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The Miracle of Tekir

[…] Mit äusseren Einflüssen lässt sich die Kunst der Ruxandra Zenide nicht erklären. Die Regisseurin ist eine Poetin, eine Übersetzerin innerer Welten, eine Botschafterin einer universellen Sprache.

Das Filmemachen war lange kein Traum von ihr. Der Weg, den die rumänisch-schweizerische Regisseurin Ruxandra Zenide später zum Kino einschlug, war umso zielgerichteter. Auf der Leinwand zeigt sie derzeit zum zweiten Mal was sie mit ihrer Intuition und einem weiblichen Blick auf die Welt erreicht.

Ruxandra Zenide – Glanzlicht der rumänischen Diaspora

«Hier gefällt es mir, hier trifft man jeden, ob Banker, Touristen oder Alternative», sagt sie. Es ist Montagvormittag, und Ruxandra Zenide trinkt heisse Ingwerlimonade auf dem Sonnendeck des Bains des Pâquis, Anziehungsort für Genfer Bonvivants. Über dem glitzernden Lac Léman segeln die Möwen. Das Idyll ist komplett: Sie, gerade schwanger mit dem zweiten Kind, bringt zum zweiten Mal einen Spielfilm in die Kinos. Alles ist alles aufgegangen, und wenn sie in ihrem gebrochenem Englisch zu erzählen beginnt, einem sympathischen Sprachgemisch mit französischen und rumänischen Einschlägen, weiss man bald auch wieso.

Feminine statt feministische Sichtweisen

Die Genferin erzählt Geschichten. Eine davon präsentierte sie die Woche zuvor in Fribourg am Internationalen Filmfestival: The Miracle of Tekir, der Spielfilm, der im Sommer 2016 auch in den Deutschschweizer Kinos startet und bereits im vergangenen Jahr vom Zurich Film Festival mit dem «Emerging Swiss Talent Award» geehrt wurde. Auf der anderen Seite des Röschtigrabens ist ihr Name immer noch wenig geläufig. Und das, obwohl sie bereits 2006 mit ihrem Langfilmdebüt Ryna 2006 für den Schweizer Filmpreis 2006 nominiert wurde. In diesem Coming-of-Age-Drama wird eine Sechzehnjährige vom Vater in der rumänischen Provinz zum Sohn erzogen, doch weder ihre kurzgeschorenen Haare noch die Karrenschmiere auf der Haut können ihre erwachende Weiblichkeit aufhalten.

Genau zehn Jahre später besetzt die Filmemacherin in The Miracle of Tekir die Hauptfigur nochmals mit der gleichen Schauspielerin, dieses Mal heisst sie Mara. Eine auratische Schönheit, die auf rätselhafte Weise schwanger wurde – durch das Baden in Naturheilschlamm – und deshalb von den abergläubischen Bewohnern eines Fischerdorfs am Schwarzen Meer vertrieben wird. Die biblisch anmutende Empfängnisgeschichte lässt Zenide im Film auf rationale Zweifel prallen. Wie schon im ersten Spielfilm bildet die weiträumige Landschaft rund um das Donaudelta die Kulisse. Wiederum steht die Identität einer Frau im Zentrum. Wiederum ist es eine Frau, die sich mit patriarchalischen Werten zurechtfinden muss und die sich am Schluss selber “entbindet” und in eine neue Welt hineingebärt, was in Ryna durch die Abkapslung vom Vaterhaus geschah – und in The Miracle of Tekir wenn die Protagonistin in einem Ruderboot in die offene See sticht.

Ruxandra Zenide scheint mit Frauenporträts ihr Thema gefunden zu haben. Einige Filmrezensenten schreiben denn auch von feministischen Filmen. In der Tat liebt sie das “weibliche” Kino und deren Vertreterinnen. Etwa Chantal Akerman, die ihre Geschichten ebenfalls durch die Augen von Frauencharakteren erzählt. Bei Zenide ist der weibliche Blick mit dem Anspruch verbunden, diskriminierende Verhaltensweisen dem Rätsel des Daseins gegenüberzustellen. «Vielleicht ist es eher ein weibliches Kino, da es mehr mit Mysteriösem verbunden ist», sagt Ruxandra Zenide und ergänzt: «Ich glaube, ich werde immer dafür einstehen, Frauen zu verteidigen. Man könnte auch sagen, ich verteidige Frauen mehr als Männer, zumal es für sie nicht einfach ist, Familie und Arbeit miteinander zu vereinbaren.» Dennoch spielt der Geschlechterkampf bei ihr nicht die Hauptrolle: «Meine Filme sind nicht feministisch. Meine Figuren kämpfen nicht für irgendetwas. Sie sind einfach, wer sie sind.» Mit anderen Worten lässt sich die Filmemacherin von ihren eigenen Bildern leiten. Dass daraus ein eigener Stil aufblüht, ist nur folgerichtig.

