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Die Zeit des Bildes ist angebrochen! | La belle nivernaise

[…] Doch gab es mal eine Zeit, in der die Filmkritik, die Analyse des Films oder die Filmtheorie selbst die gleiche ästhetische Bedeutung der Filmpraxis besitzen konnte.

[…] In einigen Texten spricht man sogar – wie McLuhan später – von einer Überwindung des Zeitalters Gutenbergs, vom Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, das gerade heute wieder aktuell ist, wenn wir an die philosophische Denkrichtung des Transhumanismus denken, oder von Konzepten, die die zeitgenössische Reflexion über die Dominanz des Visuellen oder auch über das Virtuelle antizipieren.

Wann haben wir die Freude an der Provokation, der Hyperbel und der Phantasie verloren? Die Institutionalisierung der Filmwissenschaft an den Universitäten hat positive Konsequenzen für die soziale Anerkennung des Kinos gehabt. Niemand kann es absprechen. Dennoch hat dieser Prozess eine Rolle in der allgemeinen Versteifung des Schreibens über den Film gespielt. Doch gab es mal eine Zeit, in der die Filmkritik, die Analyse des Films oder die Filmtheorie selbst die gleiche ästhetische Bedeutung der Filmpraxis besitzen konnte. Es war das Zeitalter der Entdeckung des Mediums, der Beginn der Sesshaftigkeit des Kinos, besonders in den urbanen Gebieten, und der sukzessiven (und schwierigen) Anerkennung des Films innerhalb der Gesellschaft.

Mit dem Buch Die Zeit des Bildes ist angebrochen! (Alexander Verlag, Berlin), das 60 französische Texte aus den Jahren 1906–1929 präsentiert, könnten die deutschsprachigen LeserInnen diese junge und freche Art von Schreiben über das Kino und den Film wiederentdecken. Dies auch dank den Übersetzungen, die die Historizität der Texte und ihre lexikalischen Vielfältigkeit respektieren. Der von Margrit Tröhler und Jörg Schweinitz herausgegebene Sammelband ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Filmtheorie, aber er bietet gleichzeitig eine Unterhaltungslektüre und einen wertvollen Gegenstand für Cinephile. Das Buch wurde im Filmpodium Zürich am 28. Februar 2017 präsentiert.

Im Zeitalter von Internet ist eine digitale Verbreitung eines solchen Buchs mehr als angebracht: Einige Texte des Sammelbands sind in der Originalsprache im Internet verfügbar sowie weitere deutsche Übersetzungen von historischen Texten aus dem französischen Diskurs zu Film und Kino bis ins Jahr 1959; die Website ist noch im Aufbau begriffen. Neben bekannten TheoretikerInnen der Zwanziger Jahre wie Louis Delluc, Germaine Dulac, Ricciotto Canudo, Léon Moussinac, haben die Herausgeber einen Freiraum für frühere Beiträge und berühmte Schriftsteller, Psychologen, Ingenieure und Künstler geschaffen, die ihre Ideen zum Kino ausgedrückt haben. In jedem Fall sind die theoretischen Überlegungen noch heute aktuell: von den Beziehungen zwischen dem Kino und den anderen Künsten oder zwischen der siebten Kunst und der Wissenschaft bis zum Nachdenken über das Licht, die Bewegung, die Gestik oder die Photogénie. In einigen Texten spricht man sogar – wie McLuhan später – von einer Überwindung des Zeitalters Gutenbergs, vom Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, das gerade heute wieder aktuell ist, wenn wir an die philosophische Denkrichtung des Transhumanismus denken, oder von Konzepten, die die zeitgenössische Reflexion über die Dominanz des Visuellen oder auch über das Virtuelle antizipieren.

Von besonderen Wert ist die Veröffentlichung – zum ersten Mal vollständig in deutscher Sprache – von Bonjour cinéma (1921) von Jean Epstein, die ein Buch im Buch mit Gedichten, Aphorismen, dadaistischen Stücken und Illustrationen von Claude Dalbanne darstellt. Eine kleine Perle, die als theoretisches Werk sowie als literarisches und graphisches Experiment gilt. Von Jean Epstein war auch der Film, der im Anschluss an die Buchvorstellung im Filmpodium gezeigt wurde: La belle Nivernaise (1924), ein wenig bekanntes Schiffsdrama, das vor kurzem von der Cineteca di Bologna restauriert wurde. Epstein war in den Zwanzigern Jahren einer der Autoren, der die theoretische Aktivität mit dem Filmpraxis verband. Auch wenn die zwei Tätigkeiten bei ihm nicht immer kongruent verlaufen, ist es jedenfalls interessant, den osmotischen Austausch zwischen einer programmatischen Art des Schreibens und einer experimentellen und abwechslungsreichen Filmpraxis zu beobachten.

In La belle Nivernaise setzt sich Jean Epstein mit einem Genre auseinander, das in der Zeit sehr populär war. Es handelt sich um einen der ersten Filme des französischen cinéaste. Die von dem gleichnamigen Roman Alphonse Daudets adaptierte Geschichte ist recht einfach, ja fast trivial. Der Film ist, vielleicht auch aus diesem Grund, nicht so bekannt wie, zum Beispiel, die impressionistischen Meisterwerke des französischen Autors von La glace à trois faces (1927) oder La Chute de la maison Usher (1928). Er ist auch nicht vergleichbar mit dem berühmtesten Schiffdrama der Filmgeschichte L'Atalante (1934) von Jean Vigo.

Aufgrund dieses narrativen Materials ist es aber einfach, die filmische Ästhetik Epsteins zu beobachten. Die Handlung ist bei Epstein oft nebensächlich: Seine Filme sind auf Gesichter, Objekte, Details in Grossaufnahmen aufgebaut. Das künstlerische, oder besser metaphysische Interesse Epsteins ist auf die Photogénie der Welt fokussiert, nämlich die Verwandlung, Beweglichkeit und die Helligkeit der Dinge, die die Filmkamera weiter verändert und verschönert. Von diesem Film blieb uns weniger die Liebesgeschichte der zwei jungen Figuren in Erinnerung als die Rückstrahlung des Lichts auf dem Wasser, die dynamische Linie der Schiffe, eine nie banale filmische Syntax.

Epstein hebt die kinetischen Potentiale des Schiffdramas hervor. Er spielt mit der Spannung des dahin fliessenden Schiffes und dem Stillstand der darauf stehenden Figuren, mit der Kreuzung der Wasserfahrzeuge, mit dem vorbeiziehenden Landschaft entlang der Kanäle. Die Lebendigkeit des Films kommt auch von stilistischen Elementen her, die die impressionistische Ästhetik vorwegnehmen: poetische Überblendungen, unerwartete Kamerabewegungen, überraschende Aufnahmen und eine Montage, die nicht immer der Angelegenheit von Ursache und Wirkung folgt.

Die Projektion dieses Films wurde durch die Qualitäten eines Virtuosen der Stummfilmbegleitung, wie es Günter Buchwald ist, unterstrichen. Er hat dem Publikum mehr als eine Stunde einfallsreiche und verspielte Musik angeboten, ohne die optische Symphonie des filmischen Texts überzuspielen. Chapeau!

Text: Mattia Lento

First published: March 09, 2017

Die Zeit des Bildes ist angebrochen! | Book | Ed. Margrit Tröhler & Jörg Schweinitz | Alexander Verlag, Berlin

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La Belle Nivernaise | Film | Jean Epstein | FR 1924 | 69’ | Filmpodium Zürich | Piano: Günter Buchwald

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