article img

The Whispering Star

[…] Aus der Perspektive eines gelangweilten Androiden, aus der Sono hier vom langsamen Aussterben der Menschheit erzählt, fällt von diesem alles Grandiose oder erhaben Melancholische ab, das ansonsten diese Form der Science Fiction auszeichnet.

[…] Was bleibt, ist eine gewisse lakonische Indifferenz, sowie eine Art amüsierte Faszination ob jener menschlichen Eigenschaft, gewisse Objekte mit einer solchen Bedeutung aufzuladen, die jene höchst ineffiziente Logistik rechtfertigt.

Mit dem Verschwinden des Menschen wird einst auch die Zeit eine gänzlich neue Form annehmen. Noch ist es nicht ganz soweit, auch wenn wir uns offenbar auf gutem Wege dahin befinden. Erste Eindrücke der Zeit nach dem Menschen lassen sich entweder beim Besuch von Ruinenstätten alter und moderner Zivilisationen gewinnen – etwa in Pompeji, in Prypjat nahe Tschernobyl oder in den Landschaften um Fukushima nach der Katastrophe vor sechs Jahren. Wer nicht ganz so weit reisen mag, kann zumindest ab und zu im Kino – dem besten aller Orte hierfür – sich einer Annäherung der Zeiterfahrung der nächsten paar Jahrtausende machen, sei es in Nikolaus Geyrhalters Homo Sapiens oder, auf ganz andere Weise, in Sion Sonos The Whispering Star.

Die Menschheit ist hier zwar noch nicht ganz ausgestorben, aber sie macht nunmehr nur noch etwa zwanzig Prozent der Universumsbevölkerung aus, die restlichen 80% bestehen aus künstlich intelligenten Androiden. Dazu kommt, dass die letzten Exemplare des Homo Sapiens aus nicht näher erklärten Gründen im ganzen Universum verstreut leben, was aber nicht weiter problematisch ist, da die (Teleportations-)Technologie längst so weit ausgereift ist, dass weder Zeit noch Raum eine grosse Rolle spielen. Weder lange Weltraumfahrten noch so etwas archaisches wie ein physischer Kurierdienst sollten in diesem Szenario irgendeine Rolle spielen, doch aus unerfindlichen Gründen leisten sich einige Menschen in einem Anflug der Nostalgie nach eben jener Bedeutung von Zeit und Raum noch den Luxus, sich unscheinbare, wertlos scheinende Gegenstände im Universum zuzuschicken, wobei eine solche Lieferung gerne mal einige Jahre dauert. Der Film begleitet die Androidin ID 722 Yoko Suzuki auf einer ihrer Kurierfahrten und schafft es dabei, das im Grunde absurde Konzept der Langeweile eines Androiden auf den Zuschauer zu übertragen.

So besteht der Film grösstenteils aus einer Abfolge eigentlich urmenschlicher Tätigkeiten – Tee kochen, Boden schrubben, geflüsterte Tagebuchaufzeichnungen auf alte Kassettenbänder – die die Androidin auf ihrer Reise in ihrem Raumschiff in Form eines japanischen Häuschens (oder genauer: einer Notunterkunft ähnlich jener, die nach dem Unglück in Fukushima zum Einsatz kamen) täglich verrichtet, scheinbar um die Zeit zu ihrem Fortlaufen zu bewegen. Letzteres wird jedenfalls durch die scheinbar willkürlich auftretenden Texttafeln suggeriert, die jeweils inmitten einer solchen Handlung auf einen Tageswechsel aufmerksam machen. Alle paar Jahre schliesslich landet unsere Protagonistin auf einem Planeten, um dort eines ihrer Päckchen abzuliefern, wobei diese Planeten allesamt gleich aussehen, nämlich wie die Tsunami-verwüstete Gegend um Fukushima, wo der Film auch gedreht wurde. Die (stets geflüsterten) Unterhaltungen mit den Empfängern beschränken sich aufs Nötigste: – Ob sie lange warten musste? – Nein.

Aus der Perspektive eines gelangweilten Androiden, aus der Sono hier vom langsamen Aussterben der Menschheit erzählt, fällt von diesem alles Grandiose oder erhaben Melancholische ab, das ansonsten diese Form der Science Fiction auszeichnet. Was bleibt, ist eine gewisse lakonische Indifferenz, sowie eine Art amüsierte Faszination ob jener menschlichen Eigenschaft, gewisse Objekte mit einer solchen Bedeutung aufzuladen, die jene höchst ineffiziente Logistik rechtfertigt. Dieses Gefühl vermitteln auf eine Weise auch die in der zerstörten Gegend um Fukushima gedrehten Landschaftsaufnahmen, gesäumt von gestrandeten Schiffen und Häuserruinen, ihres Zweckes beraubt und irgendwie dekorativ, auch wenn niemand mehr da ist, diese zu bestaunen oder zu betrauern. Der letzte im Film gezeigte Zustellauftrag führt unsere künstlich intelligente Paketbotin in die letzte alleine von Menschen besiedelte Enklave, in der das Leben sich immer noch so abspielt, wie man es aus vordigitaler Zeit gewohnt ist. Es wird getanzt, mit Bällen gespielt, gegessen, geheiratet. Doch es handelt sich bloss noch um ein sich hinter Papierwänden abspielendes Schattentheater, so fragil, dass es von jeglichen über dem Flüsterton liegenden Geräuschen zum Zerfall gebracht würde. Eine Papierwand wird zur Seite geschoben um das Paket in Empfang zu nehmen, worauf es wie die Menschen dahinter wieder zur platonischen Ideenrepräsentation wird.

Was vom Menschen einmal übrigbleiben wird: erst Ruinen ohne Nutzen und Sinn, schliesslich nur noch die Schatten seiner Ideenwelten, von zu lauten Flüstertönen zum Verschwinden gebracht. Am Schluss bleibt nicht einmal mehr das Flüstern. Die Zukunft liegt in Fukushima.

Text: Dominic Schmid
First published: January 20, 2017

Explore more