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Festival International du Film Alpin des Diablerets

[…] «Die Skiorte müssen sich etwas einfallen lassen im Hinblick auf eine Zukunft mit weniger Schnee.» Es könnte das Erzählen von guten Geschichten sein.

[…] Vor solcher Kulisse vermag man über sich selbst hinauszuwachsen. Das Ausseralltägliche verändert den Blick auf das Ich und die Welt, und es ist dieser Gedanke, den das FIFAD transportiert.

Zwischen dem Berner Oberland, dem Rhonetal und der Waadtländer Riviera führt eine Luftseilbahn zum Bergmassiv Les Diablerets. Auf 3000 Metern erstreckt sich eine Hängebrücke von Gipfel zu Gipfel, die Aussicht auf das Alpenpanorama mit Eiger, Mönch und Jungfrau, Montblanc und Matterhorn muss schlicht überwältigend sein. In unmittelbarer Nähe das glitzernde Weiss des Gletschers: Es gibt Momente, in denen sich einem die Erhabenheit der Natur offenbart, man abzuheben scheint, sich selbst vergisst angesichts der wuchtigen Schönheit einer Komposition von immerwährendem Fels und Farbe.

Alpinisten, Extremsportler, Naturliebhaber und Ausflügler treffen in diesem Gebiet aufeinander, und vielleicht vereint sie mehr, als man zunächst glaubt: Vor solcher Kulisse vermag man über sich selbst hinauszuwachsen. Das Ausseralltägliche verändert den Blick auf das Ich und die Welt, und es ist dieser Gedanke, den das Festival International du Film Alpin des Diablerets (FIFAD) transportiert, das Anfang August am Fusse der Teufelshörner Ausgangspunkt für derlei Erfahrungen ist.

Vor 47 Jahren gegründet, war es zunächst Szenetreff für Bergsteiger und Filmemacher, die – häufig in Personalunion – ihre Gipfelbesteigungen unter waghalsigen Bedingungen mit der Kamera dokumentierten. «Heute reicht es nicht mehr, einen Berg und seine Bezwingung zu zeigen», sagt Jean-Philippe Rapp, der 2007 die Direktion des Festivals übernahm. «Man muss eine Geschichte erzählen.» Bereits unter seinem Vorgänger hatte man deshalb eine Öffnung vollzogen: Neue Kategorien kamen hinzu, zahlreiche Filme thematisierten nun auch die Lebensbedingungen in den Bergregionen der Welt, den Klimawandel oder die Folgen des exzessiven Outdoor-Tourismus.

So auch Sherpa, der Gewinner des diesjährigen Grand Prix du Festival, ein Film, der sehr nahe dran ist an den Menschen und Dramen, die sich zuweilen am Berg abspielen. Ein australisches Filmteam begleitet eine Gruppe von Sherpas auf den Everest, um die Hintergründe der sich zuspitzenden Spannungen zwischen den Trägern und ihren Auftraggebern zu ergründen. Dabei werden die Filmemacher Zeugen eines grossen Lawinenunglücks, das 2014 16 Sherpas in den Tod riss: Spiegel für den Schmerz des Volkes über die im Dienste des Tourismus sich vollziehende Entfremdung von ihrem heiligen Berg.

Sherpa gewann zahlreiche Auszeichnungen an internationalen Festivals, und zeigt, wie weit sich der dokumentarische Bergfilm im Hinblick auf die technische Qualität und Erzählweise entwickelt hat. Gleichzeitig stellt er eine Ausnahmeerscheinung dar, denn der Produktionsaufwand ist enorm, und nur wenige Filme dieses Genres schaffen es auch in die hiesigen Kinos. «Teil unserer Mission ist es, das alpine Filmschaffen voranzubringen», sagt Jean-Philippe Rapp. «Es gibt in diesem Bereich sehr talentierte Filmemacher, doch sie haben wenige Möglichkeiten, ihr Können zu zeigen.»

So nimmt das FIFAD als Plattform eine wichtige Rolle auf internationaler Ebene ein; rund 140 Bewerbungen gab es dieses Jahr für die Aufnahme in den Wettbewerb um einen «Diable d’Or» – es sind Auszeichnungen, die nicht nur filmische, sondern auch aussergewöhnliche menschliche Leistungen hervorheben. Mit Hommagen an herausragende Entdecker wie etwa Claude Nicollier und Konferenzen zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten wie dem Wiederaufbau nach dem Erdbeben in Nepal wird Les Diablerets darüber hinaus zu einem Ort der Vernetzung, des Austauschs und der Horizonterweiterung. «Es macht mich stolz, zu sehen, dass im Saal neben dem Bergbauern ein Bankier aus Genf und eine Studentin sitzt», freut sich Rapp. Einen Besucherrekord von 22’000 Zuschauern verzeichnete das Festival in diesem Jahr, massgeblich dazu bei trägt das Ambiente eines Dorffestes mit zahlreichen Essenständen sowie die geschickte Programmierung: Der Eintritt gilt für einen ganzen Abend, auf den Tierfilm folgt ein virtueller Base Jump, dann eine Reise nach Burma – «das Publikum weiss, dass es auf jeden Fall etwas sehen wird, das ihm gefällt».

Das FIFAD knüpft inhaltlich und strukturell an die Realität eines Dorfes an, das vom Tourismus lebt, den Berg aber nie ganz beherrschen kann: War es vor 300 Jahren ein gewaltiger Felssturz ob Derborance, der die Region erschütterte und Charles Ferdinand Ramuz zu einem Roman inspirierte, so schmilzt heute hoch oben der Tsanfleurongletscher Jahr für Jahr um einige Zentimeter: «Die Skiorte müssen sich etwas einfallen lassen im Hinblick auf eine Zukunft mit weniger Schnee», meint Rapp. Es könnte das Erzählen von guten Geschichten sein.

Text: Jacqueline Beck

First published: August 17, 2016

Festival International du Film Alpin des Diablerets – FIFAD | Les Diablerets | 6-13/8/2016

FIFAD Website

Sherpa | Film | Jennifer Peedow | AUS-NPL 2015 | 96’ | FIFAD Led Diablerets | Grand Prix du FIFAD

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