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Song to Song

[…] Man kann dies als manieriert kritisieren, und tatsächlich bewegt sich Malick manchmal etwas gar nah am Rande einer unfreiwilligen Selbstparodie, insbesondere was sein Umgang mit Frauenfiguren betrifft. Man kann es aber auch – dies mein Vorschlag – für eines der interessantesten, bewegendsten und definitiv schönsten Experimente der neueren Filmgeschichte halten.

Terrence Malicks umstrittene drei letzte Filme, To the Wonder (2012), Knight of Cups (2014) und Song to Song (2017), operieren zwar noch unter dem Deckmantel des Erzählkinos, haben aber eigentlich nicht mehr allzuviel mit diesem zu tun. Die einzelnen Erzähleinheiten sind durch einen alles fragmentierenden Schnitt, der sich kaum je von narrativer Logik treiben lässt, sondern fast ausschliesslich emotionalen Assoziationsketten folgt, kaum mehr als solche erkennbar. Die berüchtigten Voice-Over-Stimmen – in Badlands (1973) und Days of Heaven (1978) noch (obschon stark subjektiviert) im Dienste der Erzählung, in The Thin Red Line (1998), The New World (2005) und The Tree of Life (2011) je nach Grad des Wohlwollens philosophisches Geraune oder vielstimmiges Panorama menschlicher Spiritualitäten – tragen in den neueren Werken so gut wie gar nichts mehr zum besseren Verständnis von Malicks poetischen Bilderwelten bei, sondern ähneln einem für Aussenseiter unverständlichen Selbstgespräch. Man kann dies als manieriert kritisieren, und tatsächlich bewegt sich Malick manchmal etwas gar nah am Rande einer unfreiwilligen Selbstparodie, insbesondere was sein Umgang mit Frauenfiguren betrifft. Man kann es aber auch – dies mein Vorschlag – für eines der interessantesten, bewegendsten und definitiv schönsten Experimente der neueren Filmgeschichte halten. Mit diesen drei Filmen – in Song to Song dabei am erfolgreichsten – lotet Malick nichts weniger als die Grenzen des narrativen Kinos aus.

Wie er es trotz dieser konsequenten Missachtung konventioneller narrativen Techniken schafft, eine solche Fülle, ja fast ein Übermass an Informationen über die erzählte Welt und über seine Figuren zu vermitteln, ist atemberaubend. Oder besser: die Sinne überwältigend. Fast nichts funktioniert hier über das gesprochene Wort. Weder die Dialoge noch das mäandrierende Voice-Over verraten viel darüber, worum es hier gehen soll. Nicht weiter erstaunlich, bedenkt man, dass die Filme alle ohne Drehbuch gedreht, sondern mehr oder weniger am Set und dann hauptsächlich im (mehrjährigen) Schnittprozess „gefunden“ wurden. Wie das genau aussieht, lässt sich nur schwer beschreiben, als sich die Filme grösstenteils auf einer aussersprachlichen Ebene abspielen. Da tauchen in Song to Song immer wieder auf: Hände, Berührungen und Blicke, Vogelschwärme und Gewässer, Architektur und Mode, Geschichte und Gegenwart, Moshpits und High Society, Patti Smith, Iggy Pop und Mahler – alles scheinbar wie beliebig durchmischt auf Bild- wie auf Tonspur. Und doch steht alles miteinander in Verbindung – jedenfalls lässt die Aufrechterhaltung des emotionalen roten Fadens, der in diesem Kaleidoskop der Eindrücke nie abzureissen droht, stattdessen in harmonische Schwingungen versetzt wird, keine anderen Schlüsse ziehen. Es ist eine Filmerfahrung, die, wenn man sich denn auf sie einlassen kann, einer mystischen Erfahrung schon recht nahe kommt.

Text: Dominic Schmid
First published: June 08, 2017

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