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Taming the Horse

[…] Der Grund, warum Tao Gu mit «Taming the Horse» ein so wunderschöner Film gelungen ist, ist der, dass sein Film tatsächlich aus der Freundschaft geboren wird, von ihr lebt, sich gleichsam von ihr ernährt, und sie auch wieder von Neuem hervorbringt, sie in einem gewissen Sinne wieder stiftet, so wie Freundschaften eben immer neu gestiftet werden müssen, um nicht zerlebt zu werden.

[…] Dieser Film ist beides zugleich: unzeremoniell und zielsicher; intuitiv und planvoll.

Zwischen dem südchinesischen Kunming und dem hoch im Norden, inmitten in der mongolischen Prärie gelegenen Hailar liegen rund 5000 Kilometer. 5000 Kilometer sind das Mass einer Entwurzelung, sie entsprechen der Strecke, die Taming the Horse, das Regiedebut von Tao Gu, zurücklegt, um wieder zu den Wurzeln zu finden – eine Strecke, die mit dem Zug zurückgelegt wird, über mehrere Tage, durch sämtliche Vegetationen, ja Jahreszeiten hindurch. 5000 Kilometer sind aber auch das Mass einer Freundschaft, einer im Allgemeinen alltäglichen Freundschaft – einer ganz besonderen Freundschaft aber im Konkreten. Es ist die Freundschaft zwischen Dong und Tao Gu, die Freundschaft zwischen dem Entwurzelten, Heimatlosen, der einmal in Hailar aufwuchs und dann als Teenager mit seiner Familie in den Süden, in die laute Grossstadt, und dem Filmemacher, der vor 10 Jahren das Versprechen gab, zusammen mit Dong in dessen frühere Heimat zu reisen. Freundschaften sind zerbrechliche Gebilde, sie lassen sich nicht unmittelbar übersetzen, es gibt kein Medium, das sie ausdrücken kann – und doch sind sie auf Medien angewiesen, um sich auszudrücken: auf die Sprache, auf den Körper, oder eben auf den Film. Im gegenwärtigen Dokumentarkino haben Problematisierungen des Privaten und Intimen eine gewisse Konjunktur. Warum das – wenn denn diese Konjunktur anhält und sich bestätigt – so ist, wird sich wohl erst noch zeigen. Dass dies aber tatsächlich mit unterschiedlichen Gefühlen der Entwurzelung, mit Neuordnungen, Umbrüchen, Verschiebungen im Sozialen – und das betrifft Filme aus sämtlichen Regionen der Welt, ob China, das brandenburgische Hinterland oder die USA – zu tun haben könnte, ist nicht ausgeschlossen, ist sogar denkbar. Solche Filme sind solche, die viel wagen, viel aufs Spiel setzen und schnell scheitern können. Schnell kann es passieren, dass ein solcher Film in ein moralisches Problem schlittert, in ein Problem im elementarsten kantischen Sinne, in ein Zweck-Mittel-Problem. Wer sind die Protagonisten dieser Filme? Sind sie Mittel oder Zweck eines Films? Und welcher Art sind dann die Beziehungen, die in diesen Filmen immer an allererster Stelle stehen, stets die äusserste Klammer bilden – mit denen alles steht und fällt?

