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Judith Albert

[…] Aus dieser Konfrontation mit dem Akt des Sehens an sich, der Ansicht, dem Ersehen und somit dem Erzeugen des Seins, ergibt sich eine spannende Reflexion über das Medium Video.

[…] Als Filme im Ausstellungsraum betrachtet, sind Alberts Video ein paradigmatisches Beispiel der Materialität des Films. Der Film ist hier ein projektiver Stoff, ein interaktives Mittel, eine Verkörperung der Ansicht.

In der Ausstellung «Point(s) de vue» im Musée Jurassien des Arts in Moutier stehen nicht die subjektiven Aspekte der Perspektive im Zentrum, sondern das Sehen als Faktum, als physische Einstellung. Das ist ein perfekter Ausstellungsrahmen für Judith Alberts Werke, die sich ständig mit dem Sehen in einer körperlichen Weise beschäftigen. Aus dieser Konfrontation mit dem Akt des Sehens an sich, der Ansicht, dem Ersehen und somit dem Erzeugen des Seins, ergibt sich eine spannende Reflexion über das Medium Video. Judith Alberts Videos dienen nicht als Instrument, eine Geschichte zu erzählen. Vielmehr erfährt man sie als eine Erweiterung der Fotografie mit dem Zweck, eine breitere und gleichzeitig vertieftere Sichtfläche zu erfassen.

Landschaft ist ein wiederkehrendes Thema, geradezu die ursprüngliche Grammatik von Alberts Kunstsprache. Die Landschaft wird von der Künstlerin physisch, körperlich erfasst und im Ausstellungsraum ebenso gesetzt. Durch die Videomontage, die Bildüberlappungen oder die rein optischen Effekte wird die Landschaft zur Skulptur. Judith Albert selbst interveniert mit äusserst minimalen Handlungen ins Bild und ihr Körper wird ein Teil des Videosettings (siehe zum Beispiel «Hinter dem Horizont» und «Modell für einen blauen Berg»).

Nicht nur ihre Videos zeigen ein skulpturale Landschaft, sondern sie sind als Videoprojektionen skulptural behandelt. Die architektonische Aufstellung ihrer Videos bilden eine zweite, wichtige Schicht, die der Körperlichkeit ihrer Arbeiten dient. Im und mit dem Video kreiert Judith Albert eine Poetik der Manipulation auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Inhalt und Form oder dem Lot, das zur Schwerelosigkeit führt.

Als Filme im Ausstellungsraum betrachtet, sind Alberts Video ein paradigmatisches Beispiel der Materialität des Films. Der Film ist hier ein projektiver Stoff, ein interaktives Mittel, eine Verkörperung der Ansicht.

In «Mare mosso» finden alle diese Aspekte ihres Schaffens eine vollkommene Synthese. Es zeigt sich eine Meereslandschaft, diese Aussicht ist auch – im wahrsten Sinne des Wortes – eine poetische Manipulation der Landschaft. Man sieht ein skulpturales Bild vom Meer und simultan die Geste des Reissens von Papier. Diese architektonische Trompe-l’oeil Installation stellt unsere Perspektive, unsere “point(s) de vue”, unser Sehen und letztlich unser Sein in Frage. In unserer Rezeption des Werks erleben wir eine Vielzahl von möglichen Verwandlungen des Sehens als körperliche Erfahrung. Erst am Ende dieser Verwandlungen kommt das Bild.

Judith Alberts Kunst, ihre Körperlichkeit, ihre “Poetik der Manipulation”, hat immer einen performativen Kern. «Privato» beweist dies sehr gut. Das Video zeigt eine ständige, paradoxale Verschiebung der Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten: Das Video demonstriert so eine performative Intervention, wobei das Bild nur das Ergebnis der Aktion ist. Gleichzeitig ist dieses Video am Rande zwischen zwei Etagen des Ausstellungsraums installiert. Der Projektor ist auf der Treppe montiert und ein Hindernis, wenn man auf die untere Etage gelangen will. Das projizierte Bild wird dabei zwangsläufig durch den geworfenen Schatten der Aktion des Besuchers gestört. Das Performative ist somit nicht nur im Video anwesend sondern auch in der Projektion selbst.

Die Ausstellung in Moutier (mit weiteren Werken von Jean-Daniel Berclaz, Didier Rittener und Ruedy Schwyn) ist eine ideale Gelegenheit, Judith Alberts Werk zu entdecken und zu erfahren, wie die Künstlerin mit einer minimalistischen Grammatik einen hoch komplexen und mehrschichtigen Diskurs über das Sehen und dessen körperlichen Verwicklungen gestaltet.

Text: Giuseppe Di Salvatore
First published: July 26, 2016

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