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Konzertanter Filmabend | Aurelio Buchwalder & Jannik Giger

[…] Der Abend wollte als performatives Ganzes verstanden sein und nicht als Vorführung von zwei Filmen mit einem Klavier als Intermezzo.

[…] In «Schwemmgut» wurde ohne grosse Recherchen und ohne viel Vorwissen gedreht, der Flussverlauf des Pos diente als Konzept, als Leitplanke und wurde im Verlaufe des Arbeitsprozesses zum heimlichen Protagonisten.

[…] Der Videokünstler und Komponisten Jannik Giger zeigt in seinem Film einen absichtlich gestörten Kompositionsprozess ausgehend von unvollendeten Piano-Miniaturen des tschechischen Komponisten Leoš Janáček.

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Das Stadtkino Basel lud zum konzertanten Filmabend ein, welcher nach dem Konzept der beiden Basler Filmschaffenden Aurelio Buchwalder und Jannik Giger gestaltet wurde. Die Neugierde war gross, die Erwartung hoch. Auf die musikalische Einführung der georgischen Pianistin Tamriko Kordzaia folgte erst Schwemmgut vom Filmemacher Aurelio Buchwalder. Nach einem Intermezzo mit musikalischen Miniaturen auf dem Piano wurde im Anschluss Intime Skizzen vom Videokünstler und Komponisten Jannik Giger gezeigt. Beide Werke feierten ihre Basler Premiere.

In Schwemmgut wurde ohne grosse Recherchen und ohne viel Vorwissen gedreht, der Flussverlauf des Pos diente als Konzept, als Leitplanke und wurde im Verlaufe des Arbeitsprozesses zum heimlichen Protagonisten, sagt Buchwalder. So entstand eine Ansammlung von filmischen Bildern, in denen Personen, Geschichten und Fotografien verbunden mit Landschaftsaufnahmen gezeigt werden. Schwemmgut im wahrsten Sinne des Wortes... Dabei spielt Vergangenheit und Gegenwart eine bedeutsame Rolle. Laut Buchwalder soll das ganze Vorhaben als Versuchsanordnung zur persönlichen Annäherung an einen geografischen Raum verstanden werden. Er selbst hat italienische Wurzeln. Man spürt in all den Aufnahmen den erfahrenen Mann hinter der Kamera, gerne wäre man noch tiefer in diese Landschaften und somit in das Filmsujet eingetaucht.

Nach dem Film und kurzem Ausharren im dunklen Kinoraum, wurde das Licht angemacht und Tamriko Kordzaia setzte sich zum zweiten Mal ans Piano. Ihr bewegendes Spiel bestehend aus musikalischen Miniaturen von Leos Janácek, Domenico Scarlatti und Luigi Dallapiccola stand für sich und ohne erkennbaren Zusammenhang mit den beiden Filmen, obwohl die Musikerin auch als Protagonistin in Intime Skizzen fungiert und es hierzu konzeptuelle Zusammenhänge gibt.

Der Videokünstler und Komponisten Jannik Giger zeigt in seinem Film einen absichtlich gestörten Kompositionsprozess ausgehend von unvollendeten Piano-Miniaturen des tschechischen Komponisten Leoš Janáček. Man sieht verschiedene Musikerinnen des Mondrian Ensemble Basel. Sie spielen auf ihren Instrumenten, werden dabei gefilmt, manchmal tauchen sie gleichzeitig als Projektion im Film auf und spielen und improvisieren erneut. Zwischendurch erzählen sie von ihren Erfahrungen, vor Publikum zu spielen. Ein spannendes Setting, wo Grenzen zwischen Film, Komposition oder Autorenschaft durchaus verschwinden können. Zu erwarten wäre gewesen, dass sich der performative Ansatz, der im Film zu erleben ist, durch das Livespiel der Pianistin in den Kinoraum fliesst und so als Performanz erfahrbar wird.

Ein konzertanter Filmabend diente als Grundidee. Der Abend wollte als performatives Ganzes verstanden sein und nicht als Vorführung von zwei Filmen mit einem Klavier als Intermezzo. In diesem Sinne war der konzertante Filmabend ein ambitionierter Versuch, Bühne und Leinwand mit uns als Publikum zu verschmelzen. Diese Absicht ist schön und liess neugierig hoffen, doch die Erwartung wurde gestern Abend leider nicht erfüllt, da die einzelnen formalen Elementen in einer Reihe standen – Musik, Film, Musik, Film, Ende –, ohne eine grössere Radikalität durch eine ineinandergreifende Entwicklung zu wagen.

Ansonsten ist weniger doch manchmal mehr, denn die beiden Filme haben jeder für sich Qualitäten, die sich zu entdecken lohnen.

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Schwemmgut war am diesjährigen Filmfestival «Visions du réel» in Nyon zu sehen, Intime Skizzen wurde 2015 im Kunstverein Freiburg gezeigt.

Text: Ruth Baettig
First published: September 17, 2016

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