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Bacurau

Bacurau

[…] Doch schlussendlich sind es zwei Arten der Gewalt, die hier aufeinandertreffen: die korrupte, kapitalistische, die mit dem lokalen Populisten Tony Jr. gemeinsame Sache macht und ihre jouissance gerade aus der Tatsache zieht, dass die Opfer Unschuldige sind (eine Fehlannahme mit grotesk-gerechten Folgen), und die organische, historisch verankerte, gemeinschaftliche und trotz ihrer archaischen Exzesse rechtschaffene Gewalt.

[…] Das ganze Setting hat trotz seiner futuristischen Artefakte weit mehr von einem klassischen Western als etwa von einem postapokalyptischen Szenario à la «Mad Max».

Explizit politische Genrefilme sind nicht nur am NIFFF eher eine Seltenheit. Umso irritierender wirkt deshalb vielleicht ein Film wie Bacurau auf ein Publikum, das seine Menschenjagden und Kopfexplosionen frei vom Ballast politischer Agitation zu geniessen gewohnt ist. Dass eine solche häufig nicht mit den Anforderungen an einen schlüssigen, geradlinigen Plot zu vereinbaren ist, ja einem solchen sogar entgegenlaufen muss, ist vielleicht nur ein schwacher Trost für jene, die gerne klare moralische Aufteilungen und psychologisch nachvollziehbare Aktionsimpulse haben. Doch wenn schon die gegenwärtige Realität deutlich anders funktioniert, wie sieht es dann erst in a few years from now ... aus? Die Gewalt, die vor allem in der zweiten Hälfte des Filmes über das titelgebende kleine Dorf im brasilianischen Nirgendwo hereinbricht, kommt dabei noch einigermassen organisch daher, zumindest mehr, als es das Drehbuch ist. Sie entspringt weniger dem Plot um reiche Gringo-Menschenjäger auf einem Gewalttrip, sondern ist – nicht zuletzt zu Letzterer unliebsamen Überraschung – bereits Teil des Ortes, wie es auch das kleine Dorfmuseum mit seiner Sammlung historischer Waffen anschaulich beweist. Doch schlussendlich sind es zwei Arten der Gewalt, die hier aufeinandertreffen: die korrupte, kapitalistische, die mit dem lokalen Populisten Tony Jr. gemeinsame Sache macht und ihre jouissance gerade aus der Tatsache zieht, dass die Opfer Unschuldige sind (eine Fehlannahme mit grotesk-gerechten Folgen), und die organische, historisch verankerte, gemeinschaftliche und trotz ihrer archaischen Exzesse rechtschaffene Gewalt. Wenn es denn in diesem Konflikt überhaupt einen Sieger geben kann, steht dieser im Vornherein schon fest. Denn es ist klar, dass die Gewalt in Südamerika nicht aus dem Westen und schon gar nicht über Hollywoodfilme importiert wurde, auch wenn diese hier von Ford bis Carpenter genüsslich zitiert werden.

Dass das Resultat des Aufeinanderreibens dieser zwei Modi, verstärkt durch die sehr unterschiedlichen Schauspielstile von Udo Kiers Gewalttouristen und dem Rest der brasilianischen Schauspieler, etwas uneben daherkommt, sollte niemanden erstaunen. Angedeutete Science-Fiction-Elemente, etwa, dass die Handlung in naher Zukunft spielen soll (die sich von der Gegenwart mit ihren neokolonialen Auswüchsen allerdings kaum unterscheidet) oder die als kleines UFO getarnte Überwachungsdrohne, die vor dem Angriff immer wieder über dem Dorf herumsurrt, übererhöhen das Setting noch mehr, wecken vielleicht gar falsche Erwartungen. In der Summe sind es nämlich die Retro-Elemente, die überwiegen: Das ganze Setting hat trotz seiner futuristischen Artefakte weit mehr von einem klassischen Western als etwa von einem postapokalyptischen Szenario à la Mad Max. Die Titelschrift, die Musik, die Wischblenden und die verwaschenen Breitleinwandeinstellungen sowie der Name der örtlichen Schule stammen von John Carpenter (João Carpinteiro). Die Gegengewalt der Einheimischen spielt auf ein Zeitalter an, in dem man noch die Köpfe der besiegten Gegner abzutrennen pflegte.

Doch der zentrale Verweis auf die Vergangenheit ist ein lokal-filmhistorischer. Das brasilianische Cinema Novo, das vom italienischen Neorealismus inspiriert von Ende der 1950er bis Anfang 1970er das Genrekino mit dem agitatorischen verknüpfte und mit Regisseuren wie Glauber Rocha (Antonio das Mortes), Nelson Pereira dos Santos (Vidas secas) und Joaquim Pedro de Andrade (Macunaíma) Brasilien mit einem Knall auf die filmische Landkarte setzte. Fast sämtliche Filme dieses Kinos richteten sich ästhetisch aggressiv gegen die westliche Kolonisierung Brasiliens sowie gegen die wirtschaftliche Ausbeutung und Ausgrenzung des ärmeren Nordens des Landes. Die Filme sind mystizistisch, gewalttätig und nicht selten verwirrend und stellen eines der prägnantesten Beispiele für ein indigenes („drittes“) Kino dar, das nicht mit der Ästhetik der Kolonisierer gegen diese zu operieren versucht, sondern radikale eigene filmische Formen entwickelt. Fast sämtliche dieser Attribute, man ahnt es, treffen auch auf Bacurau zu. Dabei ist besonders spannend anzusehen, wie hier westliche (Genre-)Formen den eigenen buchstäblich im Kampf gegenübergestellt werden – einem auf Leben und Tod.