Ebenso wenig wie sie sich zum feministischen Kino bekennen mag, kann sie auch nicht sagen, inwiefern Erinnerungen an und Geschichten aus ihrem Geburtsland ihre Filme prägen. Mit äusseren Einflüssen lässt sich die Kunst der Ruxandra Zenide nicht erklären. Die Regisseurin ist eine Poetin, eine Übersetzerin innerer Welten, eine Botschafterin einer universellen Sprache.

Magnetisiert von der anderen Art des Erzählens

Ruxandra Zenide war vierzehn Jahre alt, als sie 1989 zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus Bukarest dem Vater nach Genf folgte. Dieser flüchtete bereits zwei Jahre zuvor vor der rumänischen Diktatur. Damals balgten sich vor allem noch Bud Spencer oder Bruce Lee auf dem Fernsehbildschirm der jungen Ruxandra. In die Filmkunst sollte sie sich erst später verlieben. Der konservativen Einstellung ihrer Eltern folgend, absolvierte sie zunächst ein Studium in Internationalen Beziehungen. Nebenher jobbte sie auf Banken und kam schliesslich über das Genfer Filmfestival Tous Écrans in Kontakt mit der cinephilen welschen Szene.

Während dieser Zeit, im Alter von etwa 20 Jahren, muss es dann passiert sein: Sie sah zum ersten Mal John Cassavetes Faces sowie die Politgroteske Underground von Emir Kusturica – und war magnetisiert von «dieser anderen Art des Erzählens». Noch vor ihrem Abschluss wusste sie, dass ihre berufliche Zukunft nicht die Bank sein würde, sondern das Filmemachen. Zumindest müsste sie es einmal ausprobiert haben. Sie entschied sich für ihre Leidenschaft und gegen einen soliden Weg. Das nahm der Vater vorerst argwöhnisch zur Kenntnis. Während er für seine Tochter weiterhin Stellenannoncen von Banken aus Zeitungen ausschnitt, suchte Ruxandra Zenide nach einer Möglichkeit, das filmische Handwerk zu erlernen. Diese fand sie schliesslich an der New York University. Dort realisierte sie 1999 in einer Gruppe ihren ersten Kurzfilm Shoot me. Die Erfahrung, die sie dabei machte, war so erfüllend, dass es keines weiteren Antriebs bedurfte, um sie in den cineastischen Weltraum zu katapultieren. Mit ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Enthusiasmus gewann sie nicht nur immer mehr Selbstvertrauen in ihrem Schaffen, sondern auch die elterliche Unterstützung. Etwas, das ihr rückblickend ausserordentlich viel bedeutet.

Umwogen von neuen Wellen

«Geh zur Schule, lass dich ausbilden, wähle nicht den short cut!» legte ihre ein guter Freund nahe, nachdem sie von New York in die Westschweiz zurückgekehrt war und sich fragte, wie es weitergehen soll. So entschied sie sich im Jahr 2000, ein einjähriges Programm für ausländische Studierende an der Prager Filmfakultät FAMU zu absolvieren, nochmals weit weg von zu Hause. Einmal die Woche gab es Filmvorführungen im Schulkino, wo sie die experimentierfreudigen Filme der Neuen Tschechoslowakischen Welle studierte. Ihr gefielen die Werke von Jan Němec oder Daisies/Sedmikrásky von der Regisseurin Věra Chytilová, in dem sich zwei totgelangweilte Frauen anarchistische Spässchen in einer Serie lose zusammenhängender Episoden erlauben. Doch nicht nur die tschechischen Filme der späten 60er-Jahre wirkten auf sie. Sie machte Bekanntschaft mit Studierenden der tschechischen Filmklasse, etwa mit dem Drehbuchautoren Marek Epstein, mit dem sie in der Folge bis zu ihrem ersten Spielfilm zusammenspannte.

