. In einem Moment bin ich vor der Grösse des Themas erschrocken, denn ich bin kein Fachmann. Es ist ein gefährliches Thema und manchmal gerät man in Situationen, in denen man nicht weiterweiss. Es ist einfach kein Spass und ich filme keine Wildlife-Dokumentation über kleine Wölfe. Ich musste die Verantwortung übernehmen, denn Maja und Mladen waren in gewisser Weise abhängig von uns. Wir waren Bezugspersonen für sie.

Silvia: Wie kam es dann zu einer Lösung dieser Bindung, oder anders gesagt: Wann sind Maja und Mladen selbstständig geworden?
Sandra: Als sie angefangen haben, sich selbst Sachen zu trauen. Mladen hatte sich beispielsweise sehr auf einen Menschen fixiert.
Oliver: Das war ein Prediger, der in einer gewissen Phase in Mladens Leben einen grossen Einfluss auf ihn hatte.
Sandra: Mladen war schon sehr lange auf diese Person fixiert, es ging schon in eine ungesunde Richtung. Der Moment, indem Mladen entschied: «Ja. Ich probiere es und suche das Gespräch mit ihm», das ist der Moment, indem er immer mutiger und mutiger wurde.
Damian: Oder beispielsweise Majas Zähne. Sie wollte seit Beginn der Dreharbeiten ihre Zähen machen lassen. Sie sind von den vielen Tabletten sehr kaputt. Drei Jahre hat sie gebraucht, bis sie sich getraut hat. Die Szene beim Zahnarzt war eine der letzten, die sie aufgenommen hat. Es ist der Moment, in dem sie sich der Sache gestellt hat und es geschafft hat, zum Zahnarzt zu gehen. 

(Silvia Posavec, Locarno Critics Academy 2018) 

First published: August 22, 2018

Days of Madness – Dani ludila | Film | Damian Nenadić | HR-SL 2018 | 74‘ | Locarno Festival 2018, Semaine de la critique

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