Der Grund, warum Tao Gu mit Taming the Horse ein so wunderschöner Film gelungen ist, ist der, dass sein Film tatsächlich aus der Freundschaft geboren wird, von ihr lebt, sich gleichsam von ihr ernährt, und sie auch wieder von Neuem hervorbringt, sie in einem gewissen Sinne wieder stiftet, so wie Freundschaften eben immer neu gestiftet werden müssen, um nicht zerlebt zu werden. Taming the Horse ist ein Film, der dem intimen Näheverhältnis, das der Dokumentarfilm vielleicht ganz grundsätzlich zur Wirklichkeit pflegt, das Gewand einer Freundschaft überzieht – der die gesamte Medialität des Dokumentarfilms hinter die Vorzeichen des Intimen setzt: Dokument in diesem Film sind nicht einfach die Aufnahmen von Dong, die unzähligen Einstellungen, in denen wir ihn in leicht entrückten Bildern rauchend in seinem Zimmer sitzen sehen, auf dem Bett, auf dem Stuhl, manchmal auf dem Boden; in denen er lachend oder weinend erzählt, von seinen Geldsorgen, seinen Zukunftsplänen, einem aggressiven Geschlechtsakt, in dem er sich verliebt hat, seinem Traum, sich in der Prärie um wilde Pferde zu kümmern, ein Mädchen kennenzulernen, oder von seiner Haltung, sich nach dem Tod als Leib dem Erdgetier zur Verfügung stellen zu wollen – Dokument dieses Films ist die Freundschaft selbst, die ganz und gar spezielle und eigensinnige Formierung von Filmendem und Gefilmten, von Kamera und Welt.

Taming the Horse wechselt zwischen Szenen aus dem Zug und einzelnen Situationen aus Dongs Leben in Kunming. In einem gewissen Sinne bringt sich Dongs Leben, eines, in dem sich gewaltige Frustrationen angestaut haben, in dem er immer wieder im stummen Streit mit der Mutter über seine Zukunft liegt, oder sich am Erfolg seines Bruders messen muss, erst auf dieser Zugreise zum Ausdruck. In einem gewissen Sinne entsprechen die Szenen, in denen Dong zwischen unzähligen geleerten Cola-Flaschen halbnackt auf seinem Bett sitzt, von Frauen oder von sich selbst erzählt, zufälligen Blicken aus dem fahrenden Fenster. Durch dieses formale Prinzip wird Taming the Horse zu einem zwanglosen Gebilde – und dennoch verliert der Film seine Richtung nicht aus den Augen: die gemeinsame Reise in die Mongolei. Dieser Film ist beides zugleich: unzeremoniell und zielsicher; intuitiv und planvoll. Das Versprechen der gemeinsamen Reise, das Tao Dong vor 10 Jahren gab und das in und mit diesem Film nun eingelöst wird, ist mehr als das freundschaftliche Ehrenwort; es ist auch und vor allem die Suche nach einer Form, durch die Freundschaft erzählbar wird. Tao Gus Blick auf Dong ist in diesem Sinne kein unmittelbarer, im einfachen Verhältnis von Aufzeichnung und Aufgezeichnetem bruchlos gestifteter; er ist, sehr viel komplizierter, einer, der sich in diesem Film selbst erst suchen muss, der keine Position hat, sondern der selbst in Gang gesetzt wird und in Gang gesetzt bleibt, wie der über Tage ratternde Zug. Zu Beginn des Films sagt Dong einmal, dass es ihm schwerfalle, in das neutrale Auge einer Kamera zu sprechen. Und eben das ist der Grund für den oft leicht verschobenen Bildausschnitt, für eine ethische Vorrangstellung des Repräsentierten über die Repräsentation. Wenn Taming the Horse auch ein Film über das Leiden einer bestimmten Generation im sich rasend verändernden China ist, dann nur, indem er zuvor ein Film über eine konkrete intime Beziehung innerhalb dieser Generation ist. Und weil dieser Film von einer Freundschaft handelt, handelt er auch in keiner Sekunde von Dong als simplen Vertreter, als Anschauungsmuster für eine anonyme Gruppe Entwurzelter. Taming the Horse handelt im besten Sinne von einer doppelten Intimität: von der freundschaftlichen Beziehung zwischen Filmendem und Gefilmten, von einer ethischen Erzählbarmachung derer, dem Umschiffen der moralischen Falle – und nehme dies 5000 km in Anspruch. Und von einem bestimmten dokumentarischen Modus an sich, von einem Intimitätsverhältnis zwischen Film und Wirklichkeit.

Text: Lukas Stern

First published: May 03, 2017

Taming the Horse | Film | Tao Gu | CAN-CHN 2017 | 124’ | Visions du réel 2017 Nyon

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