Seit dem Abschluss ihres Regiestudiums 2002 in Prag hat Ruxandra Gas gegeben. Schon drei Jahre später, 2005, präsentierte die Regisseurin mit Ryna ihren ersten Spielfilm. Es mochte ein günstiger Zufall gewesen sein, dass dies fast zeitgleich mit Christi Puius prämierten Werk Der Tod des Herrn Lazarescu geschah, als Arthouse-Kinos und die internationale Filmkritik das rumänische Autorenkino wahrzunehmen begannen. Manche weisen Ruxandra Zenide deshalb der Neuen Rumänischen Welle zu. Diese Bewegung startete, als eine neue Generation Filmemacher begann, mit einem Mix aus Wut, Ironie und Absurdität die ungestüme Gegenwart der Post-Ceausescu-Ära mit einer minimalistischen Filmsprache zu bebildern. Eine Bewegung, die hauptsächlich von Männern angeführt wurde, denen die Verarbeitung politischer Geschehnisse in ihrem Land am Herzen lag. Inhalte, die – wen wundert’s? – nicht Ruxandra Zenides Ding sind: «Ich will nicht Filme machen, wie das Männer tun, ich folge stets meiner eigenen Intuition.» Sie bleibt ihrer eigenen Sprache treu und spinnt die Fäden in ihren Filmen auf ihre ureigene Art und Weise zusammen.

Somnambule Zuhörerin

Mit dieser Intuition hatte die 41-Jährige bis jetzt mehr Glück auf ihrem Weg als ihre Figuren: Nie wurde sie von traditionellen Lebenskonzepten ausgebremst, nie kam das Gefühl auf, ihr stünden als Filmemacherin weniger Möglichkeiten offen – vielleicht wegen ihrer «jungenhaften Attitüde» und der Selbstverständlichkeit, eine selbstsichere Frau zu sein mit einem starken Willen, Filme zu machen. «Persönlichkeitssache», wie sie es mit einem Wort ausdrückt.

Vor zehn Jahren bekam sie ihr erstes Kind und schaffte es – auch dank der Hilfe ihrer Mutter und der Unterstützung ihres Lebenspartners Alexandre Iordachescu -, Film und Familie aneinander vorbei zu manövrieren. Eine starke Leistung, alles unter einen Hut zu bringen – der Lohn der Leidenschaft. Sprachlos wird die Schaffensfreudige, wenn man ihr das Lohngefälle, den pay gap, zwischen Männer und Frauen hinter der Kamera vor Augen hält. In Rumänien sähe die Situation nochmals um Einiges prekärer aus: «Man ist da eher noch Macho, das Filmbusiness ist hart. Aber ich hatte immer starke Männer um mich, die mich beschützten.» Sie lacht laut auf, sind doch beschützende Männer alles andere als ihr Kernthema, aber das Leben ist nun mal nicht logisch, und sie nimmt es, wie es kommt.

Und wie steht es um die Erfahrungen mit der hiesigen Filmförderung? «Eine Absage hatte für mich nie etwas damit zu tun, dass ich eine Frau bin. Bis jetzt jedenfalls nicht.» Genauso wenig spielt das Geschlecht eine Rolle, wenn sie ihre Crew zusammenstellt. Als sie für The Miracle of Tekir eine Frau an die Kamera holte, dann deshalb, weil die Frau für ihr Projekt die Beste war. Ruxandra Zenide will stets das Maximum rausholen. Ihre Qualität als Regisseurin sähe sie darin, Leute für ein Projekt zu begeistern und zusammenzubringen. Und weil jedes Projekt «eine andere Sensibilität» hat und andere Anfordernisse stellt, kann es vorkommen, dass sie sich gegen einen bewährten Kameraden entscheidet: «Wir ändern uns ständig, und ich möchte nicht steckenbleiben.»

Steckengeblieben ist Ruxandra Zenide offensichtlich nicht. Mit ihren Filmen überzeugt sie Fördergremien, ohne grosse künstlerische Abstriche machen zu müssen. Dazu kommt: Ein Film ist für sie wie eine Reise mit einem Schiff, das unterwegs ist und plötzlich auch in unerwarteten Gewässern kreuzt. «Du musst deine Vorstellung stets der Realität anpassen und bereit sein, bei Bedarf die Richtung zu ändern», sagt sie. Auch hier zeigt sich wieder ihr Vertrauen in die Intuition, und wenn die Steuerfrau sagt: «Es kommt immer ein anderer Film heraus, als du am Anfang im Kopf hattest», weiss man, dass ein echter Profi am Werk ist, dem es gelingt, die Unwägbarkeiten eines Projekts von Beginn weg miteinzuberechnen – auch bei Anträgen an Filmförderungsstellen.

