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Ein Abend für Peter Liechti

Texte sind in Peter Liechti’s Werk ein sehr starkes Element. Wie kann man, nach seinem allzu frühen Tod, seinen künstlerischen Geist aufleben lassen? Im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg hat die Schauspielerin Nikola Weisse (die Hasenmutter-Stimme in Liechti’s «Vaters Garten»), mit der musikalischen Begleitung von Petra Ronner am Klavier, nach einem Konzept von Jolanda Gsponer, eine überzeugende Form gefunden: eine Lesung, in der die Stimme die gedankliche und emotive Landschaft von Peter Liechti verkörpert hat. Eine wandelnde Wanderung des Filmischen ins Performative.

Zusätzlich zu den Audioausschnitten der Lesung lassen wir Peter Liechti zu Worte kommen – Ausschnitt vom letzten Film «Dedications» (Text unten publiziert). Ganz unten findet man den Link zu Ruth Baettigs Interview mit ihm zu «Vaters Garten» (Herbst 2014).

Was darf ich einem Publikum zumuten? | Audio Ausschnitt der Lesung, 1

Über die erquickliche Wirkung der Kunst | Audio Ausschnitt der Lesung, 2

Der Hund ist dicker geworden | Audio Ausschnitt der Lesung, 3

Auszüge aus Klartext und Lauftext, erschienen bei Vexer


«Am liebstem würde ich mich ein Jahr lang mit einem einzigen Thema befassen: mit NICHTS... Um das NICHTS zu erfassen, muss erst möglichst viel von seiner Umgebung gezeigt werden, denn rund um das NICHTS ist ETWAS, möglicherweise besonders viel davon, als ob das NICHTS ist ein Vakuum erzeugen und damit eine besondere Anziehungskraft ausüben würde. NICHTS ist ein Loch, von dem alle annehmen, es müsste mit ETWAS aufgefüllt werden. Damit es keine Löcher mehr gibt im Universum, keine unberechenbaren Leerstellen. Horror vacui – der Horror, dass hinter diesem ganzen ETWAS ein grosses schwarzes NICHTS steht, das aus seinem leeren Inneren heraus, ein kurzes Aufstossen, eine dünne Blase ausgeatmet hat, die sich für den Bruchteil einer Ewigkeit aufbläht zu ETWAS, um sie gleich wieder platzen zu lassen, ebenso spur – wie sinnlos. Gerade dort, wo das Getöse am lautesten ist, ist die Nähe zum NICHTS am besten zu spüren. Das NICHTS ist viel näher beim Leben als beim Tod. Der Tod ist die Abwesenheit von Leben, für alle feststellbar. Das NICHTS ist weder am Leben noch am Tod interessiert; es macht beide lächerlich im Bemühen darum, ETWAS sein zu wollen... Statt uns zu fürchten vor dem gewaltigen NICHTS, sollten wir vielleicht lernen, es zu lieben. Uns nach hinten zu lehnen und dem NICHTS zu lasuchen. Mitten im Filpperkasten unserer Zivilisation der grosse alte NICHTS herauszuhören – und es geniessen.

Hallo NICHTS, hier bin ich, oder auch nicht! Ich werde einen Film über dich machen, einen Film voller Sachen, Bilder und Geräusche.»

«Eigentlich wollte ich nur wissen, wie das Wetter wird – und ich erfahre, dass morgen die Welt untergeht... Ich lebe – das fühlt sich nur noch kraftlos an nach diesem Befund. Die machen keine Witze hier, der Arzt schaut viel zu ernst und viel zu kalt; jede Möglichkeit zur Flucht in lindernde Ironie oder zumindest etwas Sarkasmus ist mir sofort genommen. Wie wenig es braucht, um in diese Schicksalröhre hineinzugarten, in die reissende Mitte dieses Sogs. An den Rändern sausen die Pläne vorbei, all die sorgsam gehegten Projekte... Und schon liege ich im geblümten Nachthemd in der Ecke eines Vierzimmers im 9. Stockwerk. Das Urteil scheint gefällt, doch der Prozess hat erst begonnen. Heute ist der zweite Tag, und ich versuche meine Verteidigung aufzubauen: Noch kann ich es nicht fassen, dass es mich non so herum erwischt hat... Wie weit kann ich überhaupt mich selber bleiben, wenn sich feindliche Zellen eingenistet haben im Körper; wenn mir Organe entfernt werden?

Draussen bricht die Sonne durch und verteilt ihre Strahlen über den Abendhimmel – wie sie mich langweilt mit ihrer öden Dramatik! Ich ziehe mich zurück in den Schatten des Zimmers und gönne mir etwas Selbstmitleid.»

Auszüge aus Dedications, erschienen bei Scheidegger & Spiess


Peter Liechti – ein Gespräch | Interview von Ruth Beattig

Text: Peter Liechti | Audio/Video: Ruth Baettig

First published: May 19, 2016

Ein Abend für Peter Liechti – Mit Nikola Weisse | Lesung mit musikalischer Begleitung | Aargauer Literaturhaus Lenzburg

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