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Klaus Rózsa | Staatenlos

«[…] Heute ist der Antisemitismus in der Schweiz wesentlich stärker. Aber ich bekam antisemitische Drohungen, wahrscheinlich auch von Polizisten, welche Zugang zu meinen persönlichen Daten hatten».

«[…] Das Spezielle an den Jugendunruhen der 80er Jahre war die Kontinuität. Ich konnte über einen Zeitraum von mehreren Jahren fotografieren und dabei die Veränderungen aufzeigen: die Kreativität der Bewegung, die Intensität der Kämpfe, die Entwicklung der Politik, die Aufrüstung der Polizei, die Repression, Siege und Verluste».

Klaus Rózsa ist ein bekannter und sehr engagierter Fotograf. Im Alter von zwei Jahren erlebte er ein Trauma während des ungarischen Volksaufstands 1956, als in seiner Anwesenheit eine sowjetische Granate die Wohnung seiner Familie traf. Der jüdische Vater Klaus, der die Konzentrationslager von Auschwitz und Dachau überlebte, hatte genug von Gewalt und Verfolgung. Die Rózsas flüchteten in die Schweiz. Aus diesem Grund verloren sie die ungarische Staatsangehörigkeit.

Klaus kam als kleines Kind nach Zürich und lernte schnell schwiizerdütsch. Er engagierte sich bei den Jugendunruhen in den achtziger Jahren und fotografierte gleichzeitig die urbanen Guerillas. Seine Einbürgerungsgesuche wurden dreimal aus politischen Gründen abgelehnt. Der Zürcher Fotograf wurde als Feind der bürgerlichen Ordnung betrachtet, weil er die Übergriffe der Polizei regelmässig aufnahm. Er blieb somit ganze 44 Jahre staatenlos.

Der Dokumentarfilm Staatenlos – Klaus Rózsa, Fotograf von Erich Schmid erzählt mittels Fotografien, Archivaufnahmen, Interviews und Inszenierungen seine Geschichte bis in die jüngsten Jahre, in welchen er trotz seiner Stellung als Gewerkschaftspräsident und Mitglied des Presserats erneut von der Polizei misshandelt und zusammengeschlagen wurde. Wir haben den Fotograf in Ristorante Cooperativo im Kreis 4 getroffen und interviewt.

Mattia Lento (ML): Klaus Rózsa, Sie treten als Erzähler in Ihrer eigenen, ausserordentlichen Biografie im Film auf. Haben Sie auch eine Rolle im kreativen Prozess des Films bzw. der Dramaturgie gespielt?

Klaus Rózsa (KR): Erich Schmid und ich haben uns 2010 im Volkshaus am Helvetiaplatz zum Mittagessen getroffen. Plötzlich fährt ein Polizeiwagen mit Sirene vorbei und ich zucke zusammen. Erich macht einen Witz darüber. Daraus ergibt sich eine Diskussion und ich erzähle Erich, dass ich seit dem Polizeiüberfall auf mich vom 4. Juli 2008 oft zusammenzucke, wenn ich in Zürich einem Streifenwagen begegne. Dieses Gespräch führten wir bei Erich zuhause weiter und daraus entstand dieses Filmprojekt. Wir haben sehr intensiv zusammen gearbeitet. Erich hat mich etwa 50 Stunden lang interviewt, wir haben Retraiten in Cannes und Budapest geführt. Alle Gespräche wurden transkribiert und von Erich nachrecherchiert. Natürlich haben wir auch über den kreativen Prozess und die Dramaturgie gesprochen. Aber während den Dreharbeiten habe ich mich nicht in die dramaturgische Arbeit eingemischt. Erich Schmid ist der Regisseur.

ML: Einige KritikerInnen haben die Subjektivität des Films kritisiert. Was meinen Sie dazu?

KR: Der Film ist ein Film, nicht eine Fernsehreportage. Er stellt meine Sichtweise und die daraus resultierende Konsequenz des Regisseurs dar. Abgesehen davon haben wir einige Politiker zu Gesprächen eingeladen. Wir haben alle Polizeipräsidenten seit 1990 eingeladen, sich zu äussern. Dies waren Robert Neukomm (SP), Esther Maurer (SP) und Daniel Leuppi (Grüne). Alle haben sich unisono geweigert.

ML: Warum hat sogar ein SP-Stadtpräsident wie Josef Estermann den Antrag auf Nichteinbürgerung unterschrieben?

KR: Das ist die Frage! Wir haben ihm die Frage auch gestellt, er hat Antwort gegeben. Und dann hat er gerichtlich verboten, das Gespräch im Film zu zeigen. Ich war geschockt, dass ein Parteigenosse mein Bürgerrechtsgesuch ablehnte.

ML: Welche konkreten Konsequenzen hatte Ihre Staatenlosigkeit für Sie?

KR: Es war eine massive Einschränkung meiner Reisetätigkeit. Ich musste zum Beispiel sogar für eine Reise nach Österreich ein Visum einholen. Ich sass im goldenen Käfig namens Schweiz. Bei meiner Arbeit hat diese Einschränkung zu grössten Schwierigkeiten geführt, denn ich wurde ja als Pressefotograf massiv in meinen Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt!

ML: Der Film erwähnt die antisemitischen Drohungen, die Sie bekommen haben. Haben Sie damals oft eine antisemitische Atmosphäre in Zürich gespürt?

KR: Nein. Heute ist der Antisemitismus in der Schweiz wesentlich stärker. Aber ich bekam antisemitische Drohungen, wahrscheinlich auch von Polizisten, welche Zugang zu meinen persönlichen Daten hatten. In der Öffentlichkeit war nicht bekannt, dass ich jüdisch bin.

ML: Was bedeutete Ihnen, die Jugendunruhe in Zürich auf politischer und künstlerischer Ebene zu fotografieren?

KR: Das Spezielle an den Jugendunruhen der 80er Jahre war die Kontinuität. Ich konnte über einen Zeitraum von mehreren Jahren fotografieren und dabei die Veränderungen aufzeigen: die Kreativität der Bewegung, die Intensität der Kämpfe, die Entwicklung der Politik, die Aufrüstung der Polizei, die Repression, Siege und Verluste. Das ist bei einzelnen Kämpfen der Arbeiterbewegung, der Jugend – von was auch immer – so nicht möglich. Es bleibt meist bei einer Momentaufnahme.

ML: Arbeiten Sie heutzutage an neuen künstlerischen oder politischen Projekten?

KR: Ja, ich arbeite auch als Kameramann. Letztes Jahr habe ich einen Dokumentarfilm fotografiert über ein Massaker in Rumänien während des 2. Weltkrieges. Dieses Jahr wird es einen zweiten Teil geben. Ich mache politische Kunst. So auch als Kameramann bei einem Projekt über den internationalen Frauenhandel. Wir haben mehrere Wochen in Buenos Aires gedreht. Ich organisiere auch Ausstellungen. Aktuell bringen wir die Bilder von Andrea Rocchelli, ein italienischer Fotoreporter, der in der Ukraine ermordet wurde, nach Zürich. Und erst kürzlich ist meine Ausstellung in der Galerie Baviera im Kreis 4 zu Ende gegangen.

Text: Mattia Lento

First published: April 07, 2017

Klaus Rózsa | Interview

Staatenlos - Klaus Rózsa, Fotograf | Film | Erich Schmid | CH 2016 | 96’

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