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Albert Anker - Malstunden bei Raffael

Albert Anker - Malstunden bei Raffael

Screenings in Swiss cinema theatres 

Schon der Auftakt ist ein Hammer: Endo Anaconda liest in seiner heiseren Blues-Stimme aus einem Brief von Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo vor: «Lebt Anker noch? Ich denke oft an seine Arbeiten, ich finde sie so tüchtig und fein empfunden». Im Hintergrund spielt jemand leise Klavier – ein Stück von Grieg auf dem originalen Instrument, das immer noch in Albert Ankers (1831–1910) gut erhaltenem, stattlichen Bauernhaus steht. Dann folgen wir dem bärtigen Sänger eine enge Treppe hoch, über knarzende Dielen ins Atelier des Malers, dessen Wände mit Skizzen, Fotos, Gipsmoulagen und Memorabilien volltapeziert sind. Und schon gesellt sich Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern, dazu, die mit kunsthistorisch versiertem Blick mal auf einen japanischen Holzschnitt zeigt, mal in Ankers Bücherwand greift, mal mit dem ebenfalls angereisten Auktionator Eberhard Kornfeld über Ankers Bezug zu den Impressionisten plaudert.

Locker wechselt das Gespräch zwischen den Protagonisten – auch dem Pianisten Oliver Schnyder – hin und her, während die Kamera über Details wie die selbstgemachten Pinsel streift – für den feinsten soll Anker nur die Wimper eines Rehs verwendet haben – oder auf einzelne Werke fokussiert. Dabei erfahren wir, wie aus dem Theologen der Maler wurde, der fortan zwischen Ins und Paris pendelte, der den Fluchtpunkt einzelner Bilder auf die Augenhöhe von Kindern legte, der zu Lebzeiten 800 Werke verkaufte und der sich nach seinem Tod Malstunden bei Raffael wünschte. Doch immer wieder reisst uns Endo Anaconda aus der Idylle krachend ins Heute, etwa wenn er sich vor einer Fotografie des gealterten Ankers in dessen Selbstzweifel einschwingt: «Ja längts de für ä Vater, für wele Vater o immer, für dä im Himmel oder dr Liblechi ... bin i ä guätä Vater gsi … Da chunnt är mir nach.» Endo Anaconda, der Sänger der Berner Mundartband ‹Stiller Has›, ist kurz vor Vollendung des Films gestorben, doch er hat diesem noch die entscheidende Dringlichkeit verliehen. Der Film ist ein Glücksfall!

Gastbeitrag von Claudia Jolles, in Kooperation mit Kunstbulletin (NEU!)

First published: January 12, 2023

Albert Anker – Malstunden bei Raffael | Film | Heinz Bütler | CH 2022 | 92’ | CH-Distribution: Filmcoopi

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