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Marja Helander | Kurzfilmtage Winterthur

[…] Das Trampolin sei eine Last, von der sie hoffe, dass es ein bisschen Freude in ihre Leben bringe, eine Referenz an das moderne Zeitalter. Gleichzeitig könne es aber auch als Gefängnis gesehen werden, sagt sie selbst über das titelgebende Objekt.

« […] Meine Kunst ist weniger direkt und spricht nicht alles aus. Ich mag den Humor und die absurde Komik und versuche, dies in meiner Kunst einzubringen.»

[…] Kolonialisierung und Christianisierung sowie Gesetzte, welche die Sámi in allen Staaten schlechter stellten als die restliche Bevölkerung, ein Verbot ihrer Sprache und der Bau von Minen, Staudämmen und Industrieanlagen verunmöglichten die Aufrechterhaltung ihrer traditionellen Lebensweise, zwangen viele Sámi zur Abwanderung aus ihrem Gebiet und zur Anpassung an die Kulturen, die sie kolonialisierten, und einen Verlust ihrer kulturellen Identität.

Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur stellten dieses Jahr den Norden Europas – Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark und Island – ins Zentrum. In dieser Region leben auch die Sámi, das einzige indigene Volk Europas. Die Videokünstlerin und Fotografin Marja Helander hat eine finnische Mutter und einen Sámi-Vater. Ihre Werke waren in den verschiedensten Ländern auf allen Kontinenten in Einzel- und Sammelausstellungen zu sehen. Sie setzt sich immer wieder mit ihrer eigenen Identität als Sámi, aber auch mit der politischen Situation ihres Volkes auseinander.

In Winterthur zu sehen war der Film Trambo, eigentlich als Videoinstallation gedacht. In dreieinhalb Minuten und mit wenigen Elementen bringt sie die Situation auf den Punkt: Wir sehen eine Frau in Sámi-Tracht – es ist Marja Helander selber – in einer einsamen, verschneiten, nördlichen Landschaft. So weit, so stimmig und dem Klischee entsprechend. Doch es gibt eine Irritation bei der Sache: Die Frau schleppt ein Trampolin hinter sich her, ein Ding, das aus einer anderen Welt zu kommen scheint und mitten in der Schneelandschaft deplatziert wirkt. Es durch den Schnee zu schleppen, kostet denn auch sichtlich Kraft. Die Frau stellt es hin, steigt auf und springt. Man sieht die Anstrengung, aber auch die Freude, die es bereitet. Die Tracht behindert nicht direkt, ist aber offensichtlich auch nicht für diese Tätigkeit gemacht. Das Sicherheitsnetz um das Trampolin schützt sie, trennt sie aber auch von der Welt. Sie steigt wieder ab und zieht das Trampolin aus dem Bild. Die dreieinhalb Minuten sind als Videoinstallation gedacht, die in einem Ausstellungsraum im Loop läuft. In Winterthur war der kurze Film Teil des Programms „This is me“, das nach nordischen Identitäten oder mindestens Fragmenten davon suchte.

Das Trampolin sei eine Last, von der sie hoffe, dass es ein bisschen Freude in ihre Leben bringe, eine Referenz an das moderne Zeitalter. Gleichzeitig könne es aber auch als Gefängnis gesehen werden, sagt sie selbst über das titelgebende Objekt. Ein Publikum, das mit der Sámi-Tradition vertraut sei, könne in der runden Form auch einen Verweis auf die rituelle Sámi-Trommel sehen. Im Rahmen eines Programms, das explizit nach Identität fragt, erhält der Film jedoch auch die Möglichkeit einer positiveren Deutung: Eine selbstbewusste Sámi, die in ihrer Landschaft tut, wozu sie Lust hat, und sich nicht darum schert, was andere davon halten. Auf jeden Fall sind es dreieinhalb Minuten, in denen Tradition und Moderne in einem in seiner Absurdität grossartigen Bild aufeinandertreffen. Filmexplorer hat die Künstlerin getroffen.


Senta van de Weetering (SW): Marja Helander, stellst Du in verschiedenen Ländern unterschiedliche Reaktionen auf Deine Werke fest?

Marja Helander (MH): Ja, im Ausland wissen die Leute wenig über die Sámi-Kultur, und das erschwert das Verstehen manchmal. Ein englischer Kurator hat mir einmal ganz offen gesagt, er begreife meine Werke nicht. Zu Menschen aus der Sámi-Kultur sprechen die Werke natürlich anders, weil es Zeichen gibt, deren Bedeutung nur sie verstehen. Manchmal ist es für andere Betrachter zum Beispiel nicht möglich, Ironie zu erkennen. Zuletzt habe ich eine grössere fotografische Arbeit über die riesigen Minen auf Sámi-Gebiet gemacht, die das Land zerstören. Dabei geht es nicht um meine Performance, sondern um die industrialisierte Landschaft. Dadurch sind die Fotografien international leichter verständlich und sprechen zu einem grösseren Publikum.

SW: Wie gut sind Sámi-Künstler und auch Filmemacher untereinander vernetzt?

