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Ruth Beckermann | Die Geträumten

[…] Das Wort und das Ringen um dieses war eine existentielle Kraft für Celan und Bachmann, und für uns wird diese auf den Gesichtern der beiden jungen Lesern – der Musikerin Anja Plaschg und des Schauspielers Laurence Rupp – sichtbar und hörbar.

[…] Die österreichische Filmemacherin liefert eine Anatomie der Verkörperung einer epistolaren Liebe.

Die Geträumten ist nicht nur eine Verfilmung der epistolaren Beziehung zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann, es ist auch ein ausserordentliches Experiment über Casting, und über Lesen, dessen Wiederspiegelungen und Reenactments. Ruth Beckermanns Entscheid, die Tonaufnahmen im Wiener Funkhaus zu drehen, ist die perfekte Art, Celans und Bachmanns Texte aufzuwerten, ihnen ein Gebäude zu geben und vor allem auf die Kraft des Wortes zu fokussieren. Das Wort und das Ringen um dieses war eine existentielle Kraft für Celan und Bachmann, und für uns wird diese auf den Gesichtern der beiden jungen Lesern – der Musikerin Anja Plaschg und des Schauspielers Laurence Rupp – sichtbar und hörbar. Sie öffnen einen Einblick in die Tiefen der Seelen der Geträumten. Ein Brief ist etwas Fiktives, Gedachtes, aber gleichzeitig eine Form der Vergegenwärtigung der Abwesenheit, eine physische Form der Distanz, eine geistige Form des Kontaktes. Mit einer eleganten, filmischen Arbeit erkundet Ruth Beckermann alle Schichten dieser Form: zwischen Lesung und Schauspiel, zwischen Fragen und Hören, zwischen Wörter und Stimmen, zwischen Geistigem und Körperlichem. Die österreichische Filmemacherin liefert eine Anatomie der Verkörperung einer epistolaren Liebe. Mit seiner sinnlichen Materialität ist der Film vielleicht eine Antwort zu Ingeborg Bachmanns Frage «Sind wir die Geträumten?» – «Nicht nur», möchte man antworten. Das Wort ist nicht nur die Umhüllung eines Traumes, sondern auch der Reiz des Körpers.

Text: Giuseppe Di Salvatore | Audio/Video: Ruth Baettig
First published: June 01, 2016

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