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Europe, She Loves | Jan Gassmann

«Ist die Liebe nicht doch ein bisschen eine Erfindung unserer Zeit, unserer Gesellschaft?»

«Für mich steckt viel Hoffnung in der Zerstörung und aus dem Chaos kann auch etwas Neues kommen.»

«Die Menschen im Film sind nie Opfer. Ihre Lebenswelt hat Höhen und Tiefen, und die zeigen sie uns.»

Filmexplorer hat sich mit Jan Gassmann in seiner Wohnung ausführlich darüber unterhalten, ob die Liebe eine Erfindung unserer Zeit ist und ob Reduktion nicht auch ein Gewinn ist. Auf jeden Fall muss für Gassmann das Risiko, dass ein Projekt auch scheitern kann, immer mitgedacht werden.

Am Anfang des Filmprojektes stand ein Trip – an die Ränder von Europa, sollte er führen. Ein Bus wurde gekauft, vier Leute mit minimaler, jedoch professioneller Ausrüstung stiegen ein. Los ging es. Die Reise dauert drei Monate: vier Städte, vier Paare, 10 Tage Drehzeit pro Aufenthalt. Es wurde präzise geplant, der Zeitplan musste eingehalten werden. Diese Einschränkungen öffneten Freiräume sowohl für die Protagonisten, wie auch für das kleine, nur aus vier Personen bestehende Drehteam. Was genau gefilmt werden konnte, zeigte sich oder auch nicht. Die Fragestellung war klar: Ist Liebe Fiktion? Wie zeigt sich Liebe im Nichts des Alltages? Wie beeinflusst die Krise eine Liebe? Wo ist die Generation Y?

Entstanden ist ein dichter Film mit viel Nähe in jeder Geste. Nacktheit wird als Element eingesetzt, die Kamera bleibt schonungslos nah dran, man kann sich ihrem Fokus nicht entziehen. Die Liebesszenen mögen manchmal etwas zu stereotypisiert wirken – oder sind es unsere mediengewohnten Augen, die so sehen? Obwohl man sich schon fast in einer Fiktion wähnt, wird klar, diese Paare, diese Körper, diese Menschen auf den Demonstrationen, in den Clubs, die Stimmen aus dem Radio, das mediale Rauschen, das ist nicht fiktional. Diese Generation existiert, mit eben jenen Sorgen und mit eben jenem Wunsch nach Ekstase. Gassmann gelingt es, ein Bild von Europa und der Liebe zu zeichnen, das zwar düster und melancholisch anmutet, durch das «She Loves», stellvertretend für das Weibliche, jedoch einen möglichen Weg in die Zukunft weisen kann und uns die Hoffnung erhalten lässt. Jan Gassmann liebt das Risiko, liebt es da vorzudringen, wo er auf Unbekanntes stossen kann. Er will lernen, über sich, die anderen, die Welt und die Zeit, in der er lebt. Man kann auch mal scheitern, das ist der Preis für das Risiko, den man bereit sein muss, zu zahlen.

Es wird klar, solche Filmprojekte erfordern eine unglaubliche Konzentration im Moment des Erschaffens, ein Gespür für das Gegenüber, für das, was gerade passiert und eine Intuition, die ebenfalls an die Grenzen geht. Erwähnt muss an dieser Stelle auch das Team werden, allen voran Ramon Giger, der sein Können als Kameramann einmal mehr unter Beweis stellt. Gassmann und Giger sind ein eingespieltes Team, schon lange, und das alles macht auch «Europe, She Loves» aus.

Text: Ruth Baettig | Audio/Video: Ruth Baettig

First published: October 04, 2016

Europe, She Loves | Film | Jan Gassmann | CH-DE 2016 | 100’ | Zurich Film Festival 2016

Best Swiss Film at Zurich Film Festival 2016

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