ChaO
Inmitten eines futuristischen Shanghai, wo Meereswesen durch Wasserströme zwischen Häuserschluchten treiben, entfaltet sich ein Film wie ein Traum aus Farbe und Licht. ChaO ist kein gewöhnlicher Anime – er ist ein visuelles Gedicht, das sich jeder eindeutigen Form verweigert.
Text: Sarah Stutte
Die japanische Animationsschmiede Studio 4°C ist bekannt für ihren künstlerisch anspruchsvollen, oft experimentellen Animationsstil und ihre Abkehr vom Mainstream-Anime. Dadurch wirken die Filme häufig wie bewegte Gemälde oder Skizzen. Zudem nutzt das Studio verschiedenste Techniken. In den letzten Jahren hat es sich in verschiedensten Formaten erprobt: vom albtraumhaften Puzzle-Videogame Catherine über den gelungenen CGI-Film Poupelle of Chimney Town (2020, dessen Fortsetzung in Produktion ist) bis hin zum surrealen 2D- und 3D-Animationsmix Children of the Sea (2019).
Diese visuelle Kühnheit und die Bereitschaft, ungewöhnliche Pfade zu beschreiten, zeigt sich auch im neuesten Werk. ChaO, das Langfilmdebüt von Regisseur Yashukiro Aoki, ist ein Film, der sich schon allein formal von vielem absetzt. Aokis Animation ist bevölkert von Figuren mit grotesk überdimensionalen Merkmalen. Manche Charaktere erscheinen mit riesigen eiförmigen Köpfen oder stark verzerrten Körperformen. Die Erzählung wagt aber auch inhaltlich, ein uraltes Märchen neu zu atmen – dasjenige von der Meerjungfrau. Fernab von den prägenden Interpretationen von Hans Christian Andersen und Disney, die uns jahrzehntelang ein von Liebe vernebeltes und unglückliches Wasserwesen präsentierten, dessen Schicksal allein durch die Entscheidungen anderer bestimmt ist.
In ChaO werden wir in die Welt eines futuristischen Shanghai geworfen, in dem Menschen und Meereswesen Seite an Seite leben. Die Strassen schimmern in Neon, der Himmel ist durchzogen von Luftfahrzeugen, während die Fischmenschen in ihrem eigenen Wasserstromkanal durch die Stadt treiben – so selbstverständlich, als wäre es nie anders gewesen. Inmitten dieses Settings sucht ein Journalist den Seemann Stephan, den er auf einem alten Fischkutter findet. Er möchte von Stephan mehr über dessen Liebe zu ChaO erfahren, einer Tochter Neptuns, einer Legende.
Chao jedoch ist keine klassische Meerjungfrau. Ihr Körper ist zunächst beleibt, schwerfällig, fischhaft. Sie entspricht nicht dem Idealbild der sirenenhaften Verführerin. Ihr Körper irritiert, weil er sich der Symbolik verweigert. Er ist ihr Schutzpanzer gegen Blicke, Erwartungen, Zuschreibungen. Erst wenn ChaO sich sicher fühlt, wenn Vertrauen Wurzeln schlägt, vollzieht sich in ihr eine Verwandlung: Sie wird menschlich. Nicht durch Zauber, sondern durch Nähe. Es ist ein zutiefst poetisches Bild – dass Körperform nicht durch Wille, sondern durch emotionale Geborgenheit bestimmt wird.
In diesen Momenten, in denen ChaO mit Schuhen an den Flossen durch die fremde Welt stapft, in denen sie Feuerwerk in der Wohnung zündet oder zaghaft das Kochen lernt, wird aus der Fabel eine zärtliche Parabel über das Ankommen. Ihre Menschwerdung ist kein Handlungselement – sondern Ausdruck eines inneren Zustands. Zu Hause ist dort, wo du dich zeigen darfst, ohne dich zu erklären.
Doch ChaO ist mehr als nur eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Es ist eine romantisch-satirische Allegorie auf die Mechanismen von Politik, Kapital und Medien, die sich das Fremde aneignen, um es vermarktbar zu machen. Stephans Chef sieht in der Beziehung eine PR-Chance, das gescheiterte Antriebssystem seines Unternehmens, ursprünglich zum Schutz von Meereswesen gedacht, wird plötzlich rehabilitiert. Die Liebenden werden zu Symbolen, zu Marktwerten. Ihre Intimität wird instrumentalisiert.
Der Film inszeniert dieses Spannungsfeld mal heiter, mal melancholisch. Die Szenen changieren zwischen Slapstick und Gesellschaftskritik, die Stadt pulsiert voller Details – grotesk verzerrte Passanten, überzeichnete Alltagsrituale, die spielerische Vermischung von alter Technik mit futuristischen Elementen. All das ergibt ein vielschichtiges, lebendiges Setting, das weit mehr ist als blosse Kulisse: Es ist Kommentar. Atmosphäre. Spiegel.
Aber es gibt auch erzählerische Dissonanzen zwischen der Rahmenhandlung und dem Rückblick. Sie nehmen der Geschichte nicht nur die Spannung, sondern auch die Dringlichkeit. Manche Witze, wie die wiederholte Überraschung über Chaos wechselnde Erscheinung, gehen auf Kosten ihrer Würde und laufen somit der einfühlsamen Botschaft zuwider, die der Film eigentlich vermittelt. Diese Brüche schwächen das Gesamterlebnis, besonders im letzten Drittel, wo sich Erzählung und Tempo verlieren.
Das ist schade – denn das visuelle Feuerwerk, das ChaO entfacht, hätte ein durchgängiges emotionales Gegengewicht verdient. Die Animation, mit fast 100’000 handgezeichneten Einzelbildern, ist ein Triumph an sich. Ein opulentes Chaos aus Linien, Farben, Formen – und doch voller Intimität. Im direkten Vergleich mit der glänzenden Bombast-Ästhetik eines Demon Slayer (2025) wirkt ChaO roher, wilder, persönlicher. Wie ein Skizzenbuch voller Gefühl.
Der Film ist reich an Mut und Widersprüchen. Ein Werk, das mehr fühlt, als es erzählt. Seine Stärke liegt in der Sinnlichkeit der Bilder, in der Tiefe seiner Metaphern, in der Poesie des Unausgesprochenen. Dort, wo Worte fehlen, beginnen seine Linien zu singen. Und doch: Sosehr er visuell verzaubert, so sehr verliert er sich erzählerisch in seiner eigenen Struktur. Was bleibt, ist ein faszinierendes Fragment. Ein Film, der vielleicht nicht im klassischen Sinne funktioniert. Aber einer, der wirkt. Wie eine Erinnerung an das, was Kino sein kann, wenn es sich traut, aus seinen Konventionen auszubrechen.
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Info
ChaO | Animation Film | Yashukiro Aoki | JAP 2025 | 90’ | Fantoche Festival Baden 2025
First published: September 12, 2025