Broken English

Marianne Faithfull begegnet sich selbst – zwischen Archivbildern und musikalischen Momenten. Jane Pollard und Iain Forsyth zeigen ein Leben, das nicht linear verlief, und machen Erinnerung zum Akt des Widerstands.

Text: Sarah Stutte

Broken English: Marianne Faithfull by Jane Pollard, Iain Forsyth

Ein spärlich beleuchteter Raum. Schatten, die sich in Ecken sammeln. Aktenordner stehen in Regalen, nur vom schmalen Licht einer Lampe erfasst. Auf einem Tisch liegen Fotografien – ein junges Gesicht, grossäugig, verletzlich, trotzig. Dann tritt das Gesicht einer älteren Frau in den Lichtkegel, nimmt ein Bild in die Hand, betrachtet es lange. «That’s me.» Es ist eine Feststellung, keine Kapitulation. So beginnt Broken English: Marianne Faithfull. Nicht mit einem Hit oder einer markigen Schlagzeile. Sondern mit einem Blick – und der Frage, wem dieser Blick gehört. Dieses formal wagemutige Biopic über die britische Sängerin und Schauspielerin Marianne Faithfull verweigert jede konventionelle Lebensnacherzählung. Der Film feierte bereits bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere und war kürzlich am Sundance Film Festival zu sehen.

Statt chronologischer Stationen entwerfen die Regisseur:innen Jane Pollard und Iain Forsyth ein poetisches Erinnerungsmodell: das fiktive «Ministry of Not Forgetting». In diesem bewusst künstlichen Raum begegnet Faithfull ihren eigenen Archiven, Bildern und medialen Zuschreibungen. Sie sieht sich selbst als junges Mädchen, als Muse im Umfeld der Rolling Stones, als Ikone, als Skandalfigur – und kommentiert, widerspricht, korrigiert. Was zunächst verspielt oder gar leicht überhöht wirkt, entwickelt sich rasch zu einer präzisen Reflexion darüber, wie Künstler:innen erinnert, befragt und festgeschrieben werden.

Der Film ist dabei konsequent auf Dialog angelegt – nicht nur zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch zwischen Faithfull und den Erzählungen, die andere über sie gelegt haben. Am Sundance beschrieben Forsyth und Pollard die Entstehung des Konzepts als bewusste Annäherung an Faithfulls eigene Denkweise: Sie sei extrem belesen und hochreflektiert, jemand, der «in einer konstruierten, leicht erhöhten Welt» intuitiv funktioniere. Das «Ministry» sei eigens für sie geschaffen worden – als eine Art Safe Space, der Mythos zulasse, ohne ihn unkritisch zu reproduzieren.

Gerade diese Metaebene macht Broken English so eindrucksvoll. Faithfull ist hier nicht Objekt eines biografischen Blicks, sondern aktive Kommentatorin ihres eigenen Lebens. Besonders stark sind jene Momente, in denen sie sich mit ihrer Stimme auseinandersetzt – einer Stimme, die über Jahrzehnte hinweg von der Presse als «beschädigt», «rauchgetränkt» oder «vom Leben gezeichnet» beschrieben wurde. Wie Forsyth selbst einräumte, ist ihnen erst spät klar geworden, wie bewusst Faithfull ihre Stimme formte und als künstlerisches Ausdrucksmittel einsetzte.

Der Film versteht sich hier explizit als Gegenerzählung – und als Korrektur eines kulturellen Musters, das männliche Künstler bis heute als autonome Genies feiert und weibliche über ihr Privatleben und ihre Beziehungen erklärt. Wo bei Männern Exzess der Legendenbildung dient, wird er bei Frauen zur moralischen Kategorie. Wo Brüchigkeit als Ausdruck von Tiefe gefeiert wird, gilt sie bei Künstlerinnen als Beweis persönlicher Zerrüttung. Doch Marianne Faithfull war nicht das Opfer ihrer Umstände und nicht die Fussnote in der Biografie anderer. Sie war eine eigenständige Künstlerin. Broken English macht sichtbar, wie lange ihre Kunst hinter biografischen Schlagzeilen verschwunden war.

Inhaltlich ist der Film dicht, fast atemlos. Ruhm, Sucht, politische Angriffe, künstlerische Wiedergeburt – vieles folgt in rascher Abfolge. Wer mit den 1960er- und 1970er-Jahren nicht vertraut ist, könnte stellenweise den Halt verlieren. Doch gerade diese Verdichtung spiegelt die Realität eines Lebens, das nie linear verlief. Faithfulls Geschichte ist kein sauber gegliederter Aufstieg, sondern ein permanenter Akt der Selbstbehauptung. So war ihre Suchterkrankung nicht Endpunkt einer Selbstzerstörung, sondern Teil einer Biografie, die sich neu erfand. Faithfull überlebte, wo viele ihrer Zeitgenossen scheiterten – und machte die Überwindung zum Motor ihrer künstlerischen Radikalität.

Formal bleibt die Doku-Fiktion konzentriert. Die Kamera verweilt in Gesichtern, in Pausen, im Zögern. Das Dunkel des Ministeriums wirkt wie ein Schutzraum – und zugleich wie ein Archiv der Schatten, die Faithfull ein Leben lang begleiteten. Erinnerung erscheint hier nicht als nostalgische Rückschau, sondern als aktiver Widerstand gegen Vereinfachung. Szenisch besonders eindrücklich sind die musikalischen Passagen im letzten Drittel des Films. Die Aufnahmen mit Nick Cave sind von stiller Intensität – keine grosse Geste, kein Pathos, sondern ein konzentriertes Miteinander zweier Künstler:innen, die einander verstehen. Forsyth und Pollard berichteten am Sundance, wie fest sehr Cave selbst sie auf Faithfull aufmerksam gemacht habe und welch grosse Verehrung ihr viele Musiker:innen entgegengebracht hätten. Die Entdeckungen des Films seien in Wahrheit auch ihre eigenen gewesen.

Dass Broken English kein Nachruf ist, sondern ein lebendiger Akt des Erinnerns, zeigte sich schliesslich nach der Sundance-Premiere: Ein überraschendes Konzert mit Rufus Wainwright und Norah Jones führte die filmische Reflexion in die Gegenwart weiter. Musik als Fortsetzung, nicht als Denkmal. Broken English begreift Erinnerung als Widerstand und gibt Marianne Faithfull jene narrative Autorität zurück, die ihr so lange verwehrt wurde. Der Film zeigt, wie viel Kraft darin liegt, im Dunkel das eigene Bild neu auszuleuchten, bevor eine Stimme endgültig verloren geht.

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Broken English: Marianne Faithfull | Film | Jane Pollard, Iain Forsyth | UK 2025 | Venice Film Festival 2025, Sundance Film Festival 2026| CH-Distribution: Xenix Filmdistribution

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First published: February 25, 2026