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Sparrows

[…] Wie ein aus dem Nest gefallener Vogel kommt einem der 16-jährige Ari vor, der die Hauptrolle trägt und eine göttliche Stimme hat.

[…] Es geht auch nie um die Frage der Moral, sondern lediglich um das Erzählen der Möglichkeiten des “Jeder-für-sich” und der des “Mit-einanders”, was das Menschsein eben ausmacht.

[…] Rúnar Rúnarsson findet immer die nötige Distanz, den richtigen Ausschnitt, ist präzise und bleibt subtil.

Wie ein aus dem Nest gefallener Vogel kommt einem der 16-jährige Ari vor, der die Hauptrolle trägt und eine göttliche Stimme hat. Der Titel Sparrows (Spatzen) könnte nicht treffender für das Programm des Films stehen. Der Jüngling, nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsener, muss gegen seinen Willen von der Hauptstadt Reykjavik in den öden Nordwesten von Island zu seinem Vater umziehen. Hier scheint es neben der unwirtschaftlichen Natur nichts anderes zu geben als Besäufnis, Sex und Drogen. Ari steht mit hängenden Schultern und milchweissem Gesicht hilflos und verloren in dieser Welt. In sein Gesicht lässt sich so vieles reinprojizieren, die feinen Regungen um seinen Mund und die Bewegungen der Augen wiederum beeinflussen unsere Interpretation. An dieser Stelle sei das durchwegs, feinfühlige Schauspiel der Darsteller erwähnt, wie zum Beispiel Ingvar Eggert Sigurðsson als versoffener, überforderter Vater und vor allem Atli Oskar Fjalarsson als Ari, dessen Verlust der “Jungfräulichkeit” er subtil und nuanciert umsetzt.

Zu seinem schweigsamen Vater, der mit seinen Freunden gerne ein Glas zu viel kippt, findet Ari keinen Draht. Neben der fast schon erdrückenden Einsamkeit und dem harten Ferien-Job in der Fischfabrik regen sich Gefühle, ein Aufblühen von Bedürfnissen nach körperlicher Zärtlichkeit. Zum Glück gibt es die Grossmutter. Sie bildet einen Zufluchtsort, eine Verbindung zu seinem früheren, beschützten Leben, indem sie ihm mit grosser Offenheit begegnet und gut heisst, wie die Dinge ihren Lauf nehmen. So hat sie zum Beispiel für Ari’s Mutter grosse Achtung, wie sie mutig ihr Leben meistert und versteht nur zu gut, weshalb es vor sechs Jahren zur Scheidung kam. Durch ihren plötzlichen Tod verschlimmert sich die Situation zwischen Vater und Sohn. Ersterer will Stellung beziehen und nimmt sich für eine erhoffte Wandlung zu viel vor. Und Ari hat noch den letzten Halt verloren. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, sich der inneren Wandlungen und äusseren Versuchungen hinzugeben.

Obwohl Sparrows eine Mischung aus bereits bekannten Themen von Coming-of-Age und Familien-Dramen zeigt, überzeugt der Film durch die überraschenden Wechsel zwischen harten Momenten und wunderbar, zarter Heiterkeit. Es geht auch nie um die Frage der Moral, sondern lediglich um das Erzählen der Möglichkeiten des “Jeder-für-sich” und der des “Mit-einanders”, was das Menschsein eben ausmacht. Die Stärke, neben dem Schauspiel, ist wohl auch die Regiearbeit von Rúnar Rúnarsson. Er findet immer die nötige Distanz, den richtigen Ausschnitt, ist präzise und bleibt subtil. Er inszeniert ohne unnötige Erklärungen und ohne viele Worte, gerade dadurch gelingt es uns, der inneren Psychologie seiner Personen sehr nahe zu kommen. Obwohl die Natur, die isländische Landschaft, keine Hauptrolle spielt, bildet sie doch den Unterton, das basso continuo. Es tut gut, Wind und Wasser zu sehen und auf Ari’s Gesicht zu spüren.

Dann ist da noch dieser himmlische Moment des Gesangs. Er hat schon symbolischen Charakter und steht am Anfang des Films. Man fragt sich, wie lange diese engelhafte Stimme Ari wohl noch gegönnt sei. Alles ist im Wandel, nichts ist dauerhaft, auch wenn es die Momente der Flucht des fast flügge gewordenen Vogels zurück unter die väterlichen Fittiche gibt, man weiss, es ist vorbei...

Text: Ruth Baettig

First published: September 17, 2016

Sparrows | Film | Rúnar Rúnarsson | ISL-DK-KR 2015 | 99’

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