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Rex, Roxy, Royal

«Fragt man junge und altgediente FFA-Aktivisten, ob es nicht an Masochismus grenze, ein Kino mit Vollprogramm bei der heutigen Filmschwemme überhaupt noch in Freizeitarbeit zu betreiben, so fällt die Antwort einmütig aus: Kein Preis sei zu hoch für die Freiheit.»

«Il s’en est passé des choses au Capitole. La légende dit que plusieurs Lausannois y ont été conçus, leurs parents profitant de l’intimité offert par les petites loges situées à l’arrière du parterre pour se dérober aux yeux des autres spectateurs.»

Photos: © Oliver Lang

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«Cinema is not dead» – das war der Slogan auf den T-Shirts und Screeners der diesjährigen Internationalen Kurzfilmtage Winterthur. Und der von Sandra Walti und Tina Schmid herausgegebene Reiseführer Rex, Roxy, Royal bezeugt nun die Lebendigkeit der Schweizer Kinosäle auch materiell. Das Buch bietet eine Entdeckungsreise in einem wenig bekannten Kulturgut. So betrachtet, zeigt dieses Buchprojekt den gleichen “explorativen” Geist von Filmexplorer, der seinerseits eine andere Kartographie der Schweizer Kino- und Kulturlandschaft immer wieder neu zeichnet.

In vorliegenden Reiseführer Rex, Roxy, Royal, der das kulturelle Engagement der Arthouse-Kinos bevorzugt, finden wir nicht nur besondere Architekturen, sondern auch unglaubliche Geschichten, aus denen immer die gleiche Leidenschaft fürs Kino ausstrahlt. Es finden sich unkonventionelle Unternehmer, kollektive Initiativen fürs Kino, oder familiäre Unternehmen, die sich zu Kinodynastien entwickelten. Die Geschichte der Kinosäle war immer eine Frage von Widerstand und Visionen. Die Liebe der Cinéphilen für ihre Tempel ist bekannt, so haben unzählige Filme die Kinosäle porträtiert: Buio in sala von Dino Risi, The Last Picture Show von Peter Bogdanovich, Im Lauf der Zeit von Wim Wenders, The Purple Rose of Cairo von Woody Allen, Himmel oder Hölle von Wolfgang Mürnberger, Cinema Paradiso von Giuseppe Tornatore, um nur ein paar Titel zu geben.

Filmexplorer hat nun eine eigene Reise durch die 111 Kinoporträts aus Rex, Roxy, Royal gemacht. Entstanden ist dabei eine Art persönliches Tagebuch mit Notizen aus den vorliegenden Autorentexten, die sicher zum Weiterlesen animieren:

[…] Le Lux s’agrandit, et connaît une capacité d’accueil allant jusqu’à 165 spectateurs. À cette époque, il arrive que Madame Etienne doive consoler les enfants venus assister aux séances de l’après-midi, leur offrant des tartines à la cuisine de son appartement situé au premier étage. (Cinélux, Genève, lv)

[…] Portant encore les traces de la mouvance culturelle qui l’a vu naître, la salle du Spoutnik se présente comme un cinéma unique et pas seulement dans le paysage genevois. Au sein de l’Usine, il accueille les spectateurs à l’étage dans des sièges et des canapés dépareillés, signe d’une structure autogérée et d’un amour pour la différence. (Spoutnik, Genève, lv)

[…] Il s’en est passé des choses au Capitole. La légende dit que plusieurs Lausannois y ont été conçus, leurs parents profitant de l’intimité offert par les petites loges situées à l’arrière du parterre pour se dérober aux yeux des autres spectateurs. […] Celle que tous les cinéphiles appelaient affectueusement Mademoiselle Schnegg était partout – aussi bien à la caisse qu’au bar, ou en train de faire repartir une chaufferie capricieuse – et avait toujours un mot gentil pour chaque spectateur. (Le Capitole, Lausanne, sg)