MH: Wir sind wenige. Die Künstler sind in der Sámi Artist’s Union organisiert, für die Filmemacher gibt es das International Sámi Film Institute in Guovdageaidnu, Norwegen, und im finnischen Inari gibt es ein Sámi Filmfestial. Dann gibt es eine jüngere Generation von Künstlern und Filmemachern, die ich persönlich weniger gut kenne. Sie sind viel direkter politisch als meine Generation. Ich mag ihre Arbeit und denke auch, dass sie wirklich mutig sind. Sie machen Graffiti und Poster mit klaren politischen Aussagen, da sind sie sehr direkt. Sie tun das viel besser, als ich es könnte. Meine Kunst ist weniger direkt und spricht nicht alles aus. Ich mag den Humor und die absurde Komik und versuche, dies in meiner Kunst einzubringen.

SW: Ist denn deine Auseinandersetzung mit der Identität als Sámi, die, wie viele, im Süden Finnlands aufgewachsen sind, nicht ebenfalls politisch?

MH: Doch, aber ich fühle mich mehr als Künstlerin denn als Aktivistin. Darum versuche ich, mein Werk für Interpretation offen zu halten. Ich möchte, dass es verschiedene Schichten gibt und auch verständlich ist, wenn man nicht viel über unsere Kultur weiss. Ich bin im Süden Finnlands aufgewachsen, in Helsinki, nicht im Sámi-Gebiet. Damit stehe ich nicht allein, wir haben sogar eine Organisation, City-Sámi. Nach der Ausbildung, als ich etwa 25 war, fing ich an, mich intensiver mit dem Thema meiner eigenen Identität auseinanderzusetzen. Offiziell bin ich Sámi, ich habe auch den entsprechenden Ausweis. Aber ich habe mich gefragt, ob es ausreicht, dass mein Vater Sámi ist, wenn ich selber nie in dieser Kultur gelebt habe. Aber irgendwann war dann auch für mich selber klar, dass ich eine Sámi bin. Das sichtbar zu machen, hat natürlich an sich schon etwas Politisches.

SW: Sprichst Du die Sprache?

MH: Als Kind habe ich sie nicht gelernt. In den Siebzigerjahren war man der Meinung, ein Kind solle nur eine Sprache lernen, weil es sonst keine richtig lernt. Ich gehöre zu dieser Generation, die ihre Sprache verloren hat. Heute gibt es Sámi-Kindergärten, in denen die heutigen Kinder die Sprache zurückerobern können. Ich habe es später gelernt. Heute verstehe ich Sámi ziemlich gut, spreche aber nicht fliessend, was für mein nächstes Projekt problematisch ist. Bis jetzt war in meiner Videokunst nie Dialog enthalten. Aber jetzt denke ich über ein Projekt mit Dialog nach. Da stellt sich für mich die Frage, ob ich Finnisch oder Sámi sprechen soll. Wenn ich es in Sámi tue, muss ich wirklich trainieren, und vielleicht bekomme ich nicht alle Zwischentöne hin. Oder möglicherweise muss ich mit einer Schauspielerin arbeiten.

SW: Hast Du bisher schon mal mit Schauspielern gearbeitet?

MH: Nein, bisher nicht. Ich mache zur Zeit einen Film über zwei Sámi Balletttänzerinnen. Das ist eine Neuerung, denn hier geht es nicht um mich, sondern um die beiden Protagonistinnen. Meine neuen Arbeiten sind zwar immer noch konzipiert, um in einer Galerie im Loop zu laufen, aber sie werden ein bisschen narrativer. Ich bin jetzt 51 und in einer wirklich kreativen Stimmung. Es ist aufregend, neue Wege zu entdecken.


Die Sámi sind das einzige indigene Volk Europas. Ihr Lebensraum erstreckt sich von Norwegen über Schweden und Finnland bis hin zur Barentsee in Russland. In diesem Gebiet lebten sie mehrheitlich als nomadische Renntierzüchter, zum Teil jedoch auch als sesshafte Bauern oder Fischer. Kolonialisierung und Christianisierung sowie Gesetzte, welche die Sámi in allen Staaten schlechter stellten als die restliche Bevölkerung, ein Verbot ihrer Sprache und der Bau von Minen, Staudämmen und Industrieanlagen verunmöglichten die Aufrechterhaltung ihrer traditionellen Lebensweise, zwangen viele Sámi zur Abwanderung aus ihrem Gebiet und zur Anpassung an die Kulturen, die sie kolonialisierten, und einen Verlust ihrer kulturellen Identität. In vielem gleicht ihr Schicksal demjenigen anderer indigener Völker in der ganzen Welt. Der wichtigste Diskussionspunkt ist auch für die Sámi nach wie vor die Frage, auf dem sie ursprünglich lebten. Denn von den Minen und Staudämmen, die das Land und damit ihre Lebensgrundlage zerstören, profitiert wie überall nicht die indigene Bevölkerung, sondern die Investoren. Die Sámi leben heute quasi als Minderheit im eigenen Land.

Text: Senta van de Weetering

First published: November 22, 2016

Marja Helander | Interview | Internationale Kurzfilmtage Winterthur

Trambo | Short | Marja Helander | FIN 2014 | 3' | Internationale Kurzfilmtage Winterthur

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