Nicht dass die Fronten klar definiert wären. Für die Wasserknappheit im Dorf ist der schmierige Lokalpolitiker Tony Jr. verantwortlich, um dessen Ähnlichkeit mit dem neu gewählten rechtspopulistischen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro der Film keinen Hehl macht. Eine Gruppe von Widerstandskämpfern, die vom Staatsfernsehen als Terroristen gebrandmarkt werden, geniesst im Dorf und im Film Bacurau unverhohlene Sympathien. Diese sind auch die ersten, die man um Hilfe bittet, wenn an den Rändern des Dorfes plötzlich Leichen entdeckt werden, von noch Unbekannten offenbar brutal ermordet. Die Gemeinschaft des fiktiven Dorfes, das für alle abgelegenen und von der Politik vergessenen Dörfer Brasiliens zu stehen scheint, ist so heterogen, wie sie nur sein kann, hält aber in jenem entscheidenden Moment zusammen, in dem sie von einem noch undefinierten Aussen infrage gestellt wird. Nämlich etwa von da an, als die Angreifer das Dorf prophylaktisch schon einmal von der digitalen Landkarte löschen lassen und es vom Handynetz abschneiden, was im Grunde nur eine Ausweitung der von Tony Jr. veranlassten Abtrennung der Wasserzufuhr ist. Die Lastwagenladung Bücher, die jener grosszügig auf den Dorfplatz schütten lässt, wirkt demnach nur noch zynisch. Was brauchbar ist, wird von den Einwohnern trotzdem in die Schulbibliothek gestellt. Die Szenen hingegen, in denen das übrig gebliebene Wasser aus dem Tanklastwagen, mit dem sich die Einwohner selber zu helfen versuchen, für eine Gemeinschaftsdusche zur Verfügung gestellt wird, sind von einer puren gemeinschaftlichen, fast schon orgiastischen Freude. Zu diesem Gemeinschaftsgefühl werden später im Film, wenn es dann wirklich ernst wird, noch eine Reihe von psychotropen Substanzen beitragen, die am Anfang des Films noch zu eher harmlosen, aber hochsymbolischen Momenten führen, wenn etwa aus dem Sarg der verstorbenen Matriarchin des Dorfes plötzlich literweise Wasser zu sickern beginnt. Im zweiten Teil aber, da bringen sie dann das Blut und die Gewalt zum Fliessen.

Da kommen jetzt also diese sich irrtümlich überlegen fühlenden, amoralischen amerikanischen Menschenjagd-Touristen, die im brasilianischen Hinterland so richtig auf den Putz hauen wollen, indem sie mit ihren fetischisierten Maschinengewehren auf die wehrlosen Hinterwäldler schiessen. Ihre Motivationen bleiben so schwammig wie die Rechtfertigungen des Neoliberalismus. Einer meint beiläufig, dass er ansonsten vielleicht mal in einem Einkaufszentrum zu Hause durchgedreht und Amok gelaufen wäre, wenn er nicht hier jetzt ein Ventil gefunden hätte. Dass sogar Tony Jr. vielleicht seine Hände mit im Spiel hat, ist eigentlich schon relativ unwichtig. Wenn der Stein rollt, dann rollt er. Die Motivation ist jene des von der Leine gelassenen Raubtierkapitalismus, der keine anderen Gründe braucht, als dass er eben kann. Weil Gegenwehr sowieso keine zu erwarten ist und weil die Befriedigung der eigenen „Bedürfnisse“ das höchste Gut ist. Dass hier tatsächlich auf Menschen geschossen wird und Dörfer ausgerottet werden sollen, mag eine leichte Überspitzung sein – wir befinden uns schliesslich im Genrekino.

Oder nicht? Im Endeffekt sind die Unterschiede zur Realität geringer, als man denkt. Umso schöner ist dann – gerade auf einem Festival, das von solchen Momenten lebt –, wenn die ersten beiden Angreifer ein Stück weg vom Dorf auf einen nackten Mann vor seinem Haus treffen und sich schon auf ihren ersten Mord freuen (es werden Punkte gezählt). Statt des Kopfs des Mannes, der zu ihrer kurz währenden Überraschung plötzlich eine riesige Schrotflinte in den Händen hält, zerbirst – fast wie bei Cronenberg – jetzt halt der Kopf des Angreifers in hundert Stücke. Jedes noch so absurde System hat seine Schwachstellen.

First published: July 20, 2019

Bacurau | Film | Kleber Mendonça Filho, Juliano Donnelles | BRA-FR 2019 | 132’ | NIFFF 2019

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