[…] Son modèle a beau être alternatif – les spectateurs sont assis sur des chaises pliables et il utilise un mur blanc en guise d’écran –, le public est au rendez-vous, à tel point que les distributeurs commencent à le courtiser pour qu’il reprenne les films d’auteurs refusés par les multiplexes. En 2005, le Zinéma devient le plus petit miniplexe de Suisse. (Zinéma, Lausanne, sg)

[…] En 1953, le Rex s’équipe du Cinémascope. À cette époque, Charlie Chaplin s’est fraîchement établi dans la région et visite parfois le cinéma avec sa famille. Il se sert même du Rex pour travailler sur les partitions originales de certains de ses films précédents dont The Kid et The Circus. Debout sur le parapet, il bat la mesure en tapant sur la barre métallique avec des cuillères afin d’indiquer la trame musicale à son arrangeur Eric James. (Rex, Vevey, lv)

[…] Un vicaire – l’Abbé Fischer – aidé par son complice Lucien Genoud, organise secrètement des projections sous la cure grâce à un équipement acheté en Allemagne – l’Abbé doit alors souffler sur la pellicule pour la refroidir. Le curé doyen découvre le pot aux roes une année plus tard, en 1922, mais n’interdit pas pour autant ces projections clandestines. (Sirius, Châtel-Saint-Denis, lv)

[…] Le plafond étoilé, le «ciel de Tramelan», brille de sa constellation faite de fibres optiques qui, selon les dires amusés de Daniel Chaignat, laisserait à penser que la salle serait un open-air permanent. (Le cinématographe, Tramelan, lv)

[…] Das mondäne Interieur mit der azurblauen Bestuhlung und dem glamourösen Sternehimmel ist das Werk einer italienischen Firma aus Bergamo, die sich auf die Ausstattung von Kreutzfahrtschiffen spezialisiert hat. […] Es sind die sorgfältig gepflegten nostalgischen Details, welche das Grünegg so kostbar machen. So wurde im Saal das Kästchen erhalten, mit dem man beim Operateur per Knopfdruck eine technische Störung reklamieren kann: lauter, leiser, unscharf – für jede Reklamation ein eigener Knopf. (Grünegg, Konolfingen, mm)

[…] Das Central ist das erste Kellerkino der Schweiz. […] Doppelt versteckt – in der Passage und von dort nochmals zwei Treppen abwärts – hat dieses Kino eine Aura des Dunkeln, Verbotenen, des Aufregenden und Anrüchigen. Wiederkehrende Gerüchte über eine baldige Schliessung verstärken die Atmosphäre. (Central, Basel, spe)

[…] Die hellbrauenen Lederstühle waren so schlicht wie hart, sie waren zum Sitzen, nicht zum Liegen gedacht. […] Der Architekt Rolf Gutmann hatte bei der Eröffnung 1979 mit einer ans Centre Pompidou gemahnenden Werkstatt einen Gegenentwurf zur üblichen plüschig-verträumten Kino-Innenarchitektur gesetzt und gab damit zu verstehen: Hier ist der Film nicht Eskapismus, sondern eine ernsthafte künstlerischen Angelegenheit. (Atelier, Basel, spe)

[…] Wie Burger Joint in New York hätte Küchlins Saal 1 dem neuesten Geschäft weichen soll, und wie jener existiert dieser nur noch dank des Protests Tausender von Basler Bürgern. 15.000 unterschreiben 1989 eine Petition zur Erhaltung des Saals. […] Das Küchlin, von den Baslern liebevoll «Kiechli» genannt, war in den zwanziger und dreissiger Jahren in ganz Europa als eines der besten und schönsten Varieté-Theater bekannt. (Küchlin, Basel, spe)

[…] Fragt man junge und altgediente FFA-Aktivisten, ob es nicht an Masochismus grenze, ein Kino mit Vollprogramm bei der heutigen Filmschwemme überhaupt noch in Freizeitarbeit zu betreiben, so fällt die Antwort einmütig aus: Kein Preis sei zu hoch für die Freiheit. (Freier Film, Aarau, afu)