2004 gründete Ruxandra Zenide zusammen mit Alexandre Iordachescu die unabhängige Produktionsfirma Elefant Films mit Sitz in Bukarest. Die Aufgabenteilung ist für das Paar optimal: Er hat den Part des Produzierens übernommen. Sie fühlt sich wohler mit den künstlerischen Aufgaben des Filmemachens. Im Erdgeschoss eines Altbaus in der Rue Jean-Jaquet in Genf befindet sich das Büro, in dem sie ihre Geschichten spinnt.

So sehr sie bei der Entwicklung ihrer Geschichten ihrer Intuition freien Raum lässt, ist Ruxandra Zenide in der Produktionsphase kein Fan von Risiken. Während den Dreharbeiten reisst es sie manchmal um drei Uhr morgens aus dem Schlaf, weil sie das Skript für den Aufnahmeplan des folgenden Drehtags unter die Lupe nehmen will und Einstellung für Einstellung nochmals durchgeht und verbessert. Sie will gut vorbereitet und offen gegenüber den Einfällen ihrer Crew sein, eine Kapitänin, die erst zuhört, bevor sie das Schiff in eine neue Richtung steuert. Bevor nicht jede Einstellung sitzt und das Schauspiel glaubwürdig rüberkommt wird, verlässt sie das Set nicht. «Die Charaktere verkörpern die Konzepte und die Metaphern. Sie sind das Wichtigste in meinen Filmen, was viel Arbeit und meine volle Aufmerksamkeit erfordert.»

Über Dinge, die in dieser Phase nicht glatt verlaufen, spricht die Perfektionistin nicht gern, ebenso wenig von ihrer permanenten Anspannung oder dem Stress, der sie nachts wachrüttelt. Es sind die Schmerzen des Gebärprozesses, part of the deal einer Filmemacherin.

Empfindungen statt Pitch-Lines

In diesem Augenblick auf dem Sonnendeck des Bains des Pâquis geben die Hände der Filmemacherin keine Regieanweisungen, sondern ruhen sanft auf ihrem gewölbten Bauch. Sie blickt etwas müde aber zufrieden, als hätte man sie gerade aus einem Mittagsschlaf geweckt. Hier in Genf begann alles, als sie ein Ausdrucksmittel suchte, um ihr Innenleben aufzufächern und die Emotionen zu kanalisieren, die sich in ihr angestaut haben, seit sie als Teenager all ihre Freunde in Bukarest zurückliess. Ihre Identität war wegen der «Emigrationssache» damals «ein wenig zerrüttet», erzählt sie. Ruxandra Zenide fand ihr Werkzeug im Film, einem Medium, das ihr erlaubt, zur feinsinnigen Beobachterin zu werden und das Beste aus sich herauszuholen.

«Als ich Underground von Kusturica gesehen habe», besinnt sich noch einmal auf ihre erste Inspirationsquelle, «dachte ich, wie grossartig es ist, sich über eine Metapher auszudrücken.» Einen Umweg einschlagen, um etwas Tiefgründiges zu sagen. Sie hat dieses Credo für sich umgemünzt. Widerstand auch dem Wettbewerbsfieber, der sie nach dem ersten Erfolg gepackt hatte. «Ich brauchte Zeit, um den Konkurrenzdruck auszublenden und zu realisieren, dass ein Film Ausdruck eines Bedürfnisses ist und nicht eine Notwendigkeit, meine Daseinsberechtigung als Regisseurin zu demonstrieren.» Heute fühlt sie sich befreit und ist glücklich, unbefangen Emotionen zulassen zu können, ohne dass ihr dabei der Intellekt im Weg steht. Sie hat erreicht, wonach sie sich sehnte: Die inneren Bilder Film werden zu lassen und nicht Inhalte aus Story-Pitch-Lines zu generieren.

Während die ersten Übermütigen in den Lac Léman hüpfen, spricht sie weiter von diesen Gefühlen, von Bildern und imaginierten Ortschaften, in die sie sich verliebt, bevor sie diese nach und nach in Geschichten verwandelt und mit ihrem Filmschiff auf Reisen geht. Und dann lächelt sie verschmitzt. Weil sie weiss, wie es klingen mag, wenn sie bekennt, dass sie mit ihren Filmen aus den Zuschauern ebendiese Gefühle herauslocken möchte, etwa im Menschlich-Sein, in der Verbindung mit anderen und der Natur, im Zulassen von rational nicht Erklärbarem. Ihre Worte hallen nach – sie haben etwas.

Text: Martina Felber
First published: July 13, 2016

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