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Stummfilmfestival Zürich | Shooting Stars

[…] Der Stummfilm braucht ein Kino, Livemusik, eine besondere Atmosphäre, um von den ZuschauerInnen genossen zu werden. […]. Die Projektion sollte wie ein Ritual, eine einmalige Performance organisiert werden.

[…] Die Musiker haben ein perfektes Zusammenspiel gefunden und den optische Rhythmus des Filmwerks hervorgehoben. Sie haben auch den kontinuierlichen Wechsel zwischen intra- und extradiegetischer Musik mit Virtuosität wiedergegeben.

Das Zürcher Filmangebot ist sehr grosszügig. Das Stummfilmfestival des Filmpodiums ist eine der Veranstaltungen, welche die städtische Kinolandschaft seit vierzehn Jahren bereichert. Dieses Jahr wurde das Programm besonders den Filmwerken von 1917 und 1927 gewidmet: Klassikern, neu restaurierten Fassungen wie auch Wiederentdeckungen. Die Filme wurden mit musikalischen Live-Vertonungen begleitet und von Martin Girod, Kurator des Festivals, gewissenhaft eingeführt.

Seit Jahrzehnten relativ grosse Festivals wie Le giornate del cinema muto in Pordenone, Il cinema ritrovato in Bologna oder das San Francisco Silent Film Festival haben viele Perlen gezeigt. Diese Festivals sind auch ausserhalb der Kreise von SpezialistInnen populär geworden, es bleibt jedoch schwierig für alle, solche Veranstaltungen zu besuchen. Deswegen ist es wichtig, dass sich Kinos wie das Filmpodium dafür engagieren und regelmässig Stummfilme zeigen. Der Stummfilm braucht ein Kino, Livemusik und eine besondere Atmosphäre, um vom Publikum genossen werden zu können. Das Schauen des Stummfilms auf DVD oder als Streaming ist selten genug. Die Projektion sollte wie ein Ritual, eine einmalige Performance organisiert werden.

Die Filmvorführung von Shooting Stars (1928), welcher das British Film Institute 2015 restaurierte, hat diese Erwartungen völlig erfüllt. Der Film wurde von Günter Buchwald mit Klavier und Violine und von Bruno Spoerri mit drei Saxophonen (Tenor-, Alt- und Sopraninosaxophone) und einen elektronischen Instrument, dem Lyrikon, begleitet. Ersterer ist als regelmässiger Gast des Filmpodiums bereits bekannt, Bruno Spoerri hingegen nicht. Die Musiker haben ein perfektes Zusammenspiel gefunden und den optische Rhythmus des Filmwerks hervorgehoben. Sie haben auch den kontinuierlichen Wechsel zwischen intra- und extradiegetischer Musik mit Virtuosität wiedergegeben.

Shooting Stars ist in der Tat in der Filmwelt selbst angesiedelt. Es handelt sich um eine Geschichte eines Dreiecksverhältnisses in einem britischen Filmstudio. Viele Szenen sind im Aufnahmestudio gedreht und zeigen oft ein kleines Orchester am Werk. Die Musik war damals wichtig für die SchauspielerInnen am Drehort, um die richtige Art und Weise der Performance zu finden. Allgemein gesehen ist der Film eine satirische Darstellung des Star Systems und des Ruhms. Er spielt mit der Faszination des Publikums für das private Leben der Kinostars sowie deren Mythos, der gleichzeitig dekonstruiert wird. Der Film war damals ein grosser Erfolg und einer der wenigen populären Stummfilme aus Grossbritannien. Dieses Land spielte in der Tat eine wichtige Rolle am Anfang der Filmgeschichte mit der sogenannte „School of Brighton“ (1896-1910), eine Gruppe von Pionieren, welche nahe dem Seebad in Brighton aktiv war. Sie hatte aber viel weniger Macht als die Filmindustrie in den Zehner und in den Zwanziger Jahren. Mit diesem Film wurde die Karriere von Antony Asquith, dem ungenannten und debütierenden Regisseur des Films, lanciert.

Text: Mattia Lento
First published: February 13, 2017

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