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143, rue du désert

143, rue du désert

[…] Ein invertiertes Roadmovie wollte er drehen, sagt der Regisseur im Interview, mit dem Fokus nicht auf die Bewegung der Strasse, sondern auf den Stillstand.

[…] Von den Abenteuern der Strasse wird bloss erzählt, doch wir erfahren durch die verschiedenen Perspektiven der flüchtigen Gäste vielleicht mehr – mit Sicherheit aber auf andere Weise – über das Land und über die Welt, als dies in einem Film möglich wäre, der all diese Orte tatsächlich zeigt.

Die Adresse ist erfunden, aber der Ort ist so real, wie es ein Ort nur sein kann. Ein kleines Haus mit zwei Räumen, von denen wir nur einen zu sehen bekommen, obwohl der ganze Film in ihm und der unmittelbaren Umgebung stattfindet. Drinnen wohnen Malika, was auf Arabisch «Königin» bedeutet, ihre Katze Mimi und ein Hund. 50 Meter vom Eingang zieht eine unendlich lange Strasse vorbei, die von Algier mitten durch die algerische Sahara zur Landesgrenze im Süden führt. Wie sie einem ihrer zahlreichen Besucher mitteilt, ist Malika zufrieden mit dem, was ihr Gott gegeben hat. Und das ist nicht viel – eben ein kleines Haus mit Hund und Katze mitten in der Wüste.

Lastwagenfahrer und andere Reisende frischen sich auf dem Weg durch die Wüste in ihrem kleinen Laden mit Tee, Kaffee, Wasser, kleinen Snacks und vor allem Malikas Gesellschaft auf. Einmal kommt eine ganze Gruppe von Musikern, die zu Malikas grosser Freude ein kleines Konzert darbieten, und ein andermal kommt eine polnische Motorradfahrerin vorbei, die kaum Französisch und kein Arabisch spricht – und Malika schon gar kein Englisch. Das Nötigste lassen sie sich vom Regisseur hinter der Kamera übersetzen. Immerhin haben sie die Gemeinsamkeit, keine Kinder zu haben. Ansonsten hält Malika sowieso nicht viel von Frauen; die wettergegerbten Lastwagenfahrer, die ihr Geschichten aus dem Land erzählen, das langsam durch die Regierung zerstört werde, sind ihr sympathischer. Durch die Begegnungen erfahren wir viel über die Reisenden und die Geschichten, die sie erlebt haben, während Malika ein faszinierendes Enigma bleibt. Manchen Fragen weicht sie aus, über andere ärgert sie sich gar; hat zu vielem keine Meinung, zu anderem eine umso resolutere. Einmal meinen wir, etwas über ihre traurige Vergangenheit erfahren zu haben, als sie erzählt, dass während des Kriegs ihre Tochter ermordet wurde. Doch gleich darauf behauptet sie wieder, es sei alles nur erfunden gewesen. Nur wenn sie unwillkürlich lachen muss, bekommt man das Gefühl, dass sich etwas öffnet. Ins Herz geschlossen hat man die alte und etwas störrische Frau zu diesem Zeitpunkt schon lange.

Immer wieder gibt es Einstellungen, die Malikas Blick nach aussen entsprechen, der dabei stets von einem der kleinen Fenster oder der Tür gerahmt wird. Das erinnert nicht nur durch das Wüsten-Setting an The Searchers (1956), wobei sich Ferhani im Gegensatz zu John Ford mehr für den Rahmen als für die Aussenwelt interessiert, die dieser umfasst. Ein invertiertes Roadmovie wollte er drehen, sagt der Regisseur im Interview, mit dem Fokus nicht auf die Bewegung der Strasse, sondern auf den Stillstand. Das Haus von Malika wird in diesem Film zum Zentrum der Welt, alles andere findet an der Peripherie statt. Von den Abenteuern der Strasse wird bloss erzählt, doch wir erfahren durch die verschiedenen Perspektiven der flüchtigen Gäste vielleicht mehr – mit Sicherheit aber auf andere Weiseüber das Land und über die Welt, als dies in einem Film möglich wäre, der all diese Orte tatsächlich zeigt.

Das Bild von der Welt, das im Film nach und nach in einer zufälligen Abfolge von Kaffee- und Zigarettengesprächen entsteht, ist jenes einer Welt im Umbruch. Oder im Zerfall, wenn man es weniger optimistisch formulieren will, wie Malika und nicht wenige ihrer Gäste das tun. In ihren Augen ist es der Fortschritt, der diesen Zerfall beschleunigt. Nicht einmal das einsame Haus mitten in der Wüste ist vor ihm gefeit. Zu Beginn des Films ist es ein Gerücht unter vielen, später befindet sich da im von der Tür gerahmten Hintergrund, da wo vorher nichts war, auf einmal eine Baustelle. Am Ende des Films steht sie da: die neue Tankstelle mit Restaurant, gleich gegenüber von Malikas Café. Bald schon würden keine Gäste mehr kommen, beklagt sie sich. Ein Fernfahrer beruhigt sie: Mehr Leute bringen auch mehr Geschäfte. Ein anderer meint scherzhaft, sie könne ja heiraten und wegziehen, doch sie entgegnet nur, dass das einzige weisse Kleid, das sie noch tragen wird, ihr Totenhemd sein werde.

Es passiert nicht viel in diesem Film. Und doch enthält er auf eine Weise die ganze Welt, von einem unbeweglichen, stoischen Zentrum namens Malika aus betrachtet, um die sich diese zu drehen scheint. Einmal, es ist die einzige bewegte Einstellung im Film, beginnt die Kamera um das Haus herum zu kreisen, wacklig, aus der Hand gefilmt. Es ist auch die einzige Einstellung, die eine andere Perspektive als jene Malikas einzunehmen scheint. Man sieht plötzlich die Rückseite des Hauses – mehr, als einem der Film bisher gezeigt hat. Doch dieser erträgt so viel Bewegung nicht lang, droht beinahe zu kippen. Vielleicht verbringt ausser Malika deshalb niemand allzu viel Zeit in dem Café, weil die Gefahr besteht, dass diese kleine Achse des Wirklichen, zu dem alle immer wieder zurückkehren wollen, aus dem Lot geraten könnte – und damit die ganze Welt. Das ist auch die wahre Bedrohung durch die neue Tankstelle: Kein System erträgt zwei Angelpunkte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Die zentrale Achse von 143, rue du désert ist nicht die Strasse, sondern Malika selbst, jene «Pförtnerin der Leere», wie sie der auftretende Schriftsteller Chawki Amari einmal nennt, mit dessen Hilfe Ferhani ursprünglich zu Malika gefunden hatte. Und das zentrale Bild müsste dann dieses sein, wenn der Schriftsteller sich hinter ein kleines Fenster mit Eisenstangen stellt und nach Malika verlangt. Er spielt einen Gefangenen, der seine «Besucherin» Malika fragt, ob sie ihn freikaufen könne, indem sie für ihn ins imaginäre Gefängnis geht, das hier nichts anderes ist als die Aussenwelt. Malika krümmt sich vor Lachen ob der Darbietung und dem Angebot. Und lehnt dankend ab.

First published: September 03, 2019

143 rue du désert | Film | Hassen Ferhani | ALG-FR-QAT 2019 | 100’ | Locarno Film Festival 2019

Best Emerging Director Award at Locarno Film Festival 2019

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