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Longing for the Future

[…] Fofana entschuldigt sich für die Aufnahmequalität – und ich möchte mich am liebsten davonstehlen. Wieder einmal entpuppt sich der europäische Blick als Massstab, an dem sich alle orientieren, auch wenn die Hintergründe ganz unterschiedlich sind.

[…] Weitere Stimmen kommen hinzu, vermischen sich mit den Umgebungsgeräuschen zu einer Collage. «Was nützen dir deine Diplome? Sei flexibel! Für einen guten Job brauchst du Beziehungen.» Die Aussagen könnten genauso gut aus dem Leben einer Studienabgängerin in Zürich stammen.

Welt durch die Linse

Eine staubige Strasse, ein Schussloch in der Windschutzscheibe, ein wackliges Armaturenbrett: Wir fahren durch die Strassen Bamakos, und ich frage mich, ob die Aufnahme absichtlich so schlecht gemacht ist, warum richtet sich mein Blick auf den schwarzen Kunststoff am unteren Bildrand statt auf die Strasse?

Wir sind mit Niagalé unterwegs in der Hauptstadt Malis, unterwegs in ein neues Leben – vermeintlich, denn Niagalé wird nicht wie geplant die Universität besuchen können. Die Freunde ihrer Eltern werden sie als Putzfrau und Köchin im Haus behalten wollen. «La vie de Niagalé» von Djènebou Sidibé ist einer von acht Kurzfilmen von Nachswuchsfilmschaffenden aus Mali, die an diesem Abend im Neuen Kino Basel präsentiert werden. Sie zeigen die Auseinandersetzung von jungen Menschen mit ihren Zielen und möglichen Zukunftsperspektiven in diesem westafrikanischen Land.

Was hat das mit mir zu tun?

Nach der Vorstellung tritt Bouna Chérif Fofana von der Union National des Cinéastes du Mali (UNCM) vor das Publikum. Er ist auf Einladung des Zentrums für Afrikastudien der Universität Basel hier: Die Kurzfilmreihe ist Teil eines Vermittlungsprogramms zum ethnologischen Forschungsprojekt «Construire son Avenir». Dieses widmet sich der Frage, wie Studienabgänger in Mali (und Burkina Faso) mit der ungewissen Aussicht auf eine Anstellung angesichts der prekären ökonomischen und politischen Lage im Land umgehen.

Fofana entschuldigt sich für die «schlechte Aufnahmequalität» der Filme – und ich möchte mich am liebsten davonstehlen. Wieder einmal entpuppt sich der europäische Blick als Massstab, an dem sich alle orientieren, auch wenn die Hintergründe ganz unterschiedlich sind. Ich finde solche Situationen unerträglich, weil sie einen doppelt entlarven: Im eben Gedachten und dem paternalistischen Impuls, der Aussage des Gastes wohlwollend zu widersprechen.

Die desolaten Zustände auf dem Campus in Bamako, die Adama Mallé in seinem Beitrag «Le Trajet» zeigt, die Geschichten von Menschen, die vor dem Dschihad im Norden Malis flohen («Qu’ai je fait?» von Rokia Fofana), das Porträt eines Musikers («Kodor» von Ibrahim Touré) – was gehen sie mich an? Ich erschrecke über den Gedanken. Noch vor wenigen Jahren war der Besuch solcher Filmabende für mich selbstverständlich gewesen. Das Leben auf anderen Kontinenten hatte mich stets interessiert, ich fand es richtig und wichtig, mich damit auseinanderzusetzen. Bin ich mit 30 schon so müde geworden? Ich bleibe.

Das Eigene im Anderen

Bouna Chérif Fofana spricht jetzt über die Ausbildung junger Filmschaffender in Mali, für deren Institutionalisierung und Professionalisierung sich die UNCM einsetzt. Er spricht über die malischen Fernsehsender, die nur Produktionen aus Nollywood kaufen (der Filmindustrie Nigerias, nach Indien die weltweit grösste) und kein Interesse am heimischen Filmschaffen zeigen. Und er spricht über die Vorteile digitaler Produktions- und Vertriebsmöglichkeiten, die für Demokratisierung sorgen, aber noch keine Existenz sichern.

Und mir geht auf, dass es hier um die Suche nach einem eigenen Zugang geht.

Das Vermittlungsprojekt «Longing for the Future» kommuniziert nicht einseitig Forschungsergebnisse aus Sicht eines Schweizer Studienteams, sondern lässt die junge westafrikanische Generation ihre Lebenswirklichkeit in eigenen Bildern zeigen. Damit schliessen die Initiantinnen Noemi Steuer und Michelle Engeler an eine Erkenntnis aus der Writing Culture-Debatte ihres Faches an: Feldforschungsberichte schaffen Welten – genauso, wie dies Film, Fotografie oder Literatur tun. Was dargestellt wird, ist nie rein objektiv, sondern geprägt vom eigenen Wissensstand, von Wertevorstellungen und Erkenntnisinteressen, die sich – filmisch gesprochen – im Drehbuch, der Kameraeinstellung und den Dialogen niederschlagen.

