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Distant Voices, Still Lives

Eine tiefe, eigensinnige Traurigkeit faltet sich über «Distant Voices, Still Lives» aus. Vielleicht hat das damit zu tun, wie sehr Terence Davies’ erster Langfilm kein Musical ist.

[…] Das Singen ist keine Befreiung, keine Ektase, keine Feier der Lebendigkeit. Es ist in einem handfesten Sinne Arbeit.

Distant Voices, Still Lives ist vielleicht eines der besten Musicals, die es gibt – und zwar deshalb, weil es ganz gewiss keines ist. Jede Situation in diesem Film schält sich aus dem Singen oder mündet in das Singen oder beides. Ob während einer Hochzeitsfeier, ob während des Pinkelns an den Gartenzaun, ob während eines Bombenangriffs im Luftschutzkeller. Gesungen werden Wiegenlieder, Trinklieder, Totenlieder. Gesungen wird immer. Die Szenen werden herbeigesungen oder weggesungen. Mal singt man alleine, mal im Chor; oft beginnt eine oder einer zu singen und die anderen setzen ein, singen mit – meist unisono. Eines aber fehlt in einem ganz bedeutenden Sinne in diesem um Musik und Gesangsszenen organisierten Film: die Bewegung, oder besser, die Bewegtheit. Jene Bewegtheit, die das Musical auszeichnet. Eine Welt in Bewegung, angetrieben durch Musik, durch Gesang.

Dis singenden Körper sehen wir oft in der Halbnahen; die Oberkörper wippen ein wenig mit, die Köpfe bewegen sich etwas, die Gesichter suchen einander, mal mit ernstem, mal mit freudvollem Ausdruck, je nachdem, was gesungen wird. Warum aber, müsste man fragen, wird bei all diesem Singen, zumal dem Singen auf Hochzeitsfeiern, eigentlich nicht getanzt? Ist Distant Voices, Still Lives ein Antimusical? In einem gewissen Sinne ja. Denn wie es der Titel des zweiten Teils dieses Films bereits benennt, geht es Davies hier ganz dezidiert darum, Musik gerade nicht mit der Bewegtheit kurzzuschliessen, sondern mit dem Stillstand, mit dem Stillleben. Eine emblematische Einstellung: Die Familie aus Liverpool – die Mutter, die drei Töchter und der Sohn – stellt sich vor einer Fotografie des verstorbenen Vaters auf und präsentiert sich dabei der Kamera, als wäre diese ein Fotoapparat. Sie posieren für das Familienfoto. Der Sohn legt die Hand auf die Schulter der sitzenden Mutter, die Töchter blicken mit ernster Geradlinigkeit in die Linse.

Das Leben gefrieren

Die Filmkamera gibt sich als Fotokamera. Sie lässt das Leben gefrieren; nicht wirklich, denn die Einstellung bleibt gefilmte Fotografie, bleibt bewegte, wenn auch nur minimal. Unbewegtheit müsste man das nennen – sie wäre genau das, was das Filmmusical nicht ist. Unbewegtheit ist aber auch nicht einfach mit dem Stillstand identisch, denn Unbewegtheit gibt es nur in Bewegung. Die Absurdität dieses Begriffs wird schon in einer der ersten Einstellungen deutlich, in einer Einstellung, die sehr an die Schlussszene von Antonionis Blow Up (1966) erinnern lässt. Die Mutter (Freda Dowie) ruft die Treppe hinauf nach ihren Kindern, die antworten von oben und aus dem Off, dass sie gleich herunterkämen. Wir sehen weiterhin den Treppenaufgang, wir hören die schnellen Schritte der Kinder nach unten trampeln, wir hören sie wieder ins Off verschwinden, mit der Mutter sprechen – und während dieser gesamten Szene sehen wir einzig einen menschenleeren Treppenaufgang. Die Kinder, die wir an der Stelle hören, die wir sehen, sehen wir nicht. Wir hören eine Bewegung, die wir nicht sehen, obwohl wir den Ort dieser Bewegung sehen. Auch das ist eine Form der Unbewegtheit.

Figurationen des Unbewegten

In solchen Figurationen des Unbewegten erzählt Terence Davies diese in den 1940er und 1950er Jahren angesiedelte Familiengeschichte in zwei Akten. Der erste, Distant Voices, hat lose den Tod des autoritären und gewalttätigen Vaters (Pete Postlethwaite) als Zentrum. Der zweite, Still Life, das Leben der mittlerweile grossgewordenen Kinder. Dass diese Erzählung, bei all dem doch oft so freudvollen Singen, derart traurig, ja trauervoll, im besten Sinne wehmutsvoll ist, liegt ganz entschieden daran, dass zwischen dem vielen Singen und der gleichzeitigen Lähmung ein dunkler Riss spürbar wird. Eine grosse Trauer, die noch nicht einmal an den Tod gekoppelt sein muss, die im Raum steht, ohne konkret kanalisiert zu sein, faltet sich über diesem Film aus. «I don’t feel any different», sagt Eileen (Angela Walsh) einmal in einer dieser festgefrorenen Situationen draussen an der Türschwelle. Gerade hat sie geheiratet, und dennoch fühlt sie keinen Unterschied in ihrem Leben. Die Welt, vielleicht lässt sich so der eigeninnigen Traurigkeit dieses Films ein wenig näherkommen, nimmt, da kann man noch so viel singen, keine Fahrt auf. Das Singen ist keine Befreiung, keine Ektase, keine Feier der Lebendigkeit. Es ist in einem handfesten Sinne Arbeit. Arbeit an einer Welt, die sich sträubt, die zu schwer ist, als dass sie, wie im Musical, sich drehen könnte wie ein Karussell, das schon bei dem leichtesten Schubser zu rotieren beginnt.

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First published by critic.de – August 2016

Distant Voices, Still Lives was screened at Bildrausch Filmfest 2017 in Basel

Text: Lukas Stern
First published: June 23, 2017

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