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Human Rights Film Festival Zurich

[…] Sind wir noch fähig, Menschenrechtsverletzungen wahrzunehmen? Nein, muss man sich am Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2016 wohl eingestehen, zumindest nicht in einer Form, die uns selbst betroffen macht, uns selbst als Mittäter entlarvt in unserer alltäglichen Passivität.

[…] Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten wissen wir: Wer die beste Geschichte erzählt, kann die Menschen für sich gewinnen. Das gilt nicht nur für Politiker und militante Bewegungen, sondern auch für Künstlerinnen und Reporter.

[…] Dabei bleiben wir mit den Gedanken und Gefühlen nicht alleine auf dem Sofa zurück, sondern stossen auf die Resonanz anschliessender Diskussionen, vielleicht sogar neuer Projekte, die uns in die Position von Handelnden versetzen.

Sind wir noch fähig, Menschenrechtsverletzungen wahrzunehmen?
Nein, muss man sich am Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2016 wohl eingestehen, zumindest nicht in einer Form, die uns selbst betroffen macht, uns selbst als Mittäter entlarvt in unserer alltäglichen Passivität.
Heute aber sind wir bereit, an diesem sonnigen Nachmittag, uns mit dem Unbequemen zu konfrontieren im dunklen Kinosaal, bereit, darüber nachzudenken, weshalb wir denn so abgestumpft sind, so tatenlos, so ohnmächtig.
Die Schuldigen sind wie so oft schnell gefunden, doch damit begnügen wir uns heute nicht, denn am Human Rights Film Festival in Zürich suchen wir nach Antworten, die über die Anklagen hinausgehen. Doch seien sie benannt, die Nachrichtenmedien, die uns in Echtzeit mit Bildern und Zahlen von Toten und Verletzten beliefern, von Bombardements und weinenden Menschen, um gleich darauf mit der nächsten Meldung zum Tagesgeschäft überzugehen. Seien sie benannt, die Unterhaltungs- und Lifestyle-Blasen, in die wir uns einhüllen wie in einen Kokon, der Glückseligkeit verspricht. Sei er benannt, der globale Wettbewerb, der uns wie Marathonläufer irgendwann, irgendwo auf der Strecke lässt.

Gulistan, Land of Roses und Jihad, a Story of the Others sind Dokumentarfilme über Menschen, die in der kurdischen Arbeiterpartei PKK oder beim Islamischen Staat ihren Kokon bilden. Es sind Erzählungen über Kämpferinnen und Kämpfer, die sich mithilfe der von ihnen selbst gewählten Gemeinschaften eigene Rollenbilder schaffen, ein Verständnis von Männlichkeit oder Weiblichkeit leben, das ihnen erlaubt, aus den für sie vorgesehenen Lebenswegen auszubrechen.
Die Hinwendung zum Krieg, die Verbrüderung mit der Waffe als Reaktion auf die subtile Gewalt starrer gesellschaftlicher Strukturen.

Den am Human Rights Filmfestival präsentierten Filmemacherinnen trauen wir moralische Integrität zu, wir vertrauen uns ihnen an, wenn sie uns mitnehmen auf eine Suche nach Erkenntnis, uns teilhaben lassen an den Gesprächen und Beziehungen, die sie zu den Protagonistinnen und Protagonisten aufbauen. Deeya Khan (Jihad) macht es uns diesbezüglich leicht, tritt sie doch selbst als Protagonistin auf, die ihren Reflexions- und Rechercheprozess dokumentiert. Zayne Akyol (Gulistan) versorgt uns mit weniger Hintergrundinformationen; für eine Einordnung muss die Zuschauerin auf ihr eigenes Vorwissen zurückgreifen, die Frage, wie Akyol ihre eigene Rolle sieht, wird erst im Nachgespräch beantwortet.

Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten wissen wir: Wer die beste Geschichte erzählt, kann die Menschen für sich gewinnen. Das gilt nicht nur für Politiker und militante Bewegungen, sondern auch für Künstlerinnen und Reporter. Und so fällt auf, dass uns die in Gulistan und Jihad porträtierten Menschen, die getötet haben oder bereit sind zu töten, schön und sanft erscheinen, wir Sympathien für sie entwickeln, uns das Panorama der nächtlichen Stadt an der Kriegsfront geradezu friedvoll erscheint. Dass keine Gewalt gezeigt wird, muss zuerst durchschaut werden, dass die Landschaftsbilder wie ein Gedicht komponiert sind, dass die Kamera ganz nahe dran ist an den Gesichtern, wir unmittelbar in die Augen der Protagonistinnen blicken.

Endet die Geschichte also stets bei dem, was wir bereit sind, zu glauben?
Nicht unbedingt, und es ist ausgerechnet ein für Filmfestivals eher untypischer Beitrag, der diesbezüglich Aufschluss gibt. Liquid Traces – The Left-to-Die-Boat ist die Arbeit eines Forschungsinstituts der Goldsmiths University of London namens «Forensic Architecture». Das Video dokumentiert die Odyssee eines Flüchtlingsbootes nach Libyen, das 14 Tage auf hoher See trieb, dabei mehrfach Notrufe aussandte, von unzähligen Radaren und Satellitenbildern erfasst, von Helikoptern der Nato fotografiert, von Kriegsschiffen und Fischerbooten gekreuzt wurde, aber stets sich selbst überlassen blieb, bis die Insassen verdursteten, verzweifelten, und schliesslich nur elf Überlebende wieder an der Küste Libyens strandeten.

Im Zeitalter des Postfaktischen erzählt Liquid Traces einen fesselnden Krimi, der auf Belegen beruht, aber fast vollständig ohne Kameraufnahmen auskommt. Akribisch rekonstruiert der Beitrag die dichten Aufzeichnungen von Satelliten und Radaren, die das Mittelmeer zu einem der bestüberwachtesten Seeräume machen, und gleichzeitig zu einer tödlichen Waffe. Auf dem digitalen Tableau einer wie in Öl gemalten, blauen, von schwarzen Strömungen durchzogenen Masse, entfalten sich Daten, Punkte und Striche zu einer beklemmenden Erzählung. Begleitet vom pulsierenden Geräusch des Meeres, der ruhigen Stimme des Chronisten kulminiert der Report in einer schreienden Anklage an Individuen und Regierungen, die angesichts menschlichen Leides nur Verantwortung von sich schieben.

Es ist erstaunlich, welch starke Emotionen eine grafische Darstellung hervorrufen kann, wenn sie dramaturgisch und ästhetisch bewusst gestaltet ist. Das Werk hinterlässt den Eindruck von Dringlichkeit, sich zu solidarisieren und aktiv zu werden gegen die Ignoranz. Vielleicht liegt es auch nur schon daran, dass die Darstellungsform von Liquid Traces innovativ erscheint, während Bilder von Flüchlingscamps und Interviews mit Betroffenen stets dasselbe zu wiederholen scheinen. An einem Festival vermengen sich die Perspektiven ganz unterschiedlicher Beiträge zu einem umfassenden Blick. Dabei bleiben wir mit den Gedanken und Gefühlen nicht alleine auf dem Sofa zurück, sondern stossen auf die Resonanz anschliessender Diskussionen, vielleicht sogar neuer Projekte, die uns in die Position von Handelnden versetzen. Solche öffentlichen Foren sind Modelle für einen demokratischen Dialog; sie nehmen sich Zeit und wagen die Vertiefung. Es ist eine grosse Aufgabe von Kultur- und Medienschaffenden, Künstlern und Wissenschaftlern, sich sehr intensiv darüber Gedanken zu machen, wie Dinge neu erzählt werden können, damit wir wieder bereit sind, genauer hinzusehen, zuzuhören – und nachzufragen.

Text: Jacqueline Beck
First published: December 15, 2016

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