Mit diesem Umstand hat sich die Ethnologie ab den 1970er-Jahren intensiv auseinandergesetzt; konfrontiert mit dem Vorwurf, das «Fremde» zu exotisieren und so den kolonialen Blick zu verlängern. Das Risiko besteht freilich auch bei einer Weitergabe von Autorschaft: Wenn Nachwuchsfilmschaffende aus Mali in der Schweiz ihre Produktionen zeigen, dann braucht es Vermittler wie Bouna Chérif Fofana, die den Entstehungskontext mit ins Licht rücken. Welche Diskussionen mögen die Studierenden geführt, welche Überlegungen sich gemacht haben, als sie die Szenarien für ihre Kurzfilme entwickelten?

Konfrontation mit der (Un-) Gewissheit

Eine zusätzliche Perspektive auf das Gesehene erschliesst sich beim Besuch der Ausstellung «Was werden wird» im Museum der Kulturen Basel. Es bildet das Kernstück des vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Projekts: Mit seinem Förderinstrument AGORA will der SNF die Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm holen und in einen Dialog mit der breiten Öffentlichkeit bringen. Wie also denken junge Menschen an der Schwelle zum Berufsleben über ihre Zukunft?

Der Frage sind die beiden Doktorandinnen Maike Birzle und Susann Ludwig in ihrer Forschung in Mali und Burkina Faso nachgegangen. Fotografiestudenten aus Bamako und Zürich haben das Thema daraufhin visuell umgesetzt. Im Museum verbindet ein Audio-Rundgang ihre Bilder mit den O-Tönen aus Forschungsinterviews.

Ich stülpe mir die Kopfhörer über und versetze mich in die Rolle von Rokiatou. Stehe mit ihr auf, hole Wasser im Innenhof, bereite das Frühstück zu, setze mich auf den Roller, fahre zur Uni. Und halte plötzlich irritiert inne. «Schon während deines Studiums hast du Praktika absolviert», sagt die Stimme im Hörer, «du hast für eine Hilfsorganisation gearbeitet und Befragungen durchgeführt.» Weitere Stimmen kommen hinzu, vermischen sich mit den Umgebungsgeräuschen zu einer Collage. «Was nützen dir deine Diplome? Sei flexibel! Für einen guten Job brauchst du Beziehungen.» Die Aussagen könnten genauso gut aus dem Leben einer Studienabgängerin in Zürich stammen. «Eine erwachsene Frau, für die es nun Zeit wird, ihren Platz zu finden. Jemand zu werden. Und das nicht nur in beruflicher Hinsicht. Daran musst du jetzt denken, immer öfter: Jemand werden.»

Ich hatte es zynisch gefunden, die Gemeinsamkeiten hervorzuheben, die junge Erwachsene in Mali, Burkina Faso und der Schweiz verbinden, als ich den Ankündigungstext zur Ausstellung las. Jetzt stosse ich im Museum auf zwei berührende Porträts von Schweizerinnen: Zeugnisse davon, wie es sich mit Panikattacken und massiven Geldsorgen in einer Gesellschaft lebt, in der alles möglich ist, in der von einem erwartet wird, einfach glücklich zu sein. Hoffnungen und Blockaden verweben sich hier wie dort zum Stoff von vielschichtigen Biografien.

Standpunkte verrücken

Jene Kurzfilme im Neuen Kino Basel haben eine Generation gezeigt, die nachdenklich und kritisch ist, die einer Überzeugung folgt, die gelernt hat, aus schwierigen Umständen Erfahrungen zu destillieren, die sie vorwärts führen. Niagalé wartet nicht auf den Prinzen, sondern macht allen Widerständen zum Trotz ihr Diplom. Mehrere Geschichten handeln von der unermüdlichen Suche nach einem Job, von der Bereitschaft, Verantwortung für die Familie zu übernehmen und – «Pourquoi pas?» (Mahamadou Diarra) – sogar von der Gründung eines eigenen Müllabfuhrunternehmens.

Es sind Eindrücke, die den massenmedial vermittelten Bildern von trägen Wirtschaftsflüchtlingen widersprechen, die in der Migration nach Europa ihren ersten, einzigen, einfachsten Ausweg sehen.

Und so bleibt die Erkenntnis, dass es sich lohnt, Irritation auszuhalten – weil das Ungewohnte immer auch Aufschluss über das Bekannte gibt. Wenn Wahrnehmungsräume sich globalisieren, sind Erzählformen und Vermittlungsformate gefragt, die andere Lebensrealitäten auf konstruktive Weise mit der eigenen in Verbindung bringen. Der Film ist eines der wirkungsmächtigsten, aber auch sensibelsten Mittel dazu.

Text: Jacqueline Beck

First published: May 18, 2016

Longing for the Future | Multimedia Project between Switzerland, Burkina Faso, Mali | Research, Exhibition, Soirée Film, Theatre, Performance | Short Films from Mali: Neues Kino Basel

Longing for the Future

Centre for African Studies Basel (CASB),University of Basel

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