[…] «Ins Kino gehen und Filme anschauen, das ist wie mit dem Flugzeug abheben und in einer anderen Welt zu landen», findet Rolf Häfeli. Gesagt, getan. Der umtriebige Geschäftsführer des Cinema 8 baute ein Einsaalkino in einer ehemaligen Lagerhalle im Suhrental mit viel Liebe zum Detail aus und verwandelte das Areal in ein Flughafenzentrum. (Cinema 8, Schöftland, cm)

[…] Architektonisch besonder gelungen ist die Platzierung: der Cameo-Neubau wurde elegant unter ein bestehendes Lagerhallendach geschoben. […] Das Cameo versteht sich als ein Kinolabor. Wie zur Film-foyer-Zeit zeigt es Zyklen zu Personen und Themen, inzwischen aber auch Premieren von Arthouse-Filmen, die in kommerziell orientierten Kinos immer weniger Platz haben. (Kino Cameo, Winterthur, cm)

[…] Idyllischer und stiller ist kein Lichtspielsaal gelegen, und dies in einem geschichtsträchtigen Riegelbau nah an der Brücke, in dem angeblich schon Napoleons Offiziere genächtigt habe. […] Zum Erfolg trug der vom Kleinkino in seiner Region begeisterte Schaffhauser Schauspieler Mathias Gnädinger persönlich bei; so sorgte er kurz vor seinem Tod noch dafür, dass sain letzter Film Der grosse Sommer 2016 im Schwanen startete – vor allen anderen Kinos im Land. (Schwanen, Stein am Rhein, mel)

[…] Einen grossstädtisch anmutenden Kinobau, wie er auch in Berlin stehen könnte, würde man in der kleinen Thurgauer Kantonshauptstadt nicht erwarten. Ein Zufall ist das allerdings nicht. Denn für den cool-kühnen Betonbau zwischen Bahnhof und Lindenpark zeichnen die renommierten Frauenfelder Architekten Staufer & Hasler verantwortlich, die auch die modernen Zürcher Kinos Riffraff und Houdini gestaltet haben. (Luna, Frauenfeld, mel)

[…] Die Sitzpolster sind mit marokkanischenm Schafleder überzogen und durch hölzerne Armstützen getrennt. Die aus Lehm gestampften Wände geben dem Ganzen einen archaischen Touch: eine Mischung aus Bündner Bergkapelle und afrikanischer Lehmhütte. (Sil Plaz, Ilanz/Glion, tu)

[…] Il Corso di Lugano è la cattedrale di Chartres delle sale della Svizzera italiana. […] L’acustica, oggetto di un approfondito studio da parte dello studio Tami, viene risolta attraverso una forma trapezoidale che contribuisce al particolarissimo colpo d’occhio. (Corso, Lugano, mz)

[…] Leggenda narra che siano stati gli inventori del cinematografo in persona, Auguste e Louis Lumière, a suggerire ai circensi fratelli Morandini, acrobati attivi in Francia, di dare ai loro cugini che abitavano in Svizzera le dritte per creare un primo cinema. Accade a Lucerna, dove Arturo e Attilio Morandini aprono il Kinematograph Pathé e in seguito costruiscono il Capitol. Con loro in quell’avventura c’è un altro cugino, Giovanni, che fa l’operatore. È lui che dopo vari spostamenti – a Brunnen, a Bellinzona – arriva a Mendrisio e pone le basi per una dinastia di esercenti che si avvia ora verso la quinta generazione. (Teatro, Mendrisio, mz)

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Authoren der Texten: mel: Marcel Elsener; afu: Andreas Furler; mg: Martin Girod; sg: Stéphane Gobbo; cm: Cornelia Meyer; mm: Marcel Michel; spe: Susanna Petrin; up: Ursula Pfander; tu: Ursina Trautmann; lv: Loïc Valceschini; mz: Marco Zucchi

Text: Ruth Baettig
First published: December 15